Wenn’s läuft, dann läuft’s: Lautern landet dank glücklicher Händchen auch den fünften Sieg in Folge

Es ist kaum zu glauben: Der so mau in die Saison gestartete 1. FC Kaiserslautern hat auch die fünfte Partie in Folge gewonnen und ist dank der zeitgleichen Heimniederlagen von Halle und Braunschweig bereits auf vier Punkte an Relegationsrang 3 herangerückt. Beim 3:1 gegen die Zweite Mannschaft des FC Bayern München bewies nicht nur Trainer Boris Schommers ein glückliches Händchen, auch zwei seiner Spieler brachten vor den entscheidenden Treffern ihre oberen Extremitäten zum Einsatz, was für Diskussionen sorgte und die Bayern als sehr unglückliche Verlierer vom Platz gehen ließ. Überhaupt zeigte das Spiel einmal mehr, wie wenig Tabellenplätze und personelle Ausfälle über die Qualität eines Gegners aussagen. Denn der ersatzgeschwächte Tabellen-15. erwies sich wider Erwarten als der schwerste Gegner, dem die Lautrer auf ihrem Erfolgsweg bislang begegneten.

Bayern-Trainer Sebastian Hoeneß musste recht kurzfristig auf seine drei Stammkräfte Sarpreet Singh, Joshua Zirkzee und Lars Lukas Mai verzichten, die in den Kader der Ersten Mannschaft für deren Bundesligaspiel gegen Werder Bremen gerückt waren. Für sie rückten Kilian Senkbeil, Marcel Zylla und der ehemalige Lautrer Paul Will in die Startelf – über das Wiedersehen mit ihm freuten sich die über 2000 mitgereisten FCK-Fans natürlich besonders.

KÜHLWETTER VON BEGINN AN, SKARLATIDIS SPÄTER – ZWEI GLÜCKSGRIFFE

Boris Schommers hatte sich entschlossen, Christian Kühlwetter nach seiner Gelbsperre direkt wieder von Beginn an auflaufen zu lassen. Obwohl sein Stellvertreter Simon Skarlatidis zuletzt gegen Halle stark aufgespielte. Skarlatidis brachte er dafür als ersten Einwechselspieler.  Und mit beiden Entscheidungen sollte er goldrichtig liegen.

Zunächst aber spürten die Lautrer im herrlich nostalgischen Stadion an der Grünwalder Stadion heftigen Gegenwind, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Die Bayern machten sich nämlich das kernige Lüftchen, das in ihren Rücken blies, taktisch geschickt zunutze, attackierten ihre Gast und früh und gut organisiert, was angesichts der kurzfristigen Personalwechsel erstaunlich gut funktionierte.

Dadurch waren die Lautrer gezwungen, sich mit langen Bällen zu befreien – und die blieben wegen des Gegenwindes bisweilen förmlich in der Luft stehen. Doch die jüngsten Erfolge haben dem Defensivverband um die Innenverteidiger Kevin Kraus und André Hainault Selbstvertrauen und Stabilität verliehen. Er überstand diesen ersten An-Sturm schadlos.

WENN KEINE VORTEILE HAT, KOMMT DAS „MOMENTUM“ INS SPIEL

Und es gehört nunmal zu den rational nicht erklärbaren Phänomenen dieses Sports: Wenn es mal läuft, dann läuft’s halt. In einem Spiel, in dem über längeren Zeitraum keine Mannschaft so richtig was zuwege bringt, trifft die Mannschaft zuerst, die aktuell gerade über das berühmte „Momentum“ verfügt. 

Christian Kühlwetter ist der Glückliche, der nach einem Pass von Florian Pick aus dem Zehnerraum in der halbrechter Position im Strafraum den Ball behaupten und abschließen kann – und der wird auf seinem Weg ins Netz auch noch abgefälscht. Wie gesagt: Wenn’s läuft, dann läuft’s eben.

DIE FLACHEN FLANKEN HÄTTEN VORENTSCHEIDEN KÖNNEN

Danach sind die taktischen Verhaltensmuster klar: Die jungen Bayern müssen angreifen, die Pfälzer dürfen kontern, also „schnell umschalten“, wie das heutzutage heißt. Und dass sie das besonders gut können, darauf hat Bayern-Coach Hoeneß schon vor dem Spiel immer wieder verwiesen. Spezialist dafür ist der Mann für die langen  Sprints: Timmy Thiele. 

Außerdem haben die Lautrer in den vergangenen Wochen ein bestimmtes Stilmittel perfektioniert: die flache Flanke, die leicht diagonal zur Grundlinie in die Strafraummitte geschlenzt wird, so dass der mitgelaufene Mann im Zentrum mit Schmackes den Passweg kreuzen kann. Thiele legt von rechts Hendrick Zuck einen solchen Ball auf, der verpasst jedoch. Gleiches tut Kühlwetter, als ihm Philipp Hercher von der anderen Seite serviert.

Dazwischen kommt Thiele nach einem Steilpass halbrechts im Strafraum beinahe frei zum Schuss, wird aber von Gegenspieler Chris Richards so bedrängt, dass er nicht richtig Maß nehmen kann – drüber.

DAS ZWEITE TOR FÄLLT NICHT, DAFÜR TRIFFT DAJAKU

Die Szenen hätten eigentlich ausreichen müssen, um den zweiten Treffer nachzulegen. Und wie heißt es so oft und manchmal auch zurecht: So etwas rächt sich.

Kurz vor der Pause ist es soweit: Wie Bayerns Offensivtalent Leon Dajaku den Ball in halblinker Strafraumposition annimmt, mitnimmt und anschließend an FCK-Keeper Lennart Grill vorbeischiebt, das ist allererste Sahne. Womit Boris Schommers und seine Jungs sich in der Analyse allerdings unbedingt beschäftigen sollten: Wie konnte dieser endlose Flugball, von Bayern-Kapitän Nicolas Feldhahn aus der eigenen Hälfte geschlagen, über sämtliche Lautrer Verteidigungslinien überhaupt bei Dajaku landen?

WRIEDT TUT UND MACHT, GERÄT ABER IMMER AN DEN RICHTIGEN

In der zweiten Hälfte sieht es dann lange, lange Zeit so aus, als würde gar nichts mehr geschehen. Lautern brings aus seinen Umschaltsituationen nichts mehr so richtig auf den Weg, die Bayern kommen gegen die gut organisierte Lautrer Deckung aber auch nicht zum Zug. 

Wobei vor allem der bullige  Kwasi Okyere Wriedt schon tut und macht, was geht, schlussendlich aber immer an die Richtigen gerät. In persona Kraus und Hainault – doch auch der schmächtige Dominik Schad versteht sich mittlerweile ganz gut aufs Tackeln, wie Wriedt ebenfalls erfahren darf.

Doch – haben wir’s eigentlich schon erwähnt? Wenn’s läuft, dann läuft’s…

Minute 81: Der für Thiele eingewechselte Lucas Röser leitet einen Ball aus dem Zentrum mit  dem Oberarm an Simon Skarlatidis weiter. Hätte die bis dato unauffällige – und das ist für einen Unparteiischen ein Lob – Schiedsrichterin Katrin Rafalski da allen Ernstes pfeifen sollen? Die Bayern meinen „ja“ – aber Rösers Oberarm liegt an und Absicht kann ihm da kaum unterstellt werden.

DAS IST TEAMGEIST: „JEDER GÖNNT’S DEM ANDEREN“

Skarlatidis setzt mit einem Beinschuss Kühlwetter ein, der ungefähr in der gleichen Position zum Tor steht wie zuvor Dajaku. Er macht’s technisch nicht ganz so schön wie das Bayerntalent, aber: Drin ist drin. 2:1 für Lautern.

Kurz darauf revanchiert sich Kühlwetter bei seinem Vorlagengeber. Er nimmt am linken Flügel einen Ball an, wobei auch da leicht die Hand im Spiel ist – okay, das hätte man schon eher pfeifen können. Dafür ist der Querpass auf Skarlatidis astrein, ebenso wie dessen cooler Abschluss. Der fünfte Sieg in Folge ist perfekt. Hand drauf.

Was diesen neuen FCK „mental“ auszeichnet, macht Kühlwetters Statement hinterher  deutlich: „Ich habe schon bessere Spiele gemacht, in denen ich nicht getroffen habe.“ Understatement und eine realistische Selbsteinschätzung, die gleichzeitig zeigt: Am Ende selbst das Tor gemacht zu haben, ist eigentlich kein Maßstab für Leistung. Und weiter: „Auch insgesamt haben wir heute nicht das beste Spiel gemacht, aber wir haben durch Leidenschaft und Teamgeist gewonnen.“

„Diese Mannschaft funktioniert“, lobt auch der Trainer. „Der eine gönnt es dem anderen.“

Foto: Thomas Eisenhuth

Text: Eric Scherer