Aus dem Himmel auf Platz 18 – Kapitän und Schiedsrichter wetteifern um den  Titel des „biggest Matchloser“

Immerhin wissen wir jetzt, wo sich „die Mitte zwischen Himmel und Hölle“  befindet: auf Tabellenrang 18 der Dritten Liga. Da nämlich ist der 1. FC Kaiserslautern nun angekommen, nach vier Niederlagen in den jüngsten fünf Liga-Spielen – und nach einem Erfolgserlebnis im DFB-Pokal, das sich einmal mehr als Muster ohne Motivationswert entpuppte. Schwachstellen haben sich bei der 2:3-Heimpleite gegen die Würzburger Kickers viele aufgetan. Für den Spitzenplatz im Ranking um den größten Sündenbock gibt es allerdings nur zwei Kandidaten.

Kandidat 1: der Schiedsrichter – wieder einmal. Selbst ohne Vereinsbrille betrachtet ist festzuhalten: Jonas Weickenmeyer erlebte einen rabenschwarzen Tag am Betzenberg. Obwohl seine beiden spielentscheidenden Pfiffe gar nicht mal klar belegbare Fehlentscheidungen waren.

ZWEI PIFFE ENTSCHEIDEN – FRAGWÜRDIG JA, ABER FEHLENTSCHEIDUNGEN?

Das Handspiel André Hainaults, das Weickenmeyer schon nach 14 Minuten mit einem Elfmeter ahndete. Hainault steht zwar vor der Strafraumlinie, dreht aber, als Würzburgs Rechtsverteidiger Frank Ronstadt flankt, den Oberkörper Richtung Strafraum, so dass der Kontakt Oberarm/Ball möglicher Weise über der Linie stattfand, die bekanntlich zur Box gehört – genau sieht man es auch in der TV-Wiederholung nicht. Ein knappes Ding war es auf jeden Fall.

Die gelb-rote Karte für Christoph Hemlein in der 54. Minute: Ja, Hemlein trifft bei der Grätsche gegen Kicker-Zehner Albion Vrenezi den Ball mit der Sohle. Aber: Er grätscht von hinten, holt Vrenezi anschließend von den Beinen. Da reagieren Schiedsrichter nun einmal empfindlich. Das muss ein 28-jähriger Profi, der fast 250 Pflichtspiele auf dem Buckel, bereits die Gelbe Karte gesehen hat und zudem Kapitän und Führungsspieler sein will, einfach wissen.

„KLARERE LINIE“ HÄTTE WAS GEÄNDERT – ODER AUCH NICHT

„Die Gelb-Rote kann er geben, aber da muss er auch sonst eine klarere Linie fahren“, drückt es FCK-Trainer Boris Schommers hinterher äußerst diplomatisch aus. In der Tat: Mit der „klareren Linie“ wären einige Situationen mehr für den FCK entschieden worden, und es hätte auch ein paar Karten mehr gegen Würzburger Spieler gehagelt. Allein, ob’s am Endergebnis was geändert hätte, bleibt dahingestellt.

Mit Hemlein wäre auch der zweite Kandidat für den Schwarzen Peter als Lauterns biggest Matchloser genannt. Denn mit seiner Gelb-Roten Karte schwächte der Kapitän nicht nur seine Mannschaft beim Stand von 1:2 entscheidend, er hatte auch den neuerlichen Rückstand selbst besorgt. Bei seinem Eigentor in der 47. Minute ließ er eine Rechtsflanke von Ronstadt von seiner Brust ins Netz prallen.

NICHT NUR WEICKENMEYER UND HEMLEIN VERSAGTEN

Ronstadt? Ja, der Rechtsverteidiger bereitete auch den zweiten Treffer vor, nachdem er sich gegen den nicht hart genug attackierenden Manfred Starke durchgesetzt hatte. Und auch den dritten Treffer, diesmal von Luca Pfeiffer erzielt, servierten die Kickers  über den rechten Flügel. Diesmal überlief Fabio Kaufmann den eingewechselten Janek Sternberg.

Wir sehen: Nicht nur Weickenmeyer und Hemlein versagten, ob in einzelnen Momenten oder übers ganze Spiel. Auch dieser Misserfolg hat viele Väter – womit  die Mannschaft einmal mehr auf dem Platz das Dilemma widerspiegelte, das den gesamten Verein auch auf der Führungsebene plagt.

ENDLICH DRITTE LIGA GELERNT? NOCH IMMER NICHT SO RICHTIG

Dabei hatte es nach dem neuerlichen frühen Rückstand – nunmehr schon der achte in dieser Saison – eine halbe Stunde lang so ausgesehen, als hätte der FCK endlich Dritte Liga gelernt. Was freilich ein vergiftetes Kompliment ist.

Denn die Elf ging nach dem 0:1 nicht forsch in die Offensive, sondern verhielt sich erst einmal abwartend, bis der Gegner Fehler machte, und vertraute auf Chancen nach  ruhende Bällen – kurz: Sie spielte so, wie es die grauen Mäuse der Dritten Liga zu tun pflegen, und mehr zu sein, darf dieses Team für sich gegenwärtig ohnehin nicht beanspruchen.

Auf Freistöße und Ecken zu warten, ist angesichts der Ausbeute, die diese Mannschaft seit Jahren aus diesen Situationen erzielt, eigentlich fatal, aber bitte: Diesmal hat es geklappt. In der 28. Minute köpfte der linke Außenbahnspieler Philipp Hercher eine butterweiche Freistoßflanke von Florian Pick zum 1:1 ein.

IN DER NOT HÄTTE DER ROTE TEUFEL DREI PUNKTE AUCH ROH GEFRESSEN

So gingen Lautrer mit einem Remis in die Pause, und obwohl die Elf alles andere als ein Feuerwerk abgebrannt hatte, waren die FCK-Anhänger unter den 16.125 Zuschauern doch noch einigermaßen zuversichtlich. Die 5-3-2-Formation, die Schommers erneut  gewählt hatte, stand, wie schon am Mittwoch beim Pokalsieg gegen Zweitligist 1. FC Nürnberg, eigentlich stabil, und zum Spiel nach vorne auf Fehler des Gegners zu warten, müsste gegen die schwächste Defensive der Liga doch irgendwann zum Erfolg führen…

Das ist zwar nicht der Fußball, den die Fans am „Betze“ sehen wollen und auch Trainer Schommers hat sich damit von seinem Anspruch, „dominieren, agieren“ zu wollen, bereits nach knapp sechs Wochen wieder verabschiedet, doch in der Not frisst der Rote Teufel auch mal drei Punkte, ohne dass sie schmecken.

ZEHN GEGEN ELF: THIELE HATTE IMMERHIN NOCH EINE AUSGLEICHSCHANCE

Aber dank Hemleins Auftritten blieb die Teufelsküche kalt. Fürs Spiel Zehn gegen Elf zog Schommers Hercher auf die rechte Seite, brachte Sternberg für Starke, dem bis dato gar nichts gelungen war. Christian Kühlwetter glückte kurz darauf tatsächlich mal ein Vertikalpass auf Timmy Thiele, halbrechts in die Box, doch der scheiterte an Kickers-Keeper Vincent Müller.

Wieder ein paar Minuten später erzielten die Würzburger dann ihren dritten Treffer, und die Sache schien gelaufen, ehe der eingewechselte Simon Skarladitis dann doch noch einmal etwas Adrenalin in die Lautrer Herzen pumpte. Sein Doppelpass mit Pick und sein anschließender Abschluss durch die Hosenträger Müllers sahen sogar richtig nach Fußball aus.

In der Nachspielzeit aber sah man den Hoffnung bringenden Torschützen dann schon wieder humpeln, so dass Lautern im Prinzip mit nur achteinhalb Feldspielern die Chance zum späten Ausgleich suchen musste. Das passt irgendwie ins Bild: Zurzeit geht eben schief, was schiefgehen kann. Bei allen Unzulänglichkeiten, die sich die Mannschaft selbst zuzuschreiben hat.

„BIN SOWEIT WIE VORHER“: DAS „NARRATIV“ WIRKT ERSCHÖPFT

„Am Mittwoch habe ich den Himmel gesehen, heute die Hölle“, formulierte Boris Schommers hinterher ungewohnt bildstark, „und wenn ich davon die Mitte nehme, bin ich soweit wie vorher.“ Dazu kamen die üblichen Ausführungen, dass die Mannschaft wieder einmal nicht von der ersten Minute umsetzte, was sie sich vorgenommen hatte. Hat man alles schon mal gehört.

Oder, wie es die Fußballakademiker des 21. Jahrhunderts auszudrücken pflegen: Das „Narrativ“ des Trainers wirkt nach gerade mal sechs Wochen bereits „erschöpft“.

Unser Narrativ ist es hiermit auch.

Text: Eric Scherer

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images