Was nicht existiert, verpufft auch nicht – die Legende vom „Effekt“ eines Trainerwechsels

Vier Spiele, zwei Niederlagen, insgesamt acht Gegentreffer. Ja, der 1. FC Kaiserslautern hat schon Trainer verpflichtet, die erfolgreicher gestartet sind Boris Schommers. Aber ist es deswegen korrekt zu behaupten, der „Effekt“ des Trainerwechsels sei bereits „verpufft“? Was hat es mit diesem eigentlich auf sich? Gibt es den „Trainerwechsel-Effekt“ überhaupt? Wir haben mal genauer hingeschaut.

 Sascha Hildmann hat aus seinen ersten vier Spielen als Cheftrainer des FCK sieben Punkte geholt, nachdem er das Amt im Dezember 2018 von Michael Frontzeck übernommen hatte. Frontzeck wiederum kam im Februar 2018 für Jeff Strasser und holte aus seinen ersten vier Partien neun Punkte.

Strasser hatte im September 2017 Norbert Meier ersetzt und startete mit vier Punkten aus vier Spielen – wie Schommers. Strasser ist allerdings nicht entlassen worden, sondern schied nach elf Begegnungen aus gesundheitlichen Gründen aus. Der Verein hätte sehr gerne mit ihm weitergearbeitet, man trennte sich also nicht von ihm, um vordergründig irgendeinen „Effekt“ zu erzielen.

Norbert Meier wiederum holte in seinen ersten vier Partien sieben Punkte. Er beerbte  im Januar 2017 Tayfun Korkut, der mit nur zwei Punkten in vier Spielen in die Saison gestartet war. Also nochmal zwei Zähler schlechter als Schommers.

WAS IST EIGENTLICH EIN „TRAINERWECHSEL-EFFEKT“?

Aber, Moment mal: Korkut war ja zu Saisonbeginn 2016/17 eingestiegen, nachdem sich der FCK im Mai von Konrad Fünfstück getrennt hatte. Seine Verpflichtung durften die Verantwortlichen in Ruhe überdenken. Unter diesen Voraussetzungen sollte es  eigentlich jedoch nicht um das Erzielen eines „Effekts“ gehen, sondern um eine sorgsam geplante Zäsur, eine nachhaltige Weiterentwicklung oder auch eine Neuausrichtung. Oder?

Da stellen sich bereits die ersten Fragen: Wie ist so ein „Trainerwechsel-Effekt“ eigentlich definiert? Wie und wann muss er vollzogen werden, damit er als solcher bezeichnet werden kann? Und wie schnell muss er Erfolge zeitigen, damit als er nicht „verpufft“ angesehen werden darf? Wie so vieles im Almanach der Fußballphrasen sind auch diese Punkte nicht eindeutig geklärt.

Legen wir für uns mal kurzerhand fest: Ein positiver „Trainerwechsel-Effekt“ wäre  etwas, was sich kurzfristig auswirken, aber auch über ein gewonnenes Auftaktspiel hinausgehen sollte. Also eine länger anhaltende Aufwärtsentwicklung einleiten. Wobei: Der FCK bräuchte eigentlich dringend einen Trainer, der eine solche über zwei, drei Jahre bewirkt. Am besten über fünf. Aber das wäre dann kein „Effekt“ mehr.

WER MITTEN IN DER SAISON KOMMT, HAT ES UNGLEICH SCHWERER

Fassen wir mal weiter zusammen: Nach Otto Rehhagel haben seit 2001 außer Tayfun Korkut lediglich Michael Henke, Kjetil Rekdal, Marco Kurz und Franco Foda  ihren Arbeitsplatz auf dem Betzenberg im Sommer getreten, also eine komplette Saisonvorbereitung bestreiten und auch an der Kaderzusammenstellung noch ein Wörtchen mitreden dürfen. Der Rest kam während der Spielzeit, musste also immer für Erste mit dem arbeiten, was bereits da war, um einen „Effekt“ erzielen zu können. Dass dies allein schon mal keine gutenVoraussetzungen sind, leuchtet ein.  Ein geregelter Arbeitsbeginn, wie er eigentlich normal sein sollte, ist beim FCK längst die Ausnahme geworden.

Festzustellen ist aber auch: Den „geregelt“ gestarteten Aufstiegstrainer Marco Kurz mal ausgenommen, ist der FCK mit keinem der bislang genannten Übungsleiter glücklich geworden. Sie hielten sich bestenfalls ein rundes Jahr, auch Foda machte den Job nur zehn Wochen länger. Egal, ob sie nach vier Spielen zwei oder neun Zähler eingefahren hatten.

DER LETZTE, DER EINEN EFFEKT BEWIRKTE, WAR MILAN SASIC

Um einen zu finden, der ohne Frage einen positiven „Effekt“ bewirkt hat, müssen wir elf Jahre zurückgehen. Milan Sasic übernahm im Februar 2008, nach 19 Spieltagen in der Zweiten Liga, von Kjetil Rekdal. Aus seinen ersten vier Liga-Spielen holte er sieben Punkte, das ist ordentlich, aber nach 27 Spieltagen und einer 0:2-Heimniederlage gegen die TSG Hoffenheim stand der FCK immer noch auf Abstiegsplatz 15, sechs Punkte zum rettenden Rang 14 entfernt – damals stiegen noch vier Zweitligateams ab.

Erst danach zog Sasic die Karre aus dem Dreck, holte 14 Punkte in sieben Partien und sicherte dem Verein den Klassenverbleib. Doch auch für ihn war in der darauffolgenden Saison 30 Spieltagen schon wieder Schluss. Dabei scheiterte er gar nicht mal an seinen Ergebnissen – der Beinahe-Absteiger der Vorsaison war immerhin auf Rang 6 geklettert –, sondern an zusehends gewachsenen atmosphärischen Störungen, die sich zwischen ihm und der Mannschaft, aber auch zwischen ihm und dem Vorstandsvorsitzenden Stefan Kuntz ergeben hatten.

NICHT EINMAL RUNJAIC ÜBERFLÜGELTE SEINEN VORGÄNGER 

Und Kosta Runjaic? Der kam 2013 ebenfalls mitten in der Saison für Franco Foda und blieb anschließend immerhin zwei Jahre, also länger als jeder andere, der nach ihm kam. Er verpasste dem FCK einen am damaligen „State of the Art“ orientierten Spielstil, der bis dato am auf Kampf gepolten Betzenberg als nicht praktikabel gegolten hatte, erntete dafür auch viel Lob und Anerkennung, aber: Ergebnistechnisch vermochte er seinen Vorgänger nicht zu überflügeln. Foda war mit der Mannschaft Dritter der Zweiten Liga geworden, Runjaic schaffte „nur“ zwei vierte Plätze.

Mit Blick auf die jüngere FCK-Geschichte lässt sich also sagen: Ein „Trainerwechsel-Effekt“, der zu etwas Positivem führte, ist lediglich beim Tausch Rekdal/Sasic zu verzeichnen. Ganz schön deprimierendes Ergebnis angesichts der Vielzahl an Rauswürfen und Neueinstellungen.

TRAINERWECHSEL HABEN KEINEN EFFEKT – SAGT AUCH DIE WISSENSCHAFT

Aber: Diese Erkenntnis deckt sich durchaus mit dem, was Analytiker der Universität Münster bereits 2011 ermittelt haben. Sie untersuchten 150 Trainerentlassungen in der Bundesliga zwischen 1963 und 2009 auf positive „Effekte“ nach einem Wechsel hin – und stellten fest: Vereine, die den Coach tauschten, kamen danach genauso oft wieder aus der Talsohle heraus wie solche, die den Übungsleiter weiterarbeiten ließen. Oder auch nicht.

Was die Wissenschaftler, grob zusammengefasst, so erklärten: Ein Team hat eine bestimmte Grundstärke, und bei solchen, die ihre Ligen nicht eindeutig dominieren, wechseln im Lauf einer Saison gute und schlechte Phasen ab. Am Ende aber positioniert es sich in der Tabelle dann doch gemäß seiner Grundstärke – die Statistiker nennen dies eine „Regression zur Mitte“.

Trainer werden, logisch, immer in schlechten Phasen entlassen. Der Nachfolger muss dann zwangsläufig – mal etwas früher, mal etwas später – einen Moment des Aufschwungs erwischen. Dieser vermeintlich positive „Trainerwechsel-Effekt“ hätte sich aber auch so ergeben. Es sei denn natürlich, die „Grundstärke“ des Teams hat von vorneherein nicht ausgereicht.

KLAR GIBT’S AUCH POSITIVE BEISPIELE

Klingt fast zu banal, um wahr zu sein. Und manche werden jetzt auch sagen: Bei solchen statistischen Auswertungen werden ja die guten und die schlechten Beispiele in einen Topf geworfen und zusammengerührt, dabei kann ja nur Brei herauskommen.  Was, wenn man sich mal nur an den guten orientiert?

In der Tat gab es Trainerwechsel, die einen derart offensichtlichen Qualitätssprung auf der Bank bewirkten, dass der positive Effekt zumindest aus heutiger Sicht gar nicht verwundern kann. In Gladbach etwa kam im Februar 2011 Lucien Favre für Michael Frontzeck, und für den Klub begannen tolle Jahre. Bei Lautern ersetzte im Winter 1990 Kalli Feldkamp Gerd Roggensack – der Rest ist Geschichte. Und Otto Rehhagel übernahm 1996 von Eckart Krautzun, allerdings im Rahmen eines „geregelten“ Wechsels im Sommer.

EINE MEDAILLE MIT ZWEI SEITEN: DIE „FEUERWEHRMÄNNER“

Und dann gab es doch auch mal den Trainertypus des „Feuerwehrmanns“. Dass Leute wie Peter Neururer oder Jörg Berger in der Lage waren, positive „Trainerwechsel-Effekte“ herbeizuführen, ist ja wohl unbestritten, oder?

Das mag sein. Allerdings hat gerade Peter Neururer in Interviews immer wieder darauf hingewiesen, mit dem Siegel des „Feuerwehrmanns“ nie glücklich gewesen zu sein. Denn in den meisten Vereinen, in denen er kurzfristig anheuerte, hätte er gerne länger gearbeitet. Doch seine schnellen Erfolge verblassten meist genauso schnell, und bald schon war’s Neururer, der noch lange vor Feierabend vom Parkplatz an der Geschäftsstelle wegfuhr.

NEURURERS PRAXISEFAHRUNG BESTÄTIGT DIE AKADEMIKER

Seine Erklärung dafür: Wenn sich die klubinternen Abläufe nach einem Trainerwechsel nicht nachhaltig verbessern, etwa, was Scouting und die damit einhergehenden Personalentscheidungen angeht, wird sich auch die Qualität des Kaders, also die besagte „Grundstärke“, nicht erhöhen. Dann folgen schon bald wieder Niederlagen, und ebenso schnell wiederholt sich der ebenfalls in der Vereins-DNA einprogrammierte Reflex, in einer schlechten Phase als erstes den Trainer zu feuern.

Was von einem wie Neururer daher bleiben musste, war der Ruf, wenigstens kurzfristig helfen zu können – der aber auch die Einschätzung manifestierte, mit einem wie ihm lasse sich „längerfristig nichts aufbauen“. Insofern war und ist es ein vergiftetes Lob, im Fußball als „guter Feuerwehrmann“ zu gelten. Und im Grunde bestätigt Neururers Praxiserfahrung die Akademiker aus Münster: Nach einer gewissen Zeit greift die „Regression zur Mitte“.

Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: In einem schlecht geführten oder auch wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähigen Verein wird auch ein guter Trainer auf Dauer nichts Positives bewirken.

FALL-STUDIEN: KWASNIOK UND TEDESCO

Einer solchen „Regression zur Mitte“ könnte auch Trainertalent Lukas Kwasniok dieser Tage in Jena zum Opfer gefallen sein. Der 38-Jährige übernahm den FC Carl Zeiss im vorangegangenen Spieljahr am 18. Spieltag auf Rang 18, sicherte dem Verein in einem grandiosen Endspurt die Klasse – doch diese Saison flog er schon wieder, nach zehn Partien, als abgeschlagener Tabellenletzter.

Interessant zu beobachten wäre gewesen, wie es Domenico Tedesco in Aue weiter ergangen wäre, nachdem er den Zweitligisten im März 2017 übernommen und in einem ebenfalls glänzenden Finale gerettet hatte. Doch Christian Heidel lockte den Newcomer anschließend direkt nach Schalke, so dass sich nicht sagen lässt, ob da die „Regression zur Mitte“ gegriffen hätte.

IRGENDWIE MERKWÜRDIG: BIELEFELD KANN’S

Einer, der nach einer kurzfristigen Verpflichtung auch längerfristig punktete, war auf jeden Fall Jeff Saibene in seiner Bielefelder Zeit. Er übernahm den Verein ebenfalls im März 2017 auf einem Abstiegsplatz, schaffte mit starkem Schlussspurt den Klassenverbleib – und führte ihn in der Saison 2017/18 auf einen bärenstarken vierten Platz. In der Spielzeit darauf war allerdings nach neun Spieltagen ohne Sieg Schluss, für ihn aber kam Uwe Neuhaus, der nun seinerseits einen neuen Arminia-Boost bewirkt hat. Aktuell ist der Klub Dritter im Unterhaus.

Bielefeld scheint sich also auf Trainer-Wechsel mitten in der Saison zu verstehen, stellt aber wohl eher eine Ausnahme dar. Andererseits können wir uns auch erinnern, dass es auf der Alm vor Saibene/Neuhaus ziemlich drunter und drüber ging. Zudem kursieren seit Jahren Gerüchte, dass Bielefeld womöglich gar nicht existiert…  

LAUTERN MUSS JETZT „GRUNDSTÄRKE“ NACHWEISEN

Für den FCK jedenfalls notieren wir: Der „Trainerwechsel-Effekt“ ist kein entzündliches Gas, sondern vielmehr heiße Luft – und die kann bekanntlich nicht „verpuffen“. Und eine Vier-Spiele-Bilanz gibt schon gleich gar keinen Aufschluss darüber, ob ein neuer Trainer einen länger anhaltenden Aufschwung zu bewirken vermag oder nicht.

Die Faktenlage ist vielmehr diese: In acht Spielen unter Sascha Hildmann hatte der FCK 18 Gegentreffer kassiert. Das war zu viel. Nach vier Spielen unter Schommers stehen nun acht Gegentreffer zu Buche. Also immer noch zu viele, zumal gerade der MSV Duisburg bei seinem 3:1-Sieg vergangenen Freitag dem Lautrer Abwehrtorso locker noch drei mehr hätte einschenken können.

Steht die Defensive weiter so schlecht, lässt sich zum Trainer lediglich sagen, dass er in dieser Beziehung nichts besser, aber auch nichts schlechter gemacht hat als sein Vorgänger. In diesem Fall naheliegender wäre es zu urteilen, dass es den zur Verfügung stehenden Abwehrspielern generell an der besagten „Grundstärke“ fehlt. Und dafür kann ein Trainer, der mitten in der Saison gekommen ist, am allerwenigsten.

Text: Eric Scherer

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images