Vierter Sieg in Folge, perfekte Dramaturgie und Fritz Walter lässt es regnen – ein traumhafter Jahresabschluss „uffem Betze“

Sie haben es tatsächlich geschafft. Der 1. FC Kaiserslautern gewinnt sein viertes Spiel in Folge, und das gegen den stärksten Defensivverband der Liga. Einem Anspruch, dem der Hallesche FC auch auf dem Betzenberg voll und ganz gerecht wurde – die Gäste enttäuschten ihre Anhänger lediglich im Spiel nach vorne. Zum gelungenen Jahresabschluss des FCK passt  auch die Dramaturgie des Spiels: Florian Pick erzielt den entscheidenden Treffer erst in der 82. Minute. Sogar Fritz-Walter-Wetter stellte sich ein. Nüchtern-objektiv betrachtet, ist jedoch als allererstes die ungeheure Konzentrationsleistung hervorzuheben, mit der das Team von Trainer Boris Schommers über 90 Minuten zu Werke ging.

Zunächst mal spielte nur der Hallesche FC. Allerdings nur zwei Minuten lang, vom Anpfiff weg. Dies war dann auch schon die längste Phase eigenen durchgehenden Ballbesitzes für die Gäste. Trainer Torsten Ziegner hatte sein Team in einem 3-1-4-2 formiert, in dem es sich zumindest gegen den Ball über 90 Minuten auch sehr gut geordnet bewegte.

Der FCK indes zeigt schon nach vier Minuten, was sein Spiel prägen soll. Linksverteidiger Philipp Hercher wirft auf den links durchstartenden Hendrick Zuck, der zieht fast von der Torauslinie eine flache Flanke in den Rückraum. Simon Skarlatidis, der wie erwartet für den gelbgesperrten Christian Kühlwetter aufgelaufen ist, nimmt das Leder direkt, wird aber abgeblockt.

KEINER LOBT ZUCK – ALSO TUN WIR ES MAL

Lautern kommt über starke Außen, immer und immer wieder. Und da „überflügelt“ in der ersten Hälfte die linke Seite die – zumeist dank Dominik Schad – so oft gelobte rechte. Hercher und Zuck harmonieren hervorragend.

Und da es vermutlich sonst keiner tun wird, soll es wenigstens an dieser Stelle geschehen: Wir loben Hendrick Zuck mal explizit. Neben André Hainault in der Innenverteidigung ist er die große Wiederbelebung, die Boris Schommers in seiner kurzen Amtszeit bislang geglückt ist.

Zuck wird nie der Typ des offensives Flügelspielers werden, den sich der normale Fußballkonsument vorstellt: Haken schlagend, pfeilschnell, dribbelstark im Eins-gegen-Eins. Er ist eher ein Mann für die Abspiele im richtigen Moment, und ab und zu gelingt ihm auch mal ein richtig „tödlicher“ Pass.

SCHOMMERS’ SPIEL IST IN ERSTER LINIE KOPFSACHE

Vor allem aber verfügt Zuck über das nötige Spielverständnis, um sich im System Schommers zu bewegen. Das permanente kompakte Verschieben des Mannschaftsverbundes Richtung Ball ist nämlich zu allererst Kopfsache, verlangt von allen Spielern enorme Konzentration – da mögen Schlagworte wie „Mentalität“ oder „Aggressivität“ noch so sehr strapaziert werden.

In der 54. Minute hätte Zuck ums Haar sogar den Führungstreffer für den FCK erzielt. Er zirkelt einen Freistoß aus 20 Meter aufs Tor der Hallenser. Der Ball setzt im Fünfmeterraum sogar nochmal tückisch auf – KFC-Keeper Kai Eisele pariert dennoch. Erst danach taucht Zuck ein wenig ab, auch, weil nun die rechte Seite mit Schad und Skarlatidis enorm aufdreht.

DER VIRTUOSE DER PERFEKT GETIMTEN GRÄTSCHE: SEBASTIAN MAI

Ebenfalls charakteristisch: Es fehlt lange Zeit an der Art von Torszenen, die eine  Partie im Zusammenschnitt als „Klassespiel“ ausweisen. Es ist dennoch eines. Immer wieder setzen sich die Lauterer stark über die Flügel durch, doch werden die Abschlüsse sowie die Zuspiele vors Tor abgeblockt.

Absoluter Meister dieser Disziplin ist Sebastian Mai, der zentrale Mann in Halles Dreierkette. Ein absoluter Virtuose der exzellent getimten Grätsche. So stoppt er einmal einen Vertikalpass Pick auf den durchstartenden Timmy Thiele, ein anderes Mal blockt er den halbrechts durchgebrochenen Schad exakt in der Zehntelsekunde, die zwischen erfolgreichem Torschuss und elfmeterreifem Foul entscheidet.

Sein Mitspieler Bentley Baxter Bahn stellt sich da in Minute 34 weniger geschickt an. Dass seine Grätsch-Aktion gegen Thiele nicht mit einem Elfmeterpfiff geahndet wird, ist schlicht und ergreifend Glück für Halle.

PAUSE: DEN HFC-VERANTWORTLICHEN SCHWANT UNHEIL

25 Minuten hatte es gedauert, bis die ersten Bälle aufs Tor der Gäste flogen, die nicht abgeblockt waren. Nach einer zu kurz abgewehrten Ecke zieht Hercher aus halbrechter Position ab und drüber. Nach 41 Minuten legt Hercher Janik Bachmann auf, dessen 18-Meter-Geschoss verfehlt das Gehäuse nur knapp.

Von den mangelnden „Hundertprozentigen“ zur Pause lassen sich zumindest Fachleute nicht täuschen. Lautern ist am Drücker, Halle wackelt.

„Außer Sebastian Mai ist bei uns niemand in Normalform“, schimpft HFC-Sportdirektor Ralf Heskamp ins „Magenta Sport“-Mikrofon. Das sehe zeitweise so aus, als ob „eine Schülermannschaft gegen eine Herrenmannschaft“ spiele – „und wir sind die Schülermannschaft.“

Auch Trainer Ziegner hat erkannt, wo es hapert. Er nimmt beide Außenbahnspieler raus. Julian Guttau übernimmt für Dennis Mast die linke Seite.

Für Florian Hansch kommt Felix Drinkuth, den Platz auf der rechten Seite übernimmt der vormalige Stürmer Pascal Sohm. Also einer, der diesen Part offensiv interpretiert. Offenbar hat Ziegner die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass nach vorne doch noch mehr geht als bislang gezeigt.

HÄLFTE ZWEI: JETZT DREHT DIE RECHTE SEITE AUF

Am Gesamtbild ändert sich jedoch auch in der zweiten Hälfte nichts – nur, dass sich bei Lautern nun das Pärchen Schad/Skarlatidis auf der rechten Seite immer stärker durchsetzt. Allerdings kann in der Dritten Liga keine Mannschaft eine andere über 90 Minuten dominieren. Nach einer Stunde erarbeitet sich Halle endlich eigene Spielanteile.

Und Torjäger Terence Boyd kommt nach einer langen Rechtsflanke am langen Eck frei zu Schuss. FCK-Keeper Lennart Grill klärt per Fußabwehr. Tja, so ein Fußballspiel kann ganz schnell eine brutale Wendung nehmen, solange es 0:0 steht.

In den vergangenen Monaten hat es einige solcher Momente gegeben, in denen es nach starken Phasen des FCK dennoch plötzlich 1:0 für den Gegner stand. Doch auch das gehört zum „Momentum“, das dieses Team derzeit genießt. Da passiert dergleichen eben nicht.

DIE ZEIT LÄUFT: GESUCHT WIRD DER MANN FÜR DEN GROSSEN MOMENT

Dennoch: Selbstverständlich ist das „Happy End“ nicht – trotz der nach wie vor ungebrochen hohen Konzentrationsleistung der Schommers-Elf. Die Hallesche Defensive um ihren Turm Sebastian Mai wankt, aber sie fällt nicht.

Jetzt braucht es einen Mann für einen großen Moment.

Und wie kann der in dieser Saison eigentlich nur heißen? Für Skarlatidis ist bereits bereits Lucas Röser gekommen.

Der bislang glücklose Neuzugang landet den Schuss ins Glück zumindest ein, wenn auch nicht ganz freiwillig ein. Seine Direktabnahme aus halbrechter Position zieht er nicht aufs Tor, sondern auf den linken Flügel hinaus, wo Florian Pick den Ball erneut  aufnimmt. Und ein Bild abgibt, das man so schon öfter von ihm gesehen hat. Er dribbelt in die Mitte, legt sich den Ball auf den rechten Fuß vor, visiert das lange Eck mit ein wenig Dreh nach innen an. Und schießt.

Drin.

Picks elftes Saisontor.

Man weiß im Grunde, was er vorhat, aber man kann dennoch nichts machen: Das haben viele Gegner einst über die Tore gesagt, die Arjen Robben auf seine typische Art erzielte. Schon klar, solche Vergleiche helfen niemanden und nerven eigentlich – aber es trifft nun einmal auch auf Pick zu.

UND NUN? TRÄUMEN MUSS EINFACH ERLAUBT SEIN

Boris Schommers lobte am Ende eine Mannschaft, die seinen Matchplan „sehr souverän“ umgesetzt habe: „Wir wollten nicht zu tief stehen, weil wir wussten, dass Halle gerne mit langen, vertikalen Bällen kommt. Daher wollten wir Druck auf die erste Linie machen.“

Und nun? Nach nunmehr vier Siegen in Folge und nur noch sechs Punkten Abstand auf Relegationsrang 3 kann man keinem FCK-Fan mehr verbieten, wieder ins Träumen zu kommen. Selbst wenn Eintracht Braunschweig am heutigen Sonntagnachmittag bei Waldhof Mannheim dafür sorgen kann, dass aus den sechs Punkten Differenz acht werden.

Vor Weihnachten stehen nun noch zwei Reisen Richtung München an – einmal zur Zweiten Mannschaft der Bayern, einmal nach Unterhaching. Ob die neu entflammte FCK-Anhängerschaft diese nun zu Must see-Events hochhypt? Die Älteren jedenfalls erinnern sich nur allzu gerne an das „Heimspiel in Meppen“ vor beinahe 25 Jahren.

Text: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images