Die Mannschaft siegt als Kollektiv – und Pick krönt die Vorstellung mit ein wenig Flo-Zirkus

Von wegen Totensonntag. Der 1. FC Kaiserslautern präsentiert sich gegen den FC Hansa Rostock so lebendig wie nie in dieser Saison und siegt eindrucksvoll mit 2:0. Damit sind ihm nicht nur endlich wieder einmal zwei Siege nacheinander geglückt. Wichtiger ist, dass sich der kollektive Auftritt des Teams deutlich erkennbar weiterentwickelt. Aus diesem wiederum sticht einer besonders hervor: Florian Pick brillierte erneut mit Pässen und langen Wegen aus der Tiefe und mutiert immer mehr vom Flügelspieler zum zentralen Impulsgeber.

„Eng stehen“ – dies fordern Trainer oft und gerne von ihren Teams, vor allem in den Pressekonferenzen vor einer Partie. Das freilich dürfte nur eine sehr verkürzte Darstellung dessen sein, was sie eigentlich meinen. Die hohe Kunst des modernen Fußballspiels ist, in Ballnähe eng zu stehen, und das permanent. Damit, wenn der Gegner das Leder an einem Spieler vorbeigeschoben hat, gleich der nächste zur Stelle ist, der es ihm abjagen. Und wer wirklich offensiv denkt, will die Seinen auch schon in Gegners Hälfte eng stehen sehen, um frühe Balleroberungen zu erzielen. Zumindest phasenweise.

Um mit diesen Maßgaben eng zu stehen, muss sich eine Mannschaft also ständig und möglichst geschlossen verschieben, was eine enorme Lauf- und Konzentrationsleistung erfordert. In seinem numehr achten Liga-Spiel unter der Regie von Trainer Boris Schommers praktizierte der FCK dies am Sonntag jetzt nicht unbedingt in Vollendung, doch sind weitere Fortschritte auf diesem Weg deutlich erkennbar.

DAS 1:0: KÜHLWETTER TRIFFT NACH STARKEM GEGENPRESSING

Das 1:0 in Minute 24 etwa ist das Resultat eines solchen Gegenpressings, wie dieses „eng stehen“ es ermöglicht. Die Rostocker Hintermannschaft hat einen Lautrer Angriff abgeblockt, bekommt aber einfach nicht die Zeit und nicht den Raum, einen Gegenstoß aufzubauen. Denn Christian Kühlwetter ist sofort zur Stelle, behauptet das Leder, spielt Doppelpass mit Florian Pick, dringt auf halbrechter Position in den Rostocker Strafraum und vollstreckt.

Und dies war nicht die erste starke Szene des FCK. Schon zuvor hatte Pick den sich auf der gesamten Spielfeldbreite anbietenden Timmy Thiele über die rechte Seite in die Tiefe geschickt. In Minute 18 hatte der unter Schommers wiedererstarkte Hendrick Zuck, ebenfalls nach einer durch „eng stehen“ provozierten Balleroberung auf der rechten Seite ins Spiel gebracht, den halblinks durchbrechenden Pick bedient.

ELFMETER WÄR MÖGLICH GEWESEN, DOCH DER FLO-ZIRKUS ENTSCHÄDIGT

Der schiebt sich geschickt zwischen den Ball und Verteidiger Nils Butzen und fällt. Weshalb Schiedsrichter Daniel Schlager keinen Elfmeter trotz sichtbarem Körperkontakt keinen Elfmeter pfeift? Vielleicht, weil Pick es auf die eigentlich unvermeidliche Berührung ein bisschen zu offensichtlich abgesehen hatte. Was im Grunde aber kein Argument wäre. Pfeifen können hätte man auf jeden Fall.

  In Minute 41 setzt Pick seinem Auftritt dann die Krone auf. Erneut lässt er sich bei eigenem Ballbesitz ins zentrale Mittelfeld zurückfallen, nimmt den Ball an, setzt sich gegen einen ersten Gegenspieler ein wenig glücklich durch, täuscht an der Strafraumgrenze einen Schuss mit rechts an, schlägt dann jedoch einen Haken und zieht mit links ab. Der Einschlag erfolgt im linken oberen Toreck, 2:0. 

PICK UND HANSA-TRAINER HÄRTEL: WAR DA MAL WAS?

Als kleine Zugabe präsentiert der Flo-Zirkus noch einen sauber gestandenen Salto. Den er nach dem Spiel seinem Ex-Trainer Jens Härtel widmet. Wir erinnern uns: Pick war in der Saison 2017/18 nach Magdeburg ausgeliehen, wo Härtel seinerzeit coachte. Ist seit dieser Zeit etwa noch eine kleine Rechnung offen? 

„Wir sind zusammen ausgestiegen“, diktiert der Salto-Artist artig ins „Magenta Sport“-Mikro. Allzu oft mitspielen ließ der Coach ihn dabei allerdings nicht. Nur sechs Einsätze von Beginn an und zehn Einwechslungen verzeichnet Picks Statistik in dieser Saison. Am Sonntag hat er gezeigt, dass er auch für ein paar mehr gut gewesen wäre. 

PICK MUTIERT IMMER MEHR ZUM MANN AUS DER MITTE

Pick, aufgrund seiner Statur und seiner Dribbelstärke scheinbar für ein Leben als Flügelstürmer prädestiniert, wächst immer eindrucksvoller in die zentrale Rolle, die Boris Schommers ihm auferlegt hat. Gegen den Ball zweiter Stürmer in einer 4-4-2-Formation, lässt er sich fallen, sobald sich das Spielgerät in den eigenen Reihen befindet, um mit Pässen oder Dribblings aus der Tiefe zu glänzen.

Das gelingt ihm auch in Hälfte zwei, in der der FCK weiterhin eng steht, sich angesichts der Führung aber zurückgezogener formiert. Und einige Umschaltsituationen wie aus dem Lehrbuch kreiert.

HÄLFTE ZWEI: UMSCHALTEN WIE AUS DEM LEHRBUCH

 In Minute 51 legt Pick nach einem Dribbling über seine angestammte linke Seite auf Zuck zurück, der zieht ab, doch Hansa-Keeper Markus Kolke pariert. In Minute 68 versucht es Pick mal wieder selbst, diesmal sind Ballgewinn und Konter über die rechte Seite nach vorne getragen, auf der Kühlwetter und Dominik Schad stark harmonieren, übrigens auch in der Rückwärtsbewegung.

Man merkt’s: Es ist das Kollektiv, das funktioniert. Bis zum Abpfiff verzeichnet der FCK noch einige Einschussgelegenheiten mehr. Unter anderem trifft der Andri Runar Bjarnason den Pfosten, prüfen auch Janik Bachmann und Schad Kolke mit kernigen Schüssen. Hinten lässt der Lautrer Defensivverband dagegen kaum etwas zu, stehen vor allem die Innenverteidiger Kevin Kraus und André Hainault sicher.

Ein Kollektiv, das immer eng steht, vermag eben auch die Geschwindigkeitsdefizite einiger betagterer Abwehrspieler zu kaschieren, vor allem, wenn diese so überlegt agieren wie Hainault.

SCHOMMERS: HANDSCHRIFT DER MANNSCHAFT WIRD ERKENNBAR

Angemerkt werden muss allerdings noch eine ziemlich üble Aktion des eingewechselten Rostockers Tanju Özturk, der dem bereits zu Boden gegangenen Bachmann fies auf den Knöchel steigt. Dafür gibt’s Gelb, hätte aber auch Rot sein dürfen. 

Es sei nicht die Handschrift des Trainers, sondern die der Mannschaft, die heute sichtbar wurde, erklärt Boris Schommers hinterher. Bescheidenheit ist eben eine Zier, doch wie weit können Trainer und Mannschaft damit in dieser Saison noch kommen?

Vorsicht. In den vergangenen Jahren wurden aufkeimende Hoffnungen so oft wieder jäh zerstört, dass Zurückhaltung geboten ist, was optimistische Prognosen angeht. Als nächstes braucht der FCK erst einmal auch auf der Funktionärsebene ein Führungsteam, das eng zusammensteht. Kommenden Sonntag, am 1. Dezember, bietet sich auf der Jahreshauptversammlung die Gelegenheit, ein solches zusammenzustellen.

Text: Eric Scherer

Foto: Thomas Eisenhuth/Getty Images