Kommentar: Der Teufel hat sich seinen Verein zurückgeholt – und zuvor ein paar Watschen verteilt

Das „Team Merk“ ist mit den erwartet starken Mehrheiten in den Aufsichtsrat des 1. FC Kaiserslautern e.V. gewählt worden. Die vorgesehene Aussprache zu den Streitthemen der vergangenen Monate war intensiv, blieb insgesamt fair, förderte inhaltlich aber nichts unbedingt Neues zu Tage. Und dafür brauchte es eine Mitgliederversammlung von neuneinhalb Stunden Länge? Ja. Weil’s halt mal sein musste. Die härtesten Urteile wurden an diesem Sonntag jedoch nicht in Worten formuliert, sondern in Zahlen ausgedrückt: Insgesamt fünf Funktionsträger sind nicht entlastet worden, zwei davon mit über 90 Prozent „Nein“-Stimmen, das dürfte einmalig in der Vereinsgeschichte sein. Diese geschlossenen Voten zeigen aber auch: So gespalten, wie er immer dargestellt wurde, war der Verein offenbar gar nicht. Lediglich die Führungsspitze war der Basis entrückt.

Dass die Abgewatschten anscheinend Probleme mit ihrer Selbstwahrnehmung haben, deutete einer von ihnen unmittelbar nach dem Sitzungsmarathon an, als ihm „SWR Sport“ ein Mikrofon ins Gesicht hielt. Wilfried de Buhr, Vorsitzender des Vereinsvorstands, soll seine Nicht-Entlastung kommentieren, für die sage und schreibe 80,4 Prozent der anwesenden Mitglieder gestimmt haben.

Da die Abstimmungen über Entlastung von Aufsichtsrat, Geschäftsführer und Vorstand an den Schluss der Mammutsitzung gelegen worden seien, seien ja nur noch rund 500 stimmberechtigte Mitglieder anwesend gewesen, klagt de Buhr. In der Tat waren es am Mittag, als die neuen Aufsichtsratsmitglieder gewählt wurden, noch über 1700.

80,4 PROZENT ABLEHNUNG – WEIL DIE JA-STIMMEN SCHON ZUHAUSE WAREN?

Nun, schlechte Wahlergebnisse auf die „Nicht-Wähler“ zu schieben, kennt man  auch von Politikern, denen an einem deprimierenden Wahlabend nichts Besseres einfällt. Bei einer Ablehnung von 80,4 Prozent der anwesenden Mitglieder mutiert eine solche Ausflucht allerdings zur Realsatire.

 Zumal de Buhr noch einen draufsetzt: „Ich war derjenige, der den Verein überhaupt am Leben erhalten hat,“ erklärt der Vorstandsvorsitzende. Er will dafür gesorgt haben, dass der FCK „nicht insolvent“ gegangen sei, auch wenn es keiner mitgekriegt hätte. Echt jetzt?

Man muss ihm zugute halten: Es war schon später am Abend nach einem wirklich anstrengenden Tag, da rutschen schon mal Formulierungen raus, die nicht gut genug durchdacht sind. Tags drauf, im Gespräch mit der „Rheinpfalz“, das am heutigen Dienstag veröffentlicht wurde, trug de Buhr nicht ganz so dick auf. Dass er an dem klaren Votum gegen sich selbst schuld sein könnte, vermag er allerdings auch an dieser Stelle nicht zu erkennen.

„ERBRACHTE LEISTUNGEN NICHT TRANSPARENT GEMACHT“

De Buhr erklärt seine Nicht-Entlastung damit, dass „die erbrachten Leistungen“ des Vorstands „den Mitgliedern nicht vollständig transparent gemacht“ wurden. Er habe sich auf die ihm zugewiesenen Aufgaben konzentriert. Dazu gehöre nicht, „Verlautbarungen zu aktuellen Ereignissen von sich zu geben, die in den Kompetenzbereich des Profifußballs“ fielen.

Das mag sein, aber erklärt sich damit eine Ablehnung von, es muss noch einmal gesagt werden, 80,4 Prozent? Gebildet werden diese von insgesamt 455 Mitgliedern – ungefähr so viele pflegen zu einer „normalen“ Jahreshauptversammlung des FCK zu kommen. Und die dem Vorstand wohlgesonnenen Mitglieder, die ein anderes Wahlergebnis hätten bringen können, sollen alle unter den 1200 gewesen sein, die bereits nach Hause gegangen waren?

DIE ÄNDERUNG DER TAGESORDNUNG WAR GUT UND RICHTIG

Die Abstimmung über die Entlastung der Funktionsträger erst am finstren Ende des Tages anzuberaumen, war zu Beginn der Sitzung von Johannes B. Remy beantragt worden, FCK-Mitglied und unter anderem einer der Gründer der Initiative „FCK jetzt“, die wochenlang Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung gesammelt hatte, um eine möglichst frühzeitige Klärung der Streitthemen zu gewährleisten und gegebenenfalls die vorzeitige Abwahl der amtierenden Führungsmannschaft einzuleiten.

Prompt tauchten nach der Versammlung am Sonntag vereinzelt Stimmen im Netz auf, die von einem „Schachzug“ sprachen, mit dem erreicht worden wäre, dass zum Zeitpunkt der Abstimmung nur noch der „Pöbel“ im Saal gewesen sein.

Hierzu sei gesagt: Die Änderung der Tagesordnung, für die übrigens 82,6 Prozent der anwesenden Mitglieder stimmten – in absoluten Zahlen: 1.126 – , machte Sinn. Dadurch rückte die Neuwahl der zu besetzenden Aufsichtsratsposten nach vorne – und wegen der waren die Mitglieder schließlich so zahlreich erschienen.

Der Verein soll und muss nach vorne schauen, drum war es richtig und gut, für diese Abstimmung die breiteste Basis zu schaffen. Denn es war absehbar, dass nur der harte Kern die vollen neun Stunden bis nach der Aussprache über die Themen der vergangenen Monate ausharren würde.

IMMERHIN: DIE ABGEWATSCHTEN VERABSCHIEDETEN SICH MIT ANSTAND 

Nachtreten wird in einem Fußballspiel bekanntlich mit „Rot“ geahndet, drum wollen wir es an dieser Stelle ebenfalls unterlassen. Weshalb Patrick Banf und Co. den Verein so gegen sich aufbrachten, ist hinreichend erörtert worden – in diesem Blog zuletzt am vergangenen Donnerstag.

Immerhin: Die Abgewatschten, deren Abschied schon vor ihrer  Nicht-Entlastung besiegelt war, verzichteten bei ihren Ansprachen zum Ausstand weitgehend auf trotzige Selbstbeweihräucherung, bemühten sich um Zurückhaltung und Sachlichkeit. Zwischendurch gab’s zwar mal Buhrufe, am Ende durften sie mit verhaltenem Anstandsapplaus von der Bühne.

DIE ZAHLEN SPRECHEN FÜR SICH

Was noch zu sagen wäre, sollen an dieser Stelle die nackten Zahlen ausdrücken: 92,3 Prozent der anwesenden Mitglieder (in absoluten Zahlen: 529) stimmten gegen die Entlastung des Aufsichtsratsmitglieds Patrick Banf, 92,5 Prozent gegen Aufsichtsratsmitglied Jochen Grotepass, 77,9 Prozent gegen das ehemalige Vorstandsmitglied Michael Klatt und 66,1 Prozent gegen das ehemalige Vorstandsmitglied Martin Bader.

Darüber hinaus äußerten sich alle zuversichtlich, dass nach den jüngsten drei Siegen  in Folge zumindest sportlich der „Turnaround“ geschafft sei. Und man glaubte schon ein bisschen die Idee dahinter herauszuhören: Falls der FCK nun zu einem Höhenflug ansetzt, der zum Saisonende den von allen herbeigesehnten Erfolg bringt, werden die Abgewatschten sich zum gegebenen Zeitpunkt über ihr jeweiliges Lieblingsmedium zu Wort melden und verlautbaren, dass hier ja lediglich die Saat aufgegangen sei, die sie gesät hätten und die nun ihre Nachfolger ernten dürfen – wetten?

RIESENAPPLAUS FÜR TRAINER BORIS SCHOMMERS

Einer, auf dem diese Hoffnungen ruhen, ergriff ebenfalls das Wort: Trainer Boris Schommers hatte sich Redezeit auf der Mitgliederversammlung ausbedungen. Der letzte FCK-Übungsleiter, der einen solchen Auftritt wagte, war nach unserer Erinnerung Otto Rehhagel.

Und Schommers gelang es in den elf Minuten seiner Ansprache, den neuen Teamgeist, den seine Mannschaft seit einigen Wochen spüren lässt, auch in die Versammlung zu tragen. Unter anderem, in dem er das „Vier-Säulen-Model“ seines Trainerteams vorstellte: „Ehrlichkeit und Respekt“ – „Individuelle Qualität“ – „Zusammenhalt des Teams“ – „Fans“. Am Ende spendeten ihm die Mitglieder stehend Applaus. Hier scheint einer mit der Pfalz richtig warm zu werden – und die Pfalz mit ihm.

VIER VOM „TEAM MERK“ SIND GEWÄHLT – MARTIN WAGNER RÜCKT NACH

Jetzt ruhen die Hoffnung auf dem neu formierten Aufsichtsrat um die überwältigenden Mehrheiten gewählten Rainer Keßler, Dr. Markus Merk, Martin Weimer und Prof. Jörg E. Wilhelm. Fritz Fuchs hatte als einziger Angehöriger des alten Gremiums auf einen Rücktritt verzichtet und behält sein Mandat. Das sorgte für einiges Murren, aber: Es ist sein gutes Recht.

In einer seiner ersten Amtshandlungen berief der neu formierte Aufsichtsrat am Montag den Ex-Profi Martin Wagner nach, der bei der Abstimmung den undankbaren fünften Platz belegt hatte. Rainer Keßler wählte das Gremium zu seinem Vorsitzenden, als dessen Stellvertreter und Sprecher des Aufsichtsrats fungiert künftig Dr. Markus Merk.

Außer Fuchs gehören künftig alle Aufsichtsratsratsmitglieder auch dem Beirat der für den Profifußball zuständigen Kapitalgesellschaft an. Jörg E. Wilhelm wird zudem in den Beirat in den Aufsichtsrat der 1. FC Kaiserslautern GmbH & Co KGaA entsandt.

DER NACHFOLGER VON KLATT HEISST SOEREN OLIVER VOIGT

Vor wenigen Stunden präsentierte das „Team Merk“ bereits einen Nachfolger für den zum Jahresende ausscheidenden Michael Klatt: Soeren Oliver Voigt wird ab 3. Dezember die Finanzgeschäfte der 1. FC Kaiserslautern Management GmbH führen. Der 50-Jährige hatte diese Position bereits von 2007 bis 2019 bei Eintracht Braunschweig inne, war zudem von 2016 bis 2018 Mitglied des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Außerdem beschloss der Aufsichtsrat, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die aktuelle finanzielle Situation am Betzenberg analysieren zu lassen.

„TEAM MERK“ STARTET MIT HOHEM TEMPO – UND DAS IST GUT SO

Die neue Führungsmannschaft startet also direkt mit hohem Tempo. Das ist auch notwendig, denn bis Ende Februar müssen die Lizenzunterlagen für den DFB vorliegen, die dem FCK eine weitere Spielzeit in der Dritten Liga sichern sollen.

„Wir haben uns unseren Verein zurückgeholt“ – dieser Satz ist seit Sonntagabend öfter in den sozialen Medien zu lesen. Eine Aussage, die zeigt, dass die neuen Amtsträger wieder als „welche von uns“ empfunden. Mit einem solchen Vertrauensvorschuss lässt sich sicher freudig ans Werk gehen.

Text: Eric Scherer

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images