3:1 im „Kellerduell“: Fechner erweist sich als guter Schachzug – und Pick ist Trumpf in der Zentrale

Für die Skeptiker war’s der alternativlose Pflichtsieg gegen den Tabellenletzten, der lediglich den totalen Zusammenbruch verhindert hat. Für die Zuversichtlichen war’s ein ordentlicher erster Schritt in eine neue Zukunft. Wie auch immer: Der 1. FC Kaiserslautern hat den FC Carl Zeiss Jena 3:1 geschlagen und den ersten Heimsieg der Saison eingefahren. Und auch wenn einige jetzt den ungeheuer originellen Bildvergleich mit der Schwalbe, die noch keinen Sommer macht, bemühen werden: Mit dem ersten Sieg unter seiner Regie hat Lauterns neuer Trainer Boris Schommers auch erste Duftmarken gesetzt. Er stellte während der Partie gleich mehrere Weichen Richtung Sieg, die so nicht unbedingt absehbar waren – offenbar auch für den Gegner nicht.

Zunächst mal reagiert der Trainers auf das Eigentorfestival beim 1:3 gegen TSV 1860 München gar nicht. Lediglich Manfred Starke kommt für den angeschlagenen Carlo Sickinger, ansonsten müssen alle Verlierer wieder ran, kein möglicherweise angegriffenes Nervenkostüm wird geschont. So hätte nicht jeder Coach entschieden.

Und es sieht erst einmal so aus, als ob dies keine gute Idee gewesen wäre. Schon nach sechs Minuten setzt die Lauterer Hintermannschaft ihre Serie vollendeter oder gefühlter Eigentore fort. Janik Bachmann und José Matuwala rücken bei einem Angriff Jenas durchs Zentrum gleich im Doppelpack aus der Mitte heraus auf den ballführenden Gegner, während die beiden Außenverteidiger ihre Höhe halten. So entsteht unmittelbar am Sechzehner ein freier Raum zum Anspiel, in den FCC-Stürmer Daniele Gabriele prompt hineinstößt und vollkommen einsam und verlassen vor Lennart Grill auftaucht. Beim Versuch, den FCK-Keeper auszuspielen, kommt Gabriele zu Fall, den Elfmeter verwandelt er sicher.

„Defensiv wie eine Schülermannschaft“, postet Sportjournalist Frederik Paulus auf „Twitter“. Treffender lässt sich’s nicht sagen. Grill sieht zudem Gelb. Gut, dass seit der Saison 2016/17 die „Doppelbestrafung“ nach Notbremsen so gut wie abgeschafft ist.  „Wenn der Schiedsrichter Elfer pfeift, kann er nicht Rot geben“, stellt auch der Coach nach dem Spiel klar.

DAS „BESPIELEN“ DES GEGNERS WIRD ZUM GEDULDSSPIEL

Danach sieht es lange Zeit nicht gut aus für den FCK. Der Trainer will, so hat er es erklärt und auch schon in den ersten Spielen praktiziert, dass der Ball nicht mehr einfach so nach vorne gebolzt wird, der Gegner soll statt dessen „bespielt“ werden. Ein sicher löblicher Ansatz für ein Team, das seine Spiele auf Sicht wieder dominieren und kontrollieren will. Ist es aber die beste Idee, dies mit einer nervlich angeschlagenen Elf in einem „Kellerduell“ der Dritten Liga durchzuziehen?

Wir erinnern uns an Sascha Hildmanns Worte in seinem ersten Interview in diesem Blog: „Reiner Ballbesitzfußball, der funktioniert in der Dritten Liga nicht. Denn nach spätestens sieben, acht Stationen bist du den Ball wieder los.“ Genau so sieht’s zunächst leider aus. Das geduldige „Bespielen“ beinhaltet nun einmal auch den ein oder anderen Rückpass, der zu Pfeifeinlagen führt. Als wäre die Stimmung auf dem „Betze“ nicht schon frostig genug.

Denn nur 16.083 Zuschauer markieren einen neuen Minusrekord für den FCK in der Dritten Liga. Zudem sind viele treue Fans aus der „West“ einem Boykottaufruf gefolgt, das Spiel von der Südtribüne aus zu verfolgen. Vor der Stehtribüne steht in großen Lettern: „Mit euren Leistung (v)erspielt ihr unseren Rückhalt.“

IN SOLCHEN SITUATIONEN HILFT NUR PICK – UND EIN BISSCHEN GLÜCK

Es sieht also gar nicht gut aus für den FCK. Der einzige, der sich immer wieder mal gut in Szene setzt, ist, wie schon seit Wochen, Florian Pick. Linksverteidiger Janek Sternberg gelingt es, sich einmal per Solo spielerisch aus einer bedrängten Situation zu befreien. Prompt dürfen Simon Skarlatidis und Christoph Hemlein gegen nur einen Jenaer Abwehrspieler aufs Tor zulaufen, doch Lauterns Zehner versagt beim Querlegen  auf den Flügelspieler.

In einer solchen Situation brauchst du einfach auch mal ein Quäntchen Glück. Und Das hat der FCK in der 31. Minute. Der aufrückende Rechtsverteidiger Dominik Schad setzt sich am rechten Flügel durch, die Gäste vermögen die Hereingabe nur kurz abzuwehren, Hemlein nimmt den zurückprallenden Ball volley – und trifft. Mit dem 1:1 geht’s in die Pause.

DANN KOMMT FECHNER – UND VERTEIDIGT VORWÄRTS

In dieser trifft Schommers die erste wichtige Entscheidung, die zum Sieg führt. Er bringt Gino Fechner für José Matuwila – als Innenverteidiger also. Fechner ist eigentlich Mittelfeldspieler, der bislang nur gelegentlich auch mal ganz hinten ausgeholfen hat. Mit André Hainault hätte auch ein gelernter Innenverteidiger bereitgestanden.

„Der Trainer hat mir natürlich nicht erklärt, weshalb er mich satt Hainault bringt, dazu ist in der Pause zu wenig Zeit“, erklärt der Eingewechselte hinterher. „Vielleicht wollte er mich ja, weil ich aus der Leipziger Fußballschule komme und das Vorwärtsverteidigen gelernt habe.“ In der Tat wollte Schommers einen Innenverteidiger bringen, der „ein gepflegtes Passspiel“ beherrscht, wie er hinterher berichtet.

Auf jeden Fall erweist sich Fechner als gute Wahl. Er sorgt nicht nur für ruhigeres Aufbauspiel, sondern markiert in der 78. Minute auch das 3:1, als nach einer abgewehrten Freistoßflanke Starke endlich mal energisch auf den „zweiten Ball“ nachgesetzt wird. Und kurz vor Schluss hat Fechner sogar noch die Gelegenheit, beim  „Vorwärtsverteidigen“ den diesmal glücklosen Christian Kühlwetter in Schussposition zu bringen, doch erneut scheitert das Querlegen knapp.

DIE WEICHEN ZUM SIEG: JONJIC REIN, PICK IN DIE MITTE

Das 2:1 hat Pick in der 69. Minute erzielt – nachdem, auch das muss erwähnt werden, die erste Großchance in Hälfte zwei Jena abermals durch Gabriele hatte. Picks Treffer vorbereitet hat der für Hemlein eingewechselte Toni Jonjic: Skarlatidis zimmert dessen flache Flanke zunächst an die Latte, Pick nimmt den Abpraller nicht, wie viele es getan hätten, direkt und mit vollem Risiko, sondern mit Ruhe und Übersicht an, schlägt noch einen Haken und schiebt ein.

Was zeigt: Pick ist gegenwärtig auch deswegen Lauterns beste Offensivkraft, weil er das nötige Selbstvertrauen hat. Dies hat Schommers nach der Pause ebenfalls optimal genutzt: Er zieht Pick in die Mitte, so dass er mehr zu Ballkontakten kommt. Skarladitis geht dafür auf den linken Flügel. Also noch ein Schachzug, der sich bewährt hat. Mal ganz abgesehen davon, dass Jonjics Einwechslung ebenfalls Früchte trug.

HÄLFTE ZWEI MACHT MUT – IN VIELERLEI HINSICHT

Zudem präsentiert sich Lauterns Spielanlage in Hälfte zwei insgesamt gefestigter. Das „Bespielen“ des Gegners klappt viel besser, das 2:1 hat Janik Bachmann nach einer frühen Balleroberung im Mittelfeld eingeleitet. Und nach der Führung zieht sich der FCK zu sehr zurück und beginnt zu flattern, sondern bewahrt die Kontrolle. Alles Dinge, die Mut machen – auch wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.

Doch das weiß auch Schommers: „Mit der spielerischen Leistung kann ich nicht zufrieden sein“, erklärt der Trainer nach dem Spiel. Aber: „Das Engagement und der Wille haben gestimmt. Die Mannschaft funktioniert und hält zusammen. Die Basis ist da.“ Also bleibt nur der Schluss: Weiter so.

Text: Eric Scherer    Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images