8:7: Ein Abend voller Kuriositäten – und mit einem Keeper, der in Rekordzeit an einem Fehler wächst

Da sage noch mal einer, der Trainer des 1. FC Kaiserslautern mache in den Pressekonferenzen vor einem Spiel Versprechungen, die seine Mannschaft nicht halte. „Wir wollen Pokalgeschichte schreiben“, hatte Boris Schommers vor der DFB-Pokalpartie gegen den 1. FC Nürnberg angekündigt. Und in der Tat: Dieses 8:7 nach Elfmeterschießen bot einen der dramatischsten, aber auch der kuriosesten Pokalfights, die je auf dem Betzenberg zu sehen waren. Vor allem im Lebenslauf von Keeper Lennart Grill dürfte diese Partie künftig besondere Erwähnung finden.

„Es ist von großem Vorteil, die Fehler, aus denen man lernen kann, recht früh zu machen“, hat Winston Churchill einmal gesagt. Insofern hat Grill sich mit seinen erst 20 Jahren am Mittwochabend einen sehr großen Vorteil für seine weitere Entwicklung verschafft. Sofern man das „früh“ auf sein Lebensalter bezieht, nicht auf den Zeitpunkt des Spiels, in dem ihm ein Bock unterlief, der in den Pleiten-Pech-und-Pannen-Rückblicken der nächsten Jahre wohl einen festen Platz finden wird.

EINE MINUTE VOR SCHLUSS: DER BOCK, DER ZUM AUSGLEICH FÜHRT

In der 89. Minute der Partie fischt Grill im Strafraum einen einfachen Flankenball ab. Anschließend wartet er einen Moment, bis sich Mit- und Gegenspieler wieder aufs vor ihm liegende Feld orientieren. Dann legt er sich den Ball zurecht, um abzuschlagen, sich offenbar nicht mehr bewusst, dass hier keine Spielunterbrechung vorausging. Der hinter Grill postierte FCN-Stürmer Michael Frey erfasst die Situation, spitzt ihm das Leder weg und schießt ein. Ausgleich. Zuvor hatte der FCK 2:1 geführt. Das Spiel geht in die Verlängerung.

Dem Jungen ist anzusehen, dass er vor Scham in die Erde versinken möchte. Und mancher auf der Tribüne wünscht sich, er würde nun ausgewechselt, da zu befürchten ist, dass seine Nerven für Verlängerung und Elfmeterschießen nun kaum noch taugen. Der Trainer hat jedoch schon zwei Mal ausgewechselt, und mit dem 18-Jährigen Jonas Weyand sitzt ein noch unerfahrener Keeper auf der Bank, das sich Lauterns etatmäßiger zweiter Torwart Avdo Spahic unlängst verletzt hat. Grill bleibt drin.

HELD IN DER VERLÄNGERUNG – UND IM ELFMETERSCHIESSEN

Doch dann geschieht das Erstaunliche. In der zweiten Hälfte der Verlängerung vereitelt Grill gleich vier gute Einschussgelegenheiten der Nürnberger. Einmal stoppt er sogar einen frei auf ihn zulaufenden Angreifer. Irre. Und dann, im Elfmeterschießen pariert er den sechsten Strafstoß der Nürnberger, an dem sich der eingewechselte Tim Handwerker versucht. Lautern ist eine Runde weiter. Dank Grill.

Wahnsinn. Ist ein Fußballer schon einmal schneller an einem Fehlern gewachsen?

Das ist jedoch nicht das einzige Kuriosum, das es in diesem irren Spiel zu bestaunen gab. Nürnberg trat zum Elfmeterschießen mit einem Feldspieler im Tor an. FCN-Keeper Patric Klandt war in der 115. Minute unglücklich umgetreten, als er einen an sich harmlosen Kopfball des eingewechselten Andri Runar Bjanarson abfischte. Da Trainer Damir Canadi bereits drei Mal ausgewechselt hatte, streifte sich Linksverteidiger Enrico Valentini das Torwarttrikot über. Das war ohne Frage Pech für die Gäste – und ein gewaltiger Nachteil.

Allerdings: Valentini hätte zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen. In der 109. Minute hätte er nach einem taktischen Foul am eingewechselten Manfred Starke eigentlich Gelb-Rot sehen müssen. Satt dessen zeigt Schiedsrichter Guido Winkmann dem meckernden FCK-Trainer Trainer Schommers Gelb. Angesichts der vielen anderen Kuriositäten dieses Spiels bleibt dies jedoch nicht mehr als eine Fußnote.

VON DREIEN MACHT ER ZWEI: THIELE WIRD ZUM ELFERKÖNIG

Ebenfalls denkwürdig: Die nicht gerade als souveräne Strafstoßschützen profilierten Lauterer markierte ihre beiden Treffern in den ersten 90 Minuten per Elfmeter. Schütze Timmy Thiele netzte sogar drei Mal ein, um zwei Treffer anerkannt zu bekommen. Den  zweiten Penalty in der 74. Minute ließ Winkmann nämlich noch einmal wiederholen, weil sich im Moment des Schusses angeblich bereits Mitspieler in den Strafraum bewegt hatten.

„Das ist eine ganz schwierige Situation für den Schützen, wenn er den einen Elfer reingemacht hat und dann gleich nochmal ranmuss“, versetzte sich hinterher der ausgewechselte Florian Pick in den Kopf seines Teamkollegen. „Weil er überlegen muss, soll ich jetzt einfach nochmal ins gleiche Eck schießen und was anderes probieren?“ Thiele behielt die Nerven und platzierte diesen Ball wie den zuvor.

PICKS AUSWECHSLUNG WAR ABGESPROCHEN

Pick hatte bereits in der 8. Minute den ersten Elfmeter herausgeholt. FCN-Trainer Canadi sprach hinterher von einer „Schwalbe“. Sagen wir es lieber so: Pick hat die Einladung von Keeper Klandt, über ihn zu stürzen, nachdem er das Leder an ihm vorbeigeschoben hatte, dankbar angenommen. Ohne Videoassistent und nur auf den ersten Eindruck angewiesen, hätte da wohl jeder Schiedsrichter gepfiffen.

Zu Pick muss ebenfalls noch gesagt werden: Seine Auswechslung nach 70 Minuten führte zu großen Unmutsbekundungen auf den Rängen. Wie Spieler und Trainer nach dem Spiel aufklärten, war diese jedoch abgesprochen und notwendig. Pick ist seit Tagen erkältet und war nach 70 Minuten platt. Ob er am Samstag im Ligaspiel gegen Würzburg dabei sein kann, ist zur Stunde noch fraglich.

NEUE 5-3-2-GRUNDORDNUNG STEHT STABIL

Das erste Mal ausgeglichen hatten die Nürnberger schon nach 15 Minuten. Aus Lautrer Sicht ebenfalls ein Beitrag fürs Pleiten-Pech-und-Pannen-Sammelsurium: Thiele köpfte eine Freistoßflanke im eigenen Strafraum gegen einen Mitspieler und von dessen Rücken prallte der Ball vor der Füße von FCN-Mittelfeldspieler Lukas Jäger, der sich nicht lange bitten ließ, ihn unter die Latte zu schießen.

Weniger kurios, aber unbedingt erwähnenswert: Der FCK präsentierte sich zum Pokalfight in einer neuen Grundordnung. Schommer formierte sein Team in einem 5-3-2, das es so noch nie gespielt hat. Die hintere Dreierreihe bildeten Lukas Gottwalt, Kevin Kraus, und André Hainault, Dominik Schad und Philipp Hercher besetzten die Außenbahnen, Carlo Sickinger, Gino Fechner und Christian Kühlwetter die Mittelfeldzentrale.

Und: Erstmals seit Wochen stand die Elf gegen den Ball fast durchweg stabil, sieht man von der zweiten Hälfte der Verlängerung mal ab.

„DAS SOLL BASIS FÜR DIE LIGA SEIN“

Allerdings: Vor allem in der ersten Hälfte reagierte das Team in dieser Formation nur, setzte nach Balleroberungen direkt die Stürmer Pick und Thiele ein. Inwieweit das Team aus dieser Ordnung heraus selbst initiativ werden kann, wird sich im Ligaalltag noch weisen müssen. Dass es möglich ist, deutete es in einigen Passagen der zweiten Hälfte an.

Was man aus diesem Spiel für den Ligaalltag mitnehmen könne, wird Boris Schommers am Ende in der PK gefragt. „Sehr, sehr viel“, erklärt der Trainer. „Wenn man gemeinsam in einer Struktur leidenschaftlich kämpft, beißt, kratzt, und erst mal die Arbeit in den Vordergrund stellt, dann kommt man auch zu spielerischen Elementen. Das haben wir heute gegen einen Zweitligisten gezeigt. Und es sollte auch die Basis für die Liga sein.“

Nun, auf diesen Effekt hatte der Anhang auch schon nach dem 2:0-Pokalerfolg gegen Mainz gehofft. Am Samstag, 14 Uhr, gegen Kickers Würzburg bietet sich nun die nächste Chance, ihn zu nutzen.

Text: Eric Scherer

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images