Gedankenspiele in der Länderspielpause: Auch spielkulturell kündigt sich beim FCK ein Umbruch an

Vier Ligapartien hat der 1. FC Kaiserslautern seit der letzten Länderspielpause ausgetragen. Dabei vier Punkte geholt, bei einem Torverhältnis von 6:11. Dazu ein mittelprächtiges 3:0 gegen den SV Gonsenheim im Verbandspokal. Das 1:6 in Meppen, welches auch das Ende der Amtszeit von Trainer Sascha Hildmann markierte, kann aus einer eingehenderen Betrachtung dieses Abschnitts getrost ausgeschlossen werden. Interessanter sind die Aufschlüsse, die sich aus den ersten Spielen unter dem neuen Coach Boris Schommers ziehen lassen. Seine Mannschaft soll den Gegner künftig „bespielen“, „dominant auftreten“, „agieren“. Wenn ihr tatsächlich gelingt, dies umzusetzen, wäre das für die Verhältnisse der Dritten Liga eine kleine spielkulturelle Revolution.

Den langen Ball nur schlagen, „wenn er entsprechend vorbereitet ist“, vornehmlich aber das Leder mit gepflegtem Passspiel bis ins Angriffsdrittel tragen – so stellt sich Schommers das FCK-Spiel unter seiner Regie vor. Das bedeutet im Grunde das, was gemeinhin als „Ballbesitzfußball“ bezeichnet wird, oder, dämlicher ausgedrückt, „Tiki Taka“. Weshalb dieses Wort so verdammenswert ist, haben wir in diesem Blog schon mehrfach erläutert: Es wurde in Spanien erfunden, um diesen Stil zu verballhornen. Der korrekte Ausdruck lautet eigentlich „el toque“ – die Berührung.

EXKURS: „BALLBESITZ-“ UND „VOLLGASFUSSBALL“

Dessen vorgeblicher Hohepriester Pep Guardiola hat das Sich-Zurechtlegen des Gegners mit schnellen Passstafetten beim FC Barcelona seinerzeit zwar nicht erfunden, aber bis zum Exzess perfektioniert. Bei Manchester City setzt Guardiola mittlerweile allerdings längst nicht mehr so entschieden darauf. Ebenso wenig, wie Jürgen Klopp beim FC Liverpool heute ausschließlich den vermeintlichen Gegenentwurf praktizieren lässt, den „Vollgasfußball“ mit dem vielzitierten „schnellen Umschalten“, mit dem Klopp vor allem 2010/11, in seinem ersten Meisterschaftsjahr mit Borussia Dortmund, erfolgreich war.

Guardiola und Klopp haben diese Ansätze zwar entscheidend geprägt, mit der Zeit  haben sich beide aber in vielen Teilen angeglichen, und das aus gesunden pragmatischen Erwägungen, denn beides macht Sinn, je nach Spielsituation. Gut organisiertes Pressing und Gegenpressing dagegen sind sowohl bei Guardiola als auch bei Klopp entscheidende Elemente.

COACH KOSTA: ONCE UPON A TIME IN PALATINA

Generell gilt „Ballbesitzfußball“ als empfehlenswert für Topteams, die ihre Ligen aufgrund ihrer individuellen Klasse ohnehin dominieren müssen, da die meisten ihrer  Gegner sich von vorneherein tief zurückziehen. In Deutschlands Zweiter und erst recht Dritter Liga heißt es im Allgemeinen, ausgedehntes Passspiel ließe sich da schon deswegen nicht praktizieren, da Spieler auf dem dafür notwendigen Niveau in diesen Klassen nicht zu finanzieren wären. Das sagte nicht zuletzt auch Lauterns Ex-Trainer Sascha Hildmann in diversen Interviews.

Doch wurde der herrschenden Meinung immer auch mal gepflegt widersprochen,  sogar beim 1. FC Kaiserslautern, nämlich in der Ära Kosta Runjaic von September 2013 bis September 2015. Der gebürtige Wiener, der im Rhein-Main-Gebiet aufwuchs, hat als junger Coach beim FC Barcelona hospitiert und dabei intensiv Guardiolas Stil studiert. In Lautern, damals Zweitligist mit Aufstiegsambitionen, brach Runjaic diesen phasenweise sehr ansehnlich auf dessen Möglichkeiten herunter.

Das Lautrer Publikum indes fremdelte des öfteren mit dem „Ballbesitzfußball“, der ihm zu oft in Ballgeschiebe ausartete. Auch gilt Runjaic in weiten FCK-Fankreisen heute als „gescheitert“, weil er es schlussendlich nicht schaffte, den FCK in die Erste Liga zurückzuführen. Dem muss entgegengehalten werden, dass vor allem die Saison 2014/15 äußerst unglücklich verlief, unter anderem wegen insgesamt vier gegen Lautern verhängten Elfmetern, die selbst Beobachter ohne Vereinsbrille als brutale Fehlentscheidungen bezeichneten. Selbst die Konkurrenz erkannte in dieser Spielzeit an, dass der FCK die fußballerisch beste Mannschaft stellte. Und: Lautern blieb unter Runjaic mal 21 (!) Heimspiele hintereinander ungeschlagen. Wer sich da heute dran erinnert, dem kommen leicht die Tränen.

DER FCN STÜRMTE 2017/18 MIT „BALLBESITZFUSSBALL“ NACH OBEN

Runjaic ging, als nach dem knapp gescheiterten Aufstieg der Kader im Sommer 2015 einen qualitativen Aderlass erfahren hatte, nach dem sich beim besten Willen kein erfolgreicher „Ballbesitzfußball“ mehr realisieren ließ. Unter anderem hatten die spielstarken Innenverteidiger Willi Orban und Dominique Heintz den Verein verlassen, beide sind heute Stammkräfte bei den Erstligisten Leipzig und Freiburg. Und Runjaic coacht mittlerweile den polnischen Erstligisten Pogon Stettin, den er im November 2017 auf einem Abstiegsplatz übernahm. Aktuell ist er Tabellenführer.

Auch Zweitligist 1. FC Nürnberg zelebrierte in der 2017/2018 ein technisch hochwertiges Passspiel, wie es dem Mainstream zufolge in dieser Klasse eigentlich kaum umsetzbar ist. Doch der „Glubb“ schaffte damit sogar den direkten Aufstieg. In der anschließenden Erstligasaison scheiterte er jedoch kläglich, weil er kein wettbewerbsfähiges Team zu finanzieren vermochte. Für den Schuldenberg, der den Verein bis heute drückt, wird in erster Linie ein bestimmter Ex-Funktionär verantwortlich gemacht, der im Moment noch… Okay, lassen wir das, das ist heute nicht unser Thema.

Jedenfalls: Als Cheftrainer dieses „Ballbesitz“-Teams fungierte Michael Köllner, der auch mit innovativen Trainingseinheiten auf sich aufmerksam machte, bei dem Ball- und Positionsspiel intensiv in den Mittelpunkt gerückt wurden. Und sein Assistent in dieser Zeit hieß – hört, hört – Boris Schommers.

PASSSPIEL KULTIVIEREN: VORNE HAT SCHOMMERS EINIGE MÖGLICHKEITEN

Dass der 40-Jährige nun auch in Kaiserslautern diese Ideale pflegen will, erstaunt also nicht. Dies in der Dritten Liga zu versuchen, erscheint jedoch noch ehrgeiziger als in der Zweiten. Und wie exzessiv genau Schommers das gepflegte Passspiel am Betzenberg kultivieren will, lässt nach gerade mal vier Pflichtspielen noch nicht so richtig absehen. Zu erkennen ist aber: Schommers arbeitet daran, sein Team in diese Richtung zu entwickeln.

Als Grundordnung setzt er dabei gegen den Ball auf ein 4-4-2, das sich mit dem Ball in ein 4-2-3-1 verschiebt. Das ist nichts Ungewöhnliches und wird von vielen Teams praktiziert. Auch Kosta Runjaic hat oft so spielen lassen, und so begann später auch Tayfun Korkut in seinem halben Jahr beim FCK, bis er erkannte, dass er ein 4-4-2 mit Raute mit seinem Kader besser abbilden kann.

Diese Spielidee macht freilich den Einsatz eines Offensivspielers notwendig, der mal Stürmer, mal „Zehner“ ist, in der Literatur findet man für diesen auch die Bezeichnungen „Neuneinhalb“ oder „Hybridstürmer.“ In den ersten Schommers-Partien füllte Simon Skarladitis diese Position aus. In Hälfte zwei beim jüngsten 3:1-Erfolg gegen Carl Zeiss Jena präsentierte sich Florian Pick in dieser Rolle, und das sehr erfolgreich.

Dafür in Frage kämen auch Lucas Röser und Christian Kühlwetter, sofern sie nicht mit Andri Runar Bjanarson um die Position des reinen „Neuners“ wetteifern, der beim FCK einfach nicht in die Puschen kommt. Beim jüngsten Testspiel gegen Düdelingen (4:0) fehlte der Isländer wegen einer Grippe. Den Probelauf haben auch wir nicht gesehen, verschiedenen Berichten zufolge soll da Christoph Hemlein die Rolle des sich fallen lassenden Stürmers übernommen haben.

DIE DEFENSIVE NACH SCHOMMERS-IDEALEN ZU FORMIEREN, WIRD SCHWER

Will sagen: Alternativen für diese Spezialrolle hat der Trainer offenbar genug. Viel mehr Kopfzerbrechen dürfte ihm die Besetzung eines Defensivverbandes bereiten, der seinen Ansprüchen gerecht wird. Bislang hapert es diesem bereits an erfolgreichen Leistungsnachweisen in Sachen reiner Abwehrarbeit: 23 Gegentreffer in elf Spielen sprechen für sich – der viertschlechteste Wert der Liga.

Für gepflegtes Passspiel bis ins Angriffsdrittel muss die hinteren Reihe nun zusätzlich technisch was bieten, außerdem hoch aufrücken. Was wiederum Grundschnelligkeit erfordert, um bei Befreiungsschlägen des Gegners nicht überrannt zu werden. Personal, das all diese Kriterien erfüllt, hat Schommers kaum an der Hand: Carlo Sickinger etwa bringt für die Position des spielenden Innenverteidigers Speed und Technik mit, hat dafür aber etwa im Kopfballspiel Schwächen. Über das verfügt ein Kevin Kraus in Normalform, der ebenso ein guter Zweikämpfer ist, dafür fehlt es ihm an Passspiel und Tempo.

José Matuwila ist ohne Frage schnell, hat in den ersten Spielen auch gezeigt, dass er exakte Diagonalpässe schlagen kann. Ob er sich permanent Stockfehler und Ballverluste auf engem Raum leistet oder ob er zuletzt nur vorübergehend von der Rolle war, wird sich noch zeigen müssen.

Spielerisch ordentlich und mit gutem Stellungsspiel vermag sich André Hainault zu präsentieren, der nunmehr 33-Jährige weist allerdings von allen Abwehrspielern die größten Schnelligkeitsdefizite auf. Gegen Düdelingen setzte ihn Schommers auf der Sechs ein, womöglich, weil sich diese dort besser kaschieren lassen. Vielleicht fungiert der Kanadier ja auch in Zukunft vornehmlich als Backup für Stamm-Sechser Janik Bachmann.

FECHNER MACHT HOFFNUNG – ODER KOMMT DIE RETTUNG AUS DER U21?

Eine Entdeckung ist ohne Frage Gino Fechner, der gegen Jena in der zweiten Hälfte kam und den spielenden Innenverteidiger direkt sehr vielversprechend interpretierte. Gegen Dudelange am Freitag durfte er auf dieser Position gleich noch einmal und für 68 Minuten ran, da ist anscheinend also mehr geplant.

Nicht zu vergessen: die U21-Innenverteidiger Lukas Gottwalt und Jonas Scholz. Beide wurden im Testspiel eingewechselt, mussten tags darauf aber gleich wieder im Oberliga-Spiel gegen Mechtersheim ran.

Und gewannen 2:0 – der nunmehr sechste „Zu Null“-Sieg in Folge für das Team von Hans Werner Moser. Wer weiß, vielleicht kommt die wichtigste Blutauffrischung für die „Erste“ auch heuer aus dem Nachwuchsbereich. Und setzt die Erfolgsgeschichte fort, deren jüngstes Kapitel Christian Kühlwetter, Lennart Grill und Carlo Sickinger geschrieben haben.

Text: Eric Scherer

Foto: Jörg Halisch/Bongarts/Getty Images