Funktionärschaos und Abstiegsk(r)ampf: Hilft DFB-Pokal gegen Endzeitstimmung?

Es lässt sich derzeit wirklich kaum entscheiden: Wer verbreitet beim 1. FC Kaiserslautern zurzeit erfolgreicher Endzeitstimmung – die Spieler oder die Funktionäre? Nun, die Kicker können nicht einfach zurücktreten, wenn sie die Nase voll haben, im Gegensatz zu den Amtsträgern, von denen sich am gestrigen Montag wieder zwei verabschiedeten. Kein Wunder, das vor dem anstehenden DFB-Pokalspiel gegen den klassenhöheren 1. FC Nürnberg am Mittwoch, 18.30 Uhr, keine rechte  Vorfreude aufkommt. Statt „geil, Pokalfight“ scheint der Tenor im Anhang eher zu lauten: „Auch das noch…“ FCK-Trainer Boris Schommers freut sich dennoch auf die Partie, und auch wir machen uns ein paar Gedanken für die Unerschütterlichen.

Erstmal zum Unsportlichen. Vor einigen Tagen machte der „kicker“ – als einziges Medium übrigens – öffentlich, dass der Aufsichtsrat der Kapitalgesellschaft des FCK neu besetzt worden ist. Dies wiederum ist ein anderes Gremium als der Beirat der Kapitalgesellschaft oder der Aufsichtsrat des „e.V.“, die bis dato zwar personell identisch besetzt waren, aber unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen.

Der Aufsichtsrat der Kapitalgesellschaft wiederum soll eigentlich deren Anteilseigner repräsentieren. In ihm sitzen nun Aktionär Peter Theiss, Wilfried de Buhr als Vorstandsvorsitzender des Vereins, der nach wie vor 90 Prozent der Anteile hat – sowie Patrick Gregorius, der engste Vertraute des Luxemburger Unternehmers Flavio Becca. Der, wie sattsam bekannt, noch gar kein Anteilseigner ist, sondern bislang lediglich als Bürge in Erscheinung trat, wie auch der „kicker“ korrekt feststellte.

„RICHTIGSTELLUNG“ BEANTWORTET KERNFRAGEN NICHT

Woraus sich zwingend drängende Fragen ergeben: Weshalb sitzt Gregorius nun in diesem Gremium, und weshalb musste dieses ausgerechnet jetzt neu formiert werden, noch vor der Jahreshauptversammlung am 1. Dezember, die, so hoffen alle, denen der FCK noch etwas bedeutet, einschneidende personelle Änderungen in der Führung bringen soll?

Zumal auch Becca erklärt hat, die unterschriftsreif vorliegenden Verträge, die ihn zum „Ankerinvestor“ und Anteilseigner machen, erst zu unterzeichnen, wenn er sich ein Bild von der neuen Vereinsführung gemacht hat. Was also sucht „sein“ Mann schon jetzt im Aufsichtsrat der KG?

Vergangenen Sonntag wies der Vereinsvorstand „Unwahrheiten“ und „falsche Behauptungen“ des „kicker“-Artikels „mit Entschiedenheit“ zurück. Zu den genannten Kernfragen sagt das forsch formulierte Schreiben allerdings nichts aus. Statt dessen verwahrt sich de Buhr beispielsweise gegen die Darstellung, er allein sei für den Einzug Gregorius’ in den Aufsichtsrat der KG verantwortlich – dies sei eine Entscheidung des gesamten Vorstands gewesen, in dem er ja nicht allein sitze. In der Tat besteht dieses Gremium aus drei Personen, deren Namen auch unter der besagten Presseerklärung stehen.

KOMMENTAR DES „KICKER“-AUTORS: „GETROFFENE HUNDE BELLEN“

Dumm nur: Am Montag trat mit Tobias Frey eines der drei genannten Vorstandsmitglieder zurück – unter anderem mit der Begründung, über die anstehenden Sitzungen gar nicht informiert gewesen zu sein und demzufolge auch nicht an ihnen teilgenommen zu haben.

Geht‘s eigentlich noch peinlicher? Immerhin war laut der „Rheinpfalz“ vom Dienstagmorgen Vorstandsmitglied Markus Römer bei den in Rede stehenden Abstimmungen dabei, so dass de Buhrs „Richtigstellung“ nicht komplett falsch erscheint. Der kritisierte „kicker“-Autor kommentierte die Zurechtweisung des Vereinsvorstandsvorsitzenden auf Twitter übrigens ebenso entspannt wie süffisant mit: „Getroffene Hunde bellen.“

AUCH ADAM GEHT – REMY WILL „KLARSTELLUNG“

Fast zeitgleich verkündete am Montag Philipp Adam seinen Rücktritt aus dem Satzungsausschuss. Seines Erachtens werde, so formuliert der Rechtsanwalt auf seinem Facebook-Account, „vorsätzlich gegen geltende Normen verstoßen. Darüber hinaus ist das Vorgehen hinsichtlich der Berufung von Herrn Gregorius in den Aufsichtsrat der KG mit Zustimmung des Vorstands für mich als Mitglied ein Schlag ins Gesicht“.

Wie so ziemlich jedes FCK-Mitglied verlangt auch Johannes B. Remy endlich „Klarstellung“. Remy ist bekanntlich einer der beiden Väter von „FCK Jetzt!“, einer Initiative, die sich schon vor Wochen für eine Außerordentliche Mitgliederversammlung stark machte, welche die Turbulenzen der vergangenen Monate aufarbeiten und personelle Konsequenzen in die Wege leiten sollte. In einem ausführlichen Schreiben an diverse noch amtierende Funktionäre des Vereins hat er um eine Beantwortung eines ganzen Fragenkatalogs bis zum heutigen Dienstagabend gebeten.

Ob Remy ernsthaft damit rechnet, zum gewünschten Termin tatsächlich erhellt zu werden, vermögen wir nicht zu beurteilen. Jedenfalls hat er in den vergangenen Wochen schon mehrfach eindringliche Bitten um Klarstellung an den Verein gemailt, worauf ihm größtenteils nicht einmal der Eingang seiner Schreiben bestätigt worden ist.

LEBT DENN DER ALTE BEIRAT NOCH? EIGENTLICH NICHT – ODER DOCH?

Remy treibt beispielsweise auch die Frage um, weshalb der zurücktretende Funktionär Patrick Banf offenbar noch als Beiratsvorsitzender aktiv ist, der der „Rheinpfalz“ zufolge unter anderem Vorgespräche mit Nachfolgekandidaten für die zum Jahresende ausscheidenden Geschäftsführer Martin Bader und Michael Klatt führt. Banf ist, so sieht es die Vereinssatzung vor, zwar in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsmitglied noch solange kommissarisch im Amt, bis sein Nachfolger feststeht, aber für den Beirat der KG sind keine kommissarischen Amtsausübungen vorgesehen, daher könne Banf auch keine Verhandlungen führen, so Remy. Dieser Sachverhalt sei ihm auch vom Vorsitzenden des Ehrenrats, Dr. Michael Koll, so bestätigt worden.

Im Ernst: Das ist keine Satire, sondern eine vergleichsweise nüchterne und vor allem stark verkürzte Darstellung der aktuellen Turbulenzen. Wer es ausführlicher braucht, folge bitte den angegebenen Links.

WARTEN AUF EIN WUNDER – DFB-POKAL ALS STIMMUNGSAUFHELLER?

Ansonsten bleibt nur, ein Wunder herbei zu beten, das frühestens bei der Jahreshauptversammlung am Sonntag, 1. Dezember, geschehen könnte. Warum so spät, ist bislang ebenfalls nicht schlüssig erklärt worden. Die Aufsichtsräte Patrick Banf, Jochen Grotepaß und Bruno Otter sind bereits am 7. Oktober zurückgetreten, laut Satzung hätte daraufhin „unverzüglich“ eine Außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden müssen. Dabei ist natürlich die Ladungsfrist von vier Wochen zu beachten, und „unverzüglich“ mag keine konkrete Zeitangabe sein, aber: sieben Wochen = „unverzüglich“?

Zurück zum Sport.

Morgen ist also wieder DFB-Pokal auf dem „Betze“. Das 2:0 gegen den Bundesligisten FSV Mainz 05 in der ersten Runde war das bislang schönste Erlebnis, das der FCK diese Saison seinem Anhang bescherte. Jetzt kommt der Zweitligist 1. FC Nürnberg. Sich vor eigenem Publikum als Underdog in eine solche Partei so richtig reinhauen, um vom tristen Ligaalltag abzulenken, sich vielleicht sogar mit einem Sieg neues Selbstvertrauen holen, das wär doch was.

SCHOMMERS: „WIR WOLLEN ALLES IN DIE WAAGSCHALE WERFEN“

Trainer Boris Schommers hat auf der Pressekonferenz zum Spiel jedenfalls versucht, diese Karte zu spielen: „Wir wollen eine DFB-Pokalgeschichte schreiben“. Er freue sich auf das Spiel, und auch in der Mannschaft habe er positive Signale ausgemacht. „Die Jungs nehmen es so an, dass sie nur gewinnen können.“ Sie wollten „alles in die Waagschale werfen“.

Klingt ja schön und gut, aber auch vor der jüngsten Auswärtspartie in Chemnitz  hatte Schommers angekündigt, dass seine Mannschaft von der ersten Minute an hellwach sein und sich in die Zweikämpfe stürzen wolle – aber dann ließ sie sich doch innerhalb von 35 Minuten 0:3 in Rückstand schießen.

Er habe klare Worte dazu gesagt, so der Trainer. „Im Moment geht es eben nicht primär darum, ab der ersten Minute die spielerischen Lösungen zu finden, sondern die physischen Eigenschaften reinzubringen.“ So die aktuelle Besetzung dies in den nächsten Spielen – genauer: „morgen und Samstag“ – nicht auf den Platz bringe,  „muss ich mir ganz stark überlegen, wo die Spieler sind, die es auf den Platz bringen, denn ich habe keine Zeit, bis Weihnachten zu warten.“ Klingt nach einem Zwei-Spiele-Ultimatum für die gegenwärtige Stammbesetzung.

OHNE BACHMANN, MIT SICKINGER

Nicht mit dabei sein wird Janik Bachmann, der sich von der starken Prellung, die er im Chemnitz-Spiel erlitten hat, noch nicht wieder erholt hat. Dagegen ist der ebenfalls lädiert ausgeschiedene Carlo Sickinger wieder fit.

Am Samstag geht’s für die mittlerweile auf einen Abstiegsrang abgesackten Lautrer gegen die Würzburger Kickers. Da werden Kevin Kraus und Dominik Schad fehlen, beide wegen der fünften Gelben Karte, die sie in Chemnitz gesehen haben.

Angesichts der zuletzt desolaten Defensivleistungen könnte das DFB-Pokalspiel auch genutzt werden, um eine neue Abwehrformation einzuspielen, die auch gegen Würzburg einlaufen könnte. Einen solchen Plan verfolge er aber nicht, so Schommers. „Man muss die Spiele voneinander trennen.“ Jetzt gelte es erst einmal, „bestmöglich in die K.O.-Spiel hineinzugehen“.

Gegenüber gewissen Funktionären des Vereins bietet sich somit den Spielern noch ein weiterer Vorteil. Selbst wenn sie aus dem DFB-Pokal ausscheiden, können sie es noch mit Anstand tun. Die Chance habe einige der ausscheidenden Amtsträger bereits vertan. Dem Vorverkauf nach zu urteilen, werden 20.000 Zuschauer auf jeden Fall kommen. Auch das ist ein tolles Signal angesichts der gegenwärtigen Gesamtsituation.

Text: Eric Scherer

Foto: Thomas Eisenhuth/Getty Images