2020 kann kommen: Warum endlich mal wieder Optimismus angebracht ist

Die Verantwortlichen des 1. FC Kaiserslautern mögen angesichts der jüngsten  Erfolgsserie auf die Euphoriebremse treten – aber wann bitteschön soll ein Fan denn sonst zuversichtlich in die Zukunft blicken, wenn nicht zu Beginn eines Jahres? Zumal es seit einigen Wochen ja wieder richtig gut läuft beim FCK. Und es sind nicht nur die sportlichen Ergebnisse, die dafür sorgen, dass der Anhang zum Start ins Jahr 2020 so gut gestimmt ist wie schon lange nicht mehr. Da ist einiges zu nennen.

Erinnern wir uns erst einmal.

Jahreswechsel 2015/16: Der FCK überwintert in der Zweiten Liga auf Rang acht. Die Fans hoffen noch immer auf die Rückkehr in die Bundesliga. Aber: Relegationsrang drei ist bereits sieben Punkte entfernt, der erste direkte Aufstiegsplatz zwölf. Optimismus ist da nicht unbedingt angesagt, gerade noch so erlaubt.

Jahreswechsel 2016/17: Der FCK überwintert in der Zweiten Liga auf Rang 13. Relegationsrang drei ist 12 Punkte entfernt, Relegationsrang 16 fünf. Ist es da noch Optimismus, noch an den Aufstieg zu glauben, oder schon Halluzination? Manche halten sich für Optimisten, weil sie an den Klassenverbleib glauben.

Jahreswechsel 2017/18: Der FCK überwintert als Tabellenletzter der Zweiten Liga auf Rang 18. Zum rettenden Rang 15 sind es bereits zehn Punkte. Gibt es überhaupt noch Optimisten im Fanlager? Doch, schon, doch verweigern die, die ihn äußern, in der Regel den Alkoholtest, um den sie anschließend gebeten werden.

Jahreswechsel 2018/19: Zweitliga-Absteiger Kaiserslautern überwintert in seiner ersten Saison in der Dritten Liga auf Rang elf. Zum Relegationsrang 3 sind es zwölf Punkte, zum ersten direkten Aufstiegsrang 14. Als Optimist kann man da nur noch den alten Werbespruch eines japanischen Automobilherstellers bemühen: Nichts ist unmöglich.

Nun also der Jahreswechsel 2019/20: Der FCK überwintert auf Rang 9. Acht Punkte Abstand auf einen direkten Aufstiegsplatz, okay, aber nur vier auf Relegationsrang 3. Endlich ist wieder mal eine Grundlage erkennbar, auf der Optimismus gründen sollte.

ZULETZT STIMMTEN NICHT NUR DIE ERGEBNISSE

Deswegen, liebe Skeptiker, Euphoriebremser, Warner vor überzogenen Erwartungshaltungen und Von-Spiel-Zu-Spiel-Denker: Lasst uns mal froh und munter sein, auch wenn der Niklasabend lange vorbei ist.

Es ist ja nicht nur so, dass der FCK zuletzt von 18 möglichen Punkten 16 eingefahren hat. Frohgemut hat uns vor allem die Art und Weise gestimmt, wie die Ergebnisse herausgespielt wurden. Da war nicht ein Duselsieg dabei.

Da stand ein funktionierendes Ganzes auf dem Platz, das sich so konzentriert und kompakt über den Platz verschob wie schon seit Jahren nicht mehr – okay, nicht immer über 90 Minuten, wie etwa beim 3:1 in München oder zuletzt beim 1:1 in Haching. Da stand eine Elf auf dem Platz, die einen Plan hatte und Ideen, die Treffer herausspielen, aber auch mit fulminanten Einzelaktionen abschließen konnte – wie etwa Simon Skarlatidis bei seinem Tor zum 4:2 in Köln.

SCHOMMERS: MIT GESCHICK UND EINFALLSREICHTUM ZUR WENDE

Möglich gemacht hat das ein Trainer, der die Mannschaft auf fachlicher wie menschlicher Ebene mit mehr Geschick und Einfallsreichtum zu führen scheint als seine sämtlichen Vorgänger seit Kosta Runjaic. Sicher, auch er brauchte Zeit, um seinen gesamten Kader erst einmal unter Wettkampfbedingungen zu betrachten und das eine oder andere auszuprobieren, auch um den Preis, das nicht alles funktionierte. Vor allem schuf er eine neue Mannschaftshierarchie. 

Allerdings erhob Boris Schommers den Satz „Die Mannschaft braucht Zeit“ nicht zum endlos wiederkehrenden Mantra, das nach jeder Niederlage erneut herunterbetet wurde, sondern schloss seine Findungsphase nach sechs Wochen ab und setzte saubere Schnitte: Drei Profis wurden an die U21 abgegeben, Youngster Carlo Sickinger zum Kapitän gekürt und bekam einen festen Platz im zentralen Mittelfeld neben dem ebenfalls gesetzten Janik Bachmann. 

In der Innenverteidigung bot Schommer fortan wieder die Besetzung der Vorsaison auf, Kevin Kraus und André Hainault. Philipp Hercher etablierte sich nach einer Verletzungspause wieder als Linksverteidiger, auf der anderen Seite war und ist Dominik Schad ohnehin alternativlos. Damit war endlich ein stabiler Defensivverband gefunden.

INNOVATIVES OFFENSIVSPIEL: ALLES AUSSER GEWÖHNLICH

Noch mehr Innovationsgeist offenbart sich in der Zusammenstellung der Offensive. Mit Christian Kühlwetter und Hendrick Zuck agieren auf den Flügeln nun zwei Typen, die im Grunde nicht dem entsprechen, was sich der Fußballromantiker auf den vorderen Außenpositionen vorstellt. Statt mit Tempodribblings glänzt Zuck lieber mit überlegten Pässen, Kühlwetter mit Knipserqualitäten vorm Tor.

Dafür darf Florian Pick, der eigentlich zum Flügelzauberer geboren scheint, jetzt als nominell zweiter Stürmer alle Freiheiten im Spiel nach vorne genießen. Er präferiert, wie unsere Positions- und Passgrafiken von „11tegen11“ zeigen, zwar nach wie vor seine angestammte linke Seite, betätigt sich nun aber auch schon mal als Ballschlepper durchs zentrale Mittelfeld oder als präziser Passgeber aus dem Zehnerraum, etwa vor Kühlwetters 1:1-Ausgleich in Haching.

MIT „UNORTHODOXEN BESETZUNGEN“ LIEGT SCHOMMERS VOLL IM TREND

Die unorthodoxen Besetzungen machen nicht nur den aktuellen Gegnern zu schaffen. Mit ihnen bewegt sich Schommers möglicher Weise auf einem Weg, den auch andere Fußballvordenker in diesen Tagen beschreiten. 

In dem Zusammenhang sei ein Aufsatz von Tobias Escher in der aktuellen Printausgabe von „11Freunde“ empfohlen – online ist er leider nicht verlinkbar: Darin betrachtet der Analyst die aktuelle Spielweise von Eintracht Frankfurt näher und zieht dabei auch Parallelen zu Premier League-Aufsteiger Sheffield United. 

Dabei stellt er fest, dass in Adi Hütters 3-5-2 kaum noch ein Spieler so agiert, wie es aus dem Papier den Anschein hat. Die meisten Flanken bei der Eintracht schlagen mittlerweile Spieler aus der Dreierkette, namentlich Martin Hinteregger, und die Außenbahnspieler, Filip Kostic etwa, die gerade im klassischen 3-5-2 nur die Linie rauf und runter wieseln, bewegen sich bei Ballbesitz verstärkt in die Mitte.

Es wird also nicht nur spannend sein zu erleben, ob und wie der FCK weiter Ergebnisse einfahren kann wie zuletzt, sondern auch, wie er sich fußballerisch weiterentwickelt.

EIN LINKSVERTEIDIGER SOLL KOMMEN

In den nächsten Tagen soll weiter am Kader gebastelt werden. Linksverteidiger Janik Sternberg und Flügelspieler Christoph Hemlein dürfen sich neue Vereine suchen, wie der „kicker“ unlängst vermeldete . Spekuliert wird auch einen Wechsel von Innenverteidiger von José-Junior Matuwila zu Preußen Münster, wo Schommers-Nachfolger Sascha Hildmann mittlerweile anheuerte. Matuwila sitzt seit Abschluss der Schommerschen Findungsphase nur noch auf Bank oder Tribüne, bei Hildmann dagegen war er geschätzte Stammkraft. Könnte passen.

Dass ein linker Verteidiger mit der Zusatzoption Innenverteidiger auf Schommers‘ Wunschliste steht, überrascht nicht. Gegenwärtig fehlen auf den Außenverteidigerposten Alternativen, und da Hercher gelernter Rechtsfuß ist, könnte bei einem Ausfall Schads er auf dessen Seite wechseln – drum hat ein Nachrücker für die linke Seite Priorität.

KEIN BEDARF IN DER OFFENSIVE

Außerdem soll laut „kicker“ ein zentraler Mittelfeldspieler verpflichtet werden. Das überrascht schon eher, denn hinter dem derzeit gesetzten Duo Bachmann/Sickinger stehen mit Gino Fechner, Theo Bergmann und Manfred Starke eigentlich ausreichend Alternativen bereit.

In der Offensive dagegen gibt es gegenwärtig kaum Nachbesserungsbedarf. Hinter der Flügelzange Zuck/Kühlwetter drängt sich Skarlatidis auf, mit Mohamed Morabet wartet ein weiteres starkes Talent auf seine Bewährungsproben. Und ganz vorne warten hinter Timmy Thiele und Flo Pick immer noch Andri Runar Bjanarson und Lucas Röser  auf ihren Durchbruch.

DUO NOTZON/SCHOMMERS VERSPRICHT HARMONISCHES TEAMWORK

Offiziell liegt die sportliche Personalentwicklung nun in den Händen des neuen Geschäftsführers Soeren Oliver Voigt. Er soll nämlich, so wollte es der neu gewählte Aufsichtsrat, bis auf Weiteres die Bereiche „Sport“ und „Finanzen“ in Personalunion betreuen.

Da Voigt allerdings aus dem kaufmännischen Ressort stammt – in seiner zwölf Jahre währenden Amtszeit bei Eintracht Braunschweig war er fast ausschließlich als Finanzverwalter hinter dem sportlich managenden Duo Torsten Lieberknecht/Marc Arnold tätig –, dürfte es faktisch Sportdirektor Boris Notzon obliegen, mögliche Transfers zu identifizieren und vorzubereiten.

Diese Konstellation wiederum verspricht ein harmonisches Teamwork zwischen Sportdirektor und Trainer. Denn Schommers und Notzon kennen sich noch aus gemeinsamen Kölner Tagen und haben seither nie den Kontakt zueinander verloren – und ihre Werdegänge „stets mit großer gegenseitiger Wertschätzung verfolgt“, wie uns Boris Schimmer unlängst im Interview verriet.

Und wenn ihre Zusammenarbeit gut läuft, könnte sich bald herauskristallisieren, dass der FCK einen alleinigen „Geschäftsführer Sport“ vielleicht gar nicht mehr braucht. Flache Hierarchien sparen nicht nur Geld, sie erweisen sich oft auch als effektiver.

DER NEUE AUFSICHTSRAT STEHT VOR SEINER ERSTEN BEWÄHRUNGSPROBE

Optimistisch stimmt auch die Besetzung des neuen Aufsichtsrates mit Rainer Keßler, Dr. Markus Merk, Martin Weimer, Prof. Jörg E. Wilhelm, Martin Wagner und Fritz Fuchs, der sich sein Mandat auf der Mitgliederversammlung Anfang Dezember mit breiter Mehrheit sicherte. Wie dessen erste große Bewährungsprobe aussieht, ist ebenfalls klar: Den Klub finanziell so aufzustellen, dass er eine Lizenz für die kommende Spielzeit erhält.

Konkrete Vollzugsmeldungen in dieser Richtung gab es in dieser Richtung noch nicht, doch die waren über Weihnachten auch nicht zu erwarten. Zu erkennen ist allerdings die Absicht, mehr Investoren ins Boot zu holen als den Luxemburger Flavio Becca, auf den die im Dezember abgewählte Führungsriege setzte.

WAS WIRD AUS BECCA? SCHMERZFREIE ABNABELUNG SCHEINT MÖGLICH

Wie mit diesem weiterverfahren wird, ist nach wie vor unklar. Erste Gespräche mit den neuen Verantwortlichen fanden statt, gaben aber auch noch konkreten Aufschluss darüber, inwieweit der Unternehmer seine Absicht, sich beim FCK zu engagieren, aufrecht erhält.

Unklar ist auch weiterhin, inwieweit sich der FCK bereits von Becca abhängig gemacht hat. Bekannt ist lediglich, dass Becca dem FCK eine Bürgschaft in Höhe von rund drei Millionen Euro gewährt hat, mit der die Lizenzerteilung für die laufende Saison gesichert wurde.

Die aber muss vielleicht gar nicht in Anspruch genommen werden – erst recht nicht, wenn der FCK weiterhin im DFB-Pokal Furore sorgt. Der Einzug in dritte Runde hat bereits 700.000 Euro beschert, mit denen vergangenen Sommer noch nicht kalkuliert werden konnte. Gelingt den Lautrern am 4. Februar gegen Erstligist Düsseldorf der Einzug ins Viertelfinale, winken weitere 1,4 Millionen Euro. Auch darauf darf man sich  freuen.

Sich mit Pokalerfolgen von Becca wieder unabhängig machen – das ist eine vielleicht nur theoretische Perspektive, aber eine, die Spaß macht. 2020 kann jedenfalls kommen.

Text: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images