Verunsichert die Unruhe im Verein die Neuzugänge? Die Notzon-These unter der Lupe

„Die Spieler, auch unsere jetzigen Neuzugänge, haben in ihren vorigen Vereinen ein bestimmtes Leistungsniveau gehabt. Die waren sehr konstant. Philipp Hercher in Großaspach, Manni Starke in Jena, Janik Bachmann und Simon Skarlatidis in Würzburg. Warum sind die hier nun so unkonstant, warum ist so viel Unsicherheit im Spiel?“ Die Frage war rhetorisch gemeint. Boris Notzon, Sportdirektor des 1. FC Kaiserslautern, stellte sie am Samstag in seinem Halbzeit-Interview mit „SWR Sport“ während der Partie gegen Kickers Würzburg (2:3) – und gab die Antwort selbst: Die Unruhe im Verein sei es, die von den Spielern nicht wegzuhalten sei. Nun, dass die „Leistungen“ gewisser FCK-Funktionäre auch die Beschäftigten deprimieren, ist in der Tat kein abwegiger Gedanke – aber wie immer lohnt auch hier ein genauerer Blick. Ebenso wie auf die xG-Grafiken des Würzburg-Spiels.

Zunächst zu den Neuzugängen. Philipp Hercher und Manfred Starke starteten  durchaus ansprechend in die Saison. Starke profilierte sich schnell als stets anspielbare Station im Mittelfeld, Hercher verdrängte direkt nach seinem späten Wechsel Janek Sternberg auf der für ihn ungewohnten Linksverteidiger-Position – zuvor in Großaspach hatte Hercher diese nur mal aushilfsweise bekleidet.

HERCHER WAR VERLETZT, NICHT UNKONSTANT – UND STARKE?

Nach dem Trainerwechsel von Sascha Hildmann zu Boris Schommers verabschiedeten sich beide vorübergehend aus der Startelf, aus unterschiedlichen Gründen allerdings.  Hercher fiel vorübergehend wegen muskulärer Probleme aus, kehrte im Pokalspiel gegen Nürnberg (8:7 i.E.) jedoch zurück und zählte am Samstag gegen Würzburg zu den wenigen erfreulichen Erscheinungen. „Unkonstant“ kann man seine bislang gezeigten Leistungen jedoch nicht nennen. Verletzung ist nun mal Verletzung.

Starke dagegen scheint unter Schommers nur noch Wackelkandidat zu sein. In den nunmehr neun Pflichtspielen unter dem neuen Trainer war er drei Mal gar nicht dabei – in Chemnitz stand er nicht einmal im Kader –, gegen Nürnberg wurde er lediglich eingewechselt, zwei weitere Male musste er früher vom Platz, zuletzt gegen Würzburg bereits nach 56 Minuten, nach einer unbestritten schwachen Darbietung.

Also schon „unkonstant“, oder? Zu beachten ist dabei, dass der namibische Nationalspieler wegen des Afrika-Cups keine Sommerpause zur Regeneration hatte und erst spät in die Vorbereitung seines neuen Klubs einstieg. Da kommt so ein Leistungseinbruch gar nicht mal so überraschend.

MATUWILA: STARKER START, DANN AUSSEN VOR

Gar nicht erwähnt hat Notzon José Matuwila. Dabei ist sein Absturz, der ebenfalls nach dem Trainerwechsel erfolgte, um einiges krasser. Bei Schommers´ Debüt gegen Magdeburg (1:1) war er noch voll dabei, bei der anschließenden 1:3-Auswärtsniederlage erzielte er auf haarsträubende Weise ein Eigentor, danach gegen Jena (3:1) nahm der Trainer Matuwila nach 45 Minuten, in denen er ebenfalls indisponiert wirkte, vom Feld. Seither war der 28-Jährige keine Minute mehr im Einsatz, saß zunächst auf der Tribüne, dann auf der Bank.

In der Pressekonferenz vorm Chemnitz-Spiel sprach Schommers von „Anmerkungen und Anregungen“ des Trainerteams, die Matuwila habe annehmen müssen, und davon, dass dieser „auf einem guten Weg“ sei. Möglicher Weise kehrt er ja demnächst in die Startelf zurück.

Dabei war Matuwila wirklich stark in die Saison gestartet, stärker sogar, als ihm allgemein zugetraut worden war. Insbesondere beim 0:0 gegen Ingolstadt am 3. Spieltag bot er eine überragende Partie. Dieser Leistungseinbruch ist in der Tat rätselhaft, aber ob dafür tatsächlich der Zoff im Verein ursächlich ist?

SKARLATIDIS: UNTER SCHOMMERS ERST GESETZT, JETZT WACKELKANDIDAT

Für den ehemaligen Würzburger Simon Skarlatidis dagegen begann die Saison wegen eines Haarrisses im Wadenbein erst spät. Unter Hildmann wurde er nur eingewechselt. Schommers schien ihn zunächst als Ideallösung des „fallenden“ Stürmers in einer fließend wechselnden 4-4-2/4-2-3-1-Formation ausgeguckt zu haben, doch nach dem Jena-Spiel kam er außer in Chemnitz nur noch von der Bank, und in dieser Partie ging er nach enttäuschenden 59 Minuten vom Feld. Immerhin ließ er zuletzt bei seinem 12-Minuten-Einsatz gegen Würzburg sein technisches Können aufblitzen, als er im Zusammenspiel mit Florian Pick das 2:3 erzielte.

Ihm fehlt es also augenscheinlich an Konstanz. Statt anzunehmen, dass die „Leistungen“ von Banf, de Buhr und Co. auf ihn abfärben, bietet sich da jedoch eher die Frage an: Schwanken seine Leistungen, weil er nicht genug Einsatzzeiten bekommt, um sich festzuspielen, oder gewährt Schommers ihm nicht mehr Einsatzzeiten, weil seine Leistungen so schwanken?

Wie war das denn auf seiner vorangegangen Karrierestation – in Würzburg? „An Konstanz hat es Skarlatidis da auch schon ein wenig gefehlt“, erklärt Kai Dunkel, „Digital Manager Sport der „Main Post“ und langjähriger Kickers-Berichterstatter. „Es gab auch Spiele, in denen er schlicht abgetaucht ist.“ Skarlatidis sei mehr ein Mann für die gewissen Momente, „einer, der das Eins-gegen-Eins sucht, aber genauso auch mal aus der Distanz abzieht, eben nicht so leicht ausrechenbar ist, mit einem Hang zu unerwarteten Dingen“.

Ergo: Skarlatidis kann sicher noch mehr, als er bislang in Lautern gezeigt hat, „unkonstant“ ist er aber nicht erst in Lautern geworden.

BACHMANN: SCHWANKT EIGENTLICH NICHT – MEHR DARF ES DENNOCH SEIN

Und was ist mit Janik Bachmann? Der ebenfalls aus Würzburg geholte Sechser präsentierte sich bislang eigentlich nicht „unkonstant“. Er stand immer in der Startelf, fehlte nur einmal wegen einer fünften Gelbe Karte und zuletzt wegen einer Rückenprellung. Generell erfüllt er seine Aufgabe nicht schlecht, außer, wenn er, wie in Meppen, mit der gesamten Mannschaft untergeht.

Doch der erhoffte Leistungsträger ist er bislang auch nicht, und ein Spieler, der kurz vor Rundenbeginn mit gepumptem Geld von einem Ligakonkurrenzen aus einem noch laufenden Vertrag herausgekauft wird, weckt nun einmal gewisse Hoffnungen. Auch aufgrund seiner enormen Physis erwartet man von Bachmann eigentlich mehr Präsenz, insbesondere bei ruhenden Bällen, sowohl im eigenen als auch im gegnerischen Strafraum. Doch da blieb Bachmann trotz 1,96 Meter Körpergröße bislang unauffällig.

War das in Würzburg auch so? Da sei er mehr als Distanzschütze aufgetreten denn als der Kopfballspieler, als der er eigentlich prädestiniert sei, so Kai Dunkel. Trotz seiner Größe habe er versucht, vieles spielerisch zu lösen, war Abräumer und Antreiber zugleich, „einer der Leader“.

Fazit: „Unkonstant“ ist Bachmann bislang nicht, doch hat er seine Möglichkeiten am Betzenberg noch lange nicht ausgeschöpft. Allerdings ist er nicht das Kopfballungeheuer, als dass er womöglich verpflichtet wurde angesichts Lauterns chronischer Standardschwäche. Körpergröße allein garantiert eben noch keine Lufthoheit.

FRAGEZEICHEN HINTER BJARNASON UND RÖSER

Gar nicht unter dem Konstanz-Kriterium zu beurteilen ist bislang Stürmer Andri Runar Bjanarson, der wegen diverser Verletzungen, Grippe et cetera noch gar nicht in Tritt kam. Und  vollkommen rätselhaft erscheint bis dato die Verpflichtung von Lucas Röser. Im August kurz vor Transferschluss von Zweitligist Dresden geholt, fast nur Kurzeinsätze bislang – das ist nicht „unkonstant“, sondern konstant zu wenig vom mutmaßlichen Spitzenverdiener im Kader. Liegt das an ihm oder wurde da der eventuell einfach nur falsche Stürmertyp geholt? Bislang scheint Röser in keine der von Schommers ausprobierten Offensivformationen zu passen.

Fassen wir also zusammen: Notzons These ist von den „unkonstanten“ Neuzugängen ist nur sehr bedingt  haltbar. Und in einen kausalen Zusammenhang zu den Darbietungen der FCK Führungsspitze lassen sie sich ohnehin nicht. Obwohl diese, auch das soll noch einmal festgehalten werden, wahrlich deprimierend sind.

BLAMABLE LEISTUNGEN DER VEREINSFÜHRUNG: DAS NÄCHSTE „GLANZLICHT“

Bei der Gala zum 99. Geburtstag Fritz Walters setzte Vereinsvorstand Wilfried de Buhr gerade ein neues „Glanzlicht“. Gegenüber dem Medienvertreter der „Rheinpfalz“ beklagte er sich, dass beim FCK „fünf Minuten nach Sitzungen“ jeder „auf der Lautrer Kerwe über Internas Bescheid“ wisse, das müsse „aufhören zu existieren.“ Aha.

 Gerade unlängst hat de Buhr einen Vertrauten des Bürgen Flavio Becca in den Aufsichtsrat der FCK-Kapitalgesellschaft gehievt, obwohl dieses Gremium nur für Vertreter von Investoren vorbehalten ist, Becca bislang aber lediglich angekündigt hat, ein solcher zu werden. Offiziell bekanntgegeben hat der Vereinsvorstand diese Besetzung merkwürdiger Weise nicht, der „kicker“ machte sie dennoch öffentlich, worauf de Buhr eine „Richtigstellung“  absetzte, die nicht nur sein Vorstandskollege Frey ad absurdum führte, in dem er tags darauf zurücktrat. Auch die Fans in der Westtribüne verballhornten diese „Gegendarstellung“ mittlerweile aufs Trefflichste.

Beklagt sich de Buhr da nun im Ernst, dass er in seinem Amt nicht satzungswidrig im Geheimen agieren darf, ohne dass es gleich an die große Glocke gehängt wird? Am besten, man denkt gar nicht drüber nach.

DIE XG-GRAFIKEN SIND DOCH DEPRIMIEREND GENUG

Erledigen wir statt dessen unsere Pflichtübung: Der Blick auf die „xG“-Grafiken von Sander Ijtsma, die sind schließlich deprimierend genug.

Erstaunlich: Da spielten nun die anerkannt schlechtesten Abwehrreihen der Liga gegeneinander, und auch das Ergebnis von 2:3 lässt den Schluss zu, dass da ganz gut was abgegangen sein muss in den Strafräumen. Wie die Aufrechnung der qualitativ bewerteten Torchancen zeigt, war da tatsächlich aber gar nicht so viel los.

Den stärksten Ausschlag verursacht zwingend Vrenezis Elfmeter. Ein xG-Wert von 0.77, also eine Torchance mit 77 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Ohne den läge Würzburgs xG-Gesamtwert gerade mal bei 0.49. Gewonnen haben die Kickers trotzdem. Weil Lautern auch nicht viel mehr aufs Tor brachte.

2019-11-02 1437474 xG plot Kaiserslautern 2 - 3 Wurzburger Kickers

Immerhin: Nach Hemleins Platzverweis hatte Thiele noch eine gute Chance zum Ausgleich, ehe das vorentscheidende 1:3 fiel.

Die wenigen Spots im „Pitchplot“ bestätigen ebenfalls, wie wenig in und um die Strafräume los war. Interessant: In der banalen Aufrechnung der Torschüsse ohne qualitative Bewertung liegt der FCK sogar mit 8:7 vorne.

2019-11-02 Pitch plot Kaiserslautern 2 - 3 Wurzburger Kickers.png

Die Positions- und Passgrafik: Hier zeigt sich eine bis dato unbekannte Unwucht. Über Lauterns linke Seite lief nichts. Liegt wohl daran, dass Florian Pick als Stürmer im neuen 5-3-2 wesentlich zentraler agiert. Deutlich zu sehen ist aber auch: Hercher klebt längst nicht so an der linken Außenlinie, wie er es in dieser Formation eigentlich sollte.

2019-11-02 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - Wurzburger Kickers.png

Im Vergleich dazu die Positions- und Passgrafik der Würzburger. Die gestaltet sich ebenfalls recht asymmetrisch, allerdings belebt wenigstens Außenverteidiger Herrmann die linke Seite. Und insgesamt wird in der Kickers-Offensive wesentlich mehr gepasst als bei Lautern.

2019-11-02 Wurzburger Kickers Passing plot Kaiserslautern - Wurzburger Kickers.png

Die „Zone 14“: Auch da sind Würzburger wesentlich aktiver. Nur sind dabei – siehe oben – erstaunlich wenig Einschussgelegenheiten kreiert worden.

2019-11-02 Zone 14 plot Kaiserslautern - Wurzburger Kickers.png

Die Halbräume: dito.

2019-11-02 Halfspace plot Kaiserslautern 2 - 3 Wurzburger Kickers.png

Text: Eric Scherer

Foto: Andreas Schlichter/Bongarts/Getty Images   Grafik: 11tegen11