Kommentar: Sagt zum Abschied leise Servus – mit der Betonung auf „leise“

Was lange währt… Nun ja, ob es endlich gut wird, kann niemand garantieren, aber jedenfalls findet sie am kommenden Sonntag, 1. Dezember, ab 11 Uhr endlich statt, die Jahreshauptversammlung des 1. FC Kaiserslautern. Und seit Mitte dieser Woche steht fest, dass es keine Neuwahl des kompletten Aufsichtsrats, sondern lediglich eine Nachwahl auf insgesamt vier Positionen geben wird, da der letzte verbliebene Funktionsträger Fritz Fuchs sein Amt weiter ausüben will. Dennoch: Der FCK steht vor einem Neuanfang – wieder einmal. Die zur Wahl stehenden Kandidaten präsentieren  sich bereits in diversen Medien und bei öffentlichen Auftritten. Die Scheidenden  wollen derweil in guter Erinnerung bleiben – und lassen sich von ihrem jeweiligen Lieblingsmedium entsprechend vorteilhaft darstellen. Das soll, das darf an dieser Stelle nicht unwidersprochen bleiben.

Ja, die scheidende Führungsmannschaft hat sich eine gewaltige Last aufgebürdet, als sie im Dezember 2017 in Amt und Würden gewählt wurde. Der FCK rangierte seinerzeit abgeschlagen auf Rang 18 der Zweiten Bundesliga. Dem viermaligen  Deutsche Meister drohte der Abstieg in die Dritte Liga, und seit Jahren galt es eigentlich als „Common Sense“, dass der Pfälzer Klub mit dem riesen Stadionklotz am Bein einen solchen neuerlichen Absturz nicht überleben würde.

Unter diesen Voraussetzungen Verantwortung zu übernehmen, verlangte einiges an Mut. Die Gefahr, am Ende als diejenigen dazustehen, die den Karren endgültig an die Wand gefahren hat, war immens.

KEINE FRAGE: SIE HABEN EINIGES ERREICHT – IRGENDWIE

Aber, ja, irgendwie haben Patrick Banf und Co. es geschafft, dem FCK die Lizenz für ein erstes Jahr Dritte Liga sichern, anschließend sogar noch für ein zweites, was zuvor ebenfalls für unmöglich gehalten worden war. Und, ja, auch das Nachwuchsleistungszentrum am Fröhnerhof wurde erhalten und ist fürs sportliche Überleben der Profis aktuell wichtiger denn je. Und, ja, auch die „Betze-Anleihe“ wurde zurückgezahlt.

Und: Diese Führungsmannschaft hat ihr erklärtes Ziel erreicht, die Profifußball-Abteilung des FCK in eine Kapitalgesellschaft auszugliedern. Weil nur so das wirtschaftliche Überleben des FCK im Profifußball zu sichern gewesen wäre, hieß es.

Ob dies tatsächlich so „alternativlos“ war wie dargestellt, lassen wir mal dahingestellt. Die Mitgliederversammlung des Vereins hat dieser Ausgliederung und dem „Vier-Säulen-Modell“, auf dem die Kapitalgesellschaft stehen soll, fast geschlossen zugestimmt, das ist es, was zählt.

WENN EIGENLOB ANFÄNGT ZU MÜFFELN

Und die zentrale Stütze dieses Konstrukts, den „Ankerinvestor“, haben die scheidenden Funktionäre ebenfalls gefunden. Wie angekündigt.

Oder? Eben.

Spätestens an dieser Stelle wird in der Beweihräucherung, die sich der scheidende  Funktionär Patrick Banf am gestrigen Mittwoch in der „Rheinpfalz“ gönnte, ein Widerhaken sichtbar. An der Stelle nämlich, an der er bedauert, dass der Luxemburger Unternehmer Flavio Becca, der den FCK bislang lediglich mit einer Bürgschaft stützt, eben noch kein Anteilseigner ist. „Es ist schade, dass wir das durch die ganzen Turbulenzen nicht finalisieren konnten“, sagt Banf.

Leider hakt hier niemand hier nach: Wer war/ist denn schuld an diesen ganzen Turbulenzen?

Da nämlich beginnt Banfs Eigenlob zu müffeln.

Dass er den „Letter of Intent“ mitunterzeichnete, in dem besagter Becca sein Engagement mit dem Rücktritt des gewählten Aufsichtsratsmitglieds Michael Littig verknüpfte, ist sattsam bekannt. Dass dies den Verein zutiefst spaltete, ebenfalls. Dass die Vereinsführung nicht schon im Sommer der Empfehlung seines Ehrenrats folgte, darauf mit einer Außerordentlichen Mitgliederversammlung zu reagieren, auf der diese über Konsequenzen hätte entscheiden können, um wieder Konsens herzustellen, kann nicht oft genug gesagt werden.

Denn nun wird die neue Führungscrew erst im Dezember installiert – und steht direkt unter gewaltigem Druck. Denn bereits im Februar 2020 muss dem DFB der Lizenzierungsantrag für die kommende Spielzeit vorliegen, in dem auch darzustellen ist, wie diese finanziert werden soll. Mit ein wenig mehr Selbstkritik und der Bereitschaft zu der „Transparenz“, die man bei Amtsantritt versprach, wäre diese Drucksituation zu vermeiden gewesen.

BECCA UND DIE TURBULENZEN – WIE RUM PASST DER SCHUH DENN?

Die Darstellung, dass Becca bislang wegen der „ganzen Turbulenzen“ noch nicht zum Investor wurde, ist zumindest zweifelhaft. Große Teile des Umfelds sind überzeugt, dass umgekehrt viel eher ein Schuh draus wird.

Denn: Wäre Becca nach der unter diesen unseligen Umständen zustande gekommenen Entscheidung zu seinen Gunsten zügig mit ein paar Millionen zur Stelle gewesen – die „ganzen Turbulenzen“ hätten sich wohl schnell verflüchtigt. Erst recht, wenn sich mit den Investitionen auch sportlicher Erfolg eingestellt hätte. Zumal der Luxemburger in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ (kein online-Archiv verfügbar, daher kein Link) auch angekündigte, 25 Millionen Euro in fünf Jahren nicht etwa gleichmäßig fließen zu lassen, sondern zu Beginn, zum Zwecke des Anschubs, ein wenig mehr zu zahlen.

Längst hat sich im Umfeld die Sorge breitgemacht, dass von Becca nun überhaupt kein Geld mehr fließt. Immerhin: Der ehemalige Weltschiedsrichter Markus Merk, der prominenteste Kandidat für die kommende Aufsichtsratswahl, äußert sich nach einem fünfstündigen Gespräch mit dem Luxemburger in diesen Tagen zuversichtlich: „Es ging darum, eine Basis für weitere Gespräche zu schaffen, und das ist uns gelungen“, erklärt Merk in der aktuellen Ausgabe der „Allgemeinen Zeitung“.

KONTROLLE? BANF LOBT BEIDE GESCHÄFTSFÜHRER ÜBER DEN GRÜNEN KLEE

Daneben vermittelten Banf und Co. nie überzeugend den Eindruck, dass sie außer Becca auch noch andere potenzielle Geldgeber umwarben. Stellvertretend sei hier nochmal auf Banfs ausdruckslose Reaktion nach einem entsprechenden Einwurf Rainer Keßlers in der SWR 4-Sendung „Klartext“ verwiesen. Kessler kandidiert am Sonntag übrigens ebenfalls für den Aufsichtsrat. Doch auch bei anderen Anlässen löste Banfs Art der Kommunikation immer wieder Befremden aus, etwa bei dem fruchtlosen Palaver namens „Mitgliederforum“ im Juli.

Des weiteren ist zu hinterfragen, inwieweit Banf und seine Mitstreiter in Aufsichts- und Beirat ihrer Hauptaufgabe nachgekommen sind: der Kontrolle der Geschäftsführer. Im besagten „Rheinpfalz“-Artikel beide über den grünen Klee.

AUCH KLATT SORGTE FÜR EINIGE FRAGEZEICHEN

Dass Finanz-Geschäftsführer Michael Klatt die zentrale Kraft war, als es darum ging, die schwierig zu verwirklichenden Lizenzierungen für die beiden Drittliga-Spielzeiten zu erreichen, soll auch nicht bestritten werden. Im Laufe dieses Jahres erschien jedoch auch sein Wirken wiederholt fragwürdig.

So hatte er zum Jahreswechsel erklärt, dass die Lizenz für die Spielzeit 2019/2020 gesichert sei, falls die „Betze-Anleihe II“ sowie die Crowdlending-Aktion bei „Kapilendo“ erfolgreich abgeschlossen würde. Beides klappte. Im Mai jedoch hieß es plötzlich, es sei zusätzliches Engagement des interessierten Investors Becca notwendig, um die Lizenzierung zu erreichen.

So kam es zu dem bekannten Zuschlag für den Luxemburger, dem unseligen „Letter of Intent“ und der Spaltung des Vereins. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass entgegen vorheriger Erklärungen auch die Kreditzusagen der Partner Lagardere und Quattrex noch nicht fixiert waren, so dass diese ebenfalls Einfluss auf die Investorenentscheidung nehmen konnten.

Klatt hat im Oktober seinen Abschied zum Jahresende angekündigt – und von der Rheinpfalz ebenfalls bereits eine ausschließlich wohlwollende Würdigung erhalten, die nicht nur Andreas Buck, den ehemaligen FCK-Profi und zwischenzeitlichen Vorstandsvorsitzenden des „e.V.“ befremdete.

MARTIN BADER LÄSST SICH DERWEIL VON DER „WELT“ BEMITLEIDEN

Auch die Arbeit des zum Jahresende ausscheidenden Sport-Geschäftsführers Martin Bader beurteilt Banf in seiner Rheinpfalz-Eloge ungebrochen positiv. Der Manager selbst nutzt für seine Selbstdarstellung freilich lieber Springer-Medien. Zuletzt zeichnete die „Welt“ ein Bild von ihm als „Opfer in den Turbulenzen beim Traditionsverein“, der „vom eigenen Mythos“ verschlungen werde.

Da geht glatt unter, dass auch Bader zum Beseitigen dieser Turbulenzen einiges hätte beitragen können. Für beide Drittliga-Spielzeiten standen ihm als Kaderplaner Budgets zur Verfügung, mit denen andere durchaus schon aufgestiegen sind. Insgesamt 23 Spieler hat der Sport-Geschäftsführer in zwei Sommern an den Betzenberg transferiert.

Die Leistungsträger des aktuellen Teams – Lennart Grill, Carlo Sickinger, Christian Kühlwetter, Florian Pick – sind freilich allesamt Produkte der eigenen Nachwuchsarbeit. Der einzige Spieler, den Bader von auswärts verpflichtete und der beim FCK seinen Marktwert bislang signifikant steigern konnte, ist Dominik Schad.

„DIE FRÜCHTE DES SPORTLICHEN KONZEPTS GEHEN AUF“

Insgesamt drei Trainer hat Bader in den vergangenen 21 Monaten seiner Tätigkeit unter Vertrag genommen. Die ersten beiden vermochten keine sportliche Aufwärtsentwicklung herbeizuführen und wurden wieder entlassen, Boris Schommers ist noch am Arbeiten.

Banf spricht nun nach den jüngsten beiden Siegen in der Liga bereits davon, „dass die Früchte des sportlichen Konzepts langsam aufgehen.“ Na großartig. Wenn der FCK am Samstag auch noch sein Auswärtsspiel bei Viktoria Köln gewinnt, wird er bei der Jahreshauptversammlung am Sonntag womöglich die Seligsprechung Martin Baders  beantragen.

Besser wärs, Patrick Banf und seine ebenfalls ausscheidenden Mitstreiter nehmen sich den alten Schlager Peter Kreuders zu Herzen: Sag zum Abschied leise Servus… Wobei die Betonung in diesem Fall auf „leise“ liegen sollte.

Text: Eric Scherer

Foto: Thorsten Wagner/Bongarts/Getty Images/