„Der ärmste Kerl auf dem Betzenberg ist der Videoanalyst“ – Im Gepräch mit Boris Schommers, Teil II

Seine sechs Jahre als verantwortlicher Trainer in einem Nachwuchsleistungszentrum stellen eine mindestens ebenso wertvolle „Berufserfahrung“ dar wie das Arbeiten als Assistent im Profibereich. Dass Pressingspiel des FC Liverpool fasziniert ihn, aber einfach so kopieren lässt es sich in Kaiserslautern nicht. Auf dem Platz so oft wie möglich die spielerische Lösung zu finden, ist weniger ein Anspruch, der sich aus einer „Philosophie“ ergibt, sondern aus nüchternen Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Und das sind nur einige seiner Ansichten, die uns Boris Schommers im ersten Teil unseres Interviews verriet. In Teil II sprechen wir nun über seinen Wechsel und seine ersten Wochen beim 1. FC Kaiserslautern. 

Zuvor noch eine Anmerkung der Redaktion: Da wir ausführliche Interviews wie dieses von unseren Gesprächspartnern stets autorisieren lassen, zieht sich die Abstimmung oft in die Länge, erst recht, wenn sie sich über Weihnachten und Neujahr erstreckt. Dieses Gespräch fand noch im alten Jahr statt, daher enthält es auch keine Fragen und Antworten zu zwischenzeitlichen Neuverpflichtungen des FCK, also auch nicht zu Hikmet Ciftci. 

Herr Schommers, in der der anschließenden Bundesligasaison 2018/2019 lief es beim FCN nicht so gut. Cheftrainer Michael Köllner wurde entlassen, Sie übernahmen die Mannschaft am 21. Spieltag, als abgeschlagener Tabellenletzter. Ihre erste Gelegenheit, sich als Cheftrainer im Seniorenbereich zu profilieren, doch die Chance, Sie erfolgreich meistern zu können, war äußerst gering – das muss Ihnen klar gewesen sein. Wie motiviert man sich da selbst, wie die Mannschaft?

Zunächst einmal kam das alles sehr unerwartet, denn bis dato hatte die Vereinsführung stets betont, voll hinter dem Trainer zu stehen. Als ich gebeten wurde, die Mannschaft zu übernehmen, stand vier Tage später das Liga-Spiel gegen den aktuellen Tabellenführer an, Borussia Dortmund. Und wenn Sie dann raus ins Stadion gehen, das erste Mal als hauptverantwortlicher Trainer am Spielfeldrand stehen, vor 50.000 Zuschauern, dann haben Sie mit Ihrer persönlichen Motivation keine Probleme, das können Sie mir glauben. Wir haben dann gegen diese tolle Dortmunder Truppe 0:0 gespielt, und mir wurde bewusst, dass wenn wir das, was uns als Team noch fehlte, jetzt schneller hinbekommen, als wir es bis dato geschafft hatten, dann können wir  auch Qualität nach vorne entwickeln.

Wenn man sich die anschließenden Ergebnisse näher anschaut, dann stellt man fest: Es hat zwar nicht gereicht, aber es waren einige ganz knappen Geschichten darunter.

Und ob. Wir haben in diesem letzten Saisonabschnitt allein vier Elfmeter verschossen – wenn die alle drin gewesen wären, hätte es am Ende anders aussehen können. Beim direkten Abstiegskonkurrenten VfB Stuttgart haben wir am 28. Spieltag 1:0, geführt, dann den Ausgleich kassiert, in der Nachspielzeit jedoch nochmal zwei Großchancen liegen gelassen, wären wir mit einem Sieg nach Hause gefahren, wäre da nochmal was in Bewegung geraten. Gegen den FC Bayern haben wir am 31. Spieltag 1:1 gespielt, da hat Tim Leibold noch in der 92. Minute einen Strafstoß verschossen – es wäre das erste Mal seit 2007 gewesen, dass der FCN die Bayern schlägt. Rechnerisch abgestiegen sind wir übrigens erst am 33. Spieltag. Wir haben also am Klassenverbleib zumindest noch geknabbert.

Im Sommer 2019 war zu lesen, Nürnberg hätte Sie im Prinzip gern behalten, Sie wären aber nur an einer Weiterbeschäftigung als Cheftrainer interessiert gewesen. Ganz schön selbstbewusst nach nur 13 Spielen als Chefcoach…

Ich glaube nicht, dass meine Position vermessen war. Mein Team und ich hatten in den dreieinhalb Monaten zuvor eine deutlich erkennbare eigene Handschrift entwickelt. Wir hatten gezeigt, dass wir eine verunsicherte Mannschaft wieder stabil bekommen können. Wir waren in keinem Spiel chancenlos, und das mit einem der günstigsten Kader der Liga. Unseren Anspruch, auf diesem Level weiterarbeiten zu wollen, konnten wir gut begründen. Die alte Führungsriege des FCN war ja auch nicht abgeneigt, weiter auf uns zu setzen. Dann aber wechselte der Vorstand. Der neue wollte einen neuen Trainer, hatte auch schon einen Favoriten, und ich sollte zurück ins zweite Glied. Doch mir war bewusst – und so kam es dann ja auch –, dass neue Trainer gerne auch einen Assistenten ihrer Wahl mitbringen, daher musste ich befürchten, vom zweiten Glied schnell ins dritte zu rücken. Und da wollte ich nicht mehr arbeiten.

Der Arbeitsmarkt für Cheftrainer ist jedoch seit einiger Zeit hart umkämpft. Da waren und sind einige Kollegen mit bekannteren Namen als Ihrem auf Jobsuche. Sie konnten doch kaum damit rechnen, so bald wieder eine Anstellung zu finden. Markus Gisdol etwa war fast zwei Jahre arbeitslos, ehe er unlängst wieder in Köln anheuerte. Im Moment werden Leute wie André Breitenreiter, Markus Weinzierl, Markus Anfang oder Heiko Herrlich überall dort, wo Stellen freiwerden, als erste gehandelt…

Und warum ist das so, dass viele bekannte Kollegen derzeit auf eine Anstellung warten? Weil viele Klubs in den vergangenen Jahren dazu übergangen sind, nach Trainerwechseln eben nicht nach den Kandidaten zu suchen, die die bekanntesten Namen haben, sondern eher schauen, wer im Nachwuchsbereich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich erfolgreiche Arbeit geleistet hat. Julian Nagelsmann haben Sie ja bereits genannt, aber auch Florian Kohfeldt oder Domenico Tedesco sind aufgrund solcher Überlegungen früh Cheftrainer geworden. Was mich angeht: Ich war keinesfalls so vermessen zu glauben, dass die Bundesliga nur auf Boris Schommers wartet, aber ich wusste, dass es in der Branche Insider gibt, die die Arbeit möglicher Trainerkandidaten nicht nur nach dem beurteilen, was in den Medien so verbreitet wird. Ich hatte auch bereits Angebote, bevor Kaiserslautern auf mich zukam, auch eines aus der Zweiten Liga, aber da hat das Gesamtkonzept für mich nicht gepasst. Ich muss mich mit einer Aufgabe identifizieren können.

Und beim 1. FC Kaiserslautern können Sie das?

Ja, absolut. Der FCK ist nach wie vor ein geiler Verein, ein riesiger Klub mit Tradition. Okay, als Marin Bader und Boris Notzon an mich herantraten, war der FCK Tabellen-14. der Dritten Liga, im Umfeld herrschte viel Unruhe uns vieles hat nicht funktioniert. Aber die Verantwortlichen gaben mir das Gefühl, dass ich hier meine Ideen verwirklichen kann. Und ich kam zu der Überzeugung, dass ich, wenn ich die Situation rational analysiere und annehme, hier die Chance habe, den Klub sportlich wieder auf einen guten Weg zu bringen. Auf dem befinden wir uns mittlerweile ja auch.

Sportdirektor Boris Notzon kennen Sie ja noch aus Ihrer Zeit in Köln. Hat diese Verbindung bei Ihrer Verpflichtung eine Rolle gespielt?

Aus dieser Zeit resultiert auf beiden Seiten eine große Wertschätzung füreinander. Wir haben unsere Werdegänge in den vergangenen Jahren gegenseitig verfolgt und hatten auch immer mal Kontakt.

Ihre ersten sechs Wochen am Betzenberg waren nicht einfach für Sie. Die Ergebnisse stimmten noch nicht, der Druck wuchs weiter, so dass auch an Ihnen bereits Zweifel aufkamen. Dennoch haben Sie sich die Zeit genommen, alle Spieler erst einmal unter Wettkampfbedingungen zu testen, dabei auch Profis wiederentdeckt, die aufs Abstellgleis geraten waren. Wenn Sie bereits über Erfahrungen in der Dritten Liga verfügt hätten, wenn Sie einen Teil der Spieler bereits persönlich oder aus Analysen gekannt hätten, hätten Sie diese Findungsphase dann schneller abschließen können?

Das weiß ich nicht. Ich glaube aber nicht, dass ein sogenannter ligaerfahrener Trainer die Sache hier schneller in den Griff bekommen hätte. Wenn eine Mannschaft 80 Prozent ihrer Gegentreffer durch Eigentore, individuelle Fehler und Standardsituationen kassiert, dann hat das nichts mit der mangelnden Ligaerfahrung des Trainers zu tun. Und auch nichts damit, ob Sie in einer 4-4-2- oder 5-3-2-Formation spielen lassen. Da müssen Sie erst einmal an die Psyche der Spieler ran. Und auch dem ein oder anderen die Gelegenheit geben, sich unter einem neuen Trainer zu beweisen. Und alte Gerüste und Strukturen aufbrechen. Das braucht nun einmal eine gewisse Zeit.

Jetzt steht das Team auf dem Platz sehr stabil, hat vor allem gelernt, sich kompakt in Ballrichtung zu verschieben. Ordentliches Pressing, auch Gegenpressing, war auch unter ihren Vorgängern immer mal zu erkennen, aber nur über kurze Phasen, dann ging der Faden wieder verloren. Unter ihnen wirkt das Team nun insgesamt konzentrierter, noch nicht immer über 90 Minuten, aber über wesentlich längere Zeiträume. Wie haben Sie das hinbekommen?

  Ich denke, das ergibt sich aus dem hohen Anspruch, den wir im Training stellen. Wir fordern jeden Tag, in jeder Spielform, von unseren Spielern hohe Aufmerksamkeit. Denn nur, was du Tag für Tag im Training umsetzt, wird dir auch am Wochenende im Spiel gelingen. Und wir coachen laut, sprechen die Spieler immer wieder persönlich an, um ihnen zu zeigen, was sie falsch machen.

Sie haben auf einer Pressekonferenz mal erzählt, dass Sie auch in Einzelgesprächen auf Videoanalysen setzen…

Ja, seit Kevin McKenna und ich hier arbeiten, ist unser Videoanalyst der ärmste Kerl am Betzenberg… Es hilft nun einmal nichts, wenn Du bei der Analyse in der Teambesprechung sagst, da hat die Viererkette was falsch gemacht – da fühlt sich keiner angesprochen. Wenn du aber dem Spieler, um den es geht, am Tablet zeigst, da hast du gestanden und da hättest du stehen müssen, nimmt er das ganz anders wahr und kann das viel besser für sich selbst reflektieren. Menschen denken nun einmal visuell.

Unter Ihnen hat sich ein Stilmittel kultiviert, das ich so intensiv noch nie beim FCK wahrgenommen habe: Die flache Flanke , die leicht diagonal in die Box gespielt wird. So habt Ihr zuletzt einige Tore gemacht, zuletzt in München auch zwei Großchancen vergeben. Haben die Spieler das entwickelt oder ist das Ihre Idee?

Als Trainer gilt es, die richtige Mischung zu finden: Was gibst du den Spielern an die Hand, wo müssen sie im Spiel selber die Lösung finden? Du kannst nicht alles vorgeben, was im Spiel passiert. Was Sie ansprechen, hat generell mit der Art zu tun, wie wir unser Umschaltspiel gestalten wollen. Schon vor der Balleroberung muss der Blick tief gehen, du musst wissen, wo der ballentfernteste Mitspieler steht, und dann musst du den Mut entwickeln, den Ball auch tief zu spielen… Auch das Spiel im Angriffsdrittel trainieren wir jede Woche sehr intensiv, da sind wir immer noch nicht so effektiv, wie ich es mir vorstelle. Sie haben die Torszenen in München in der ersten Hälfte angesprochen: Wenn wir da das 2:0 machen, kommt die junge Bayern-Mannschaft bestimmt nicht mehr zurück.

Ein nicht enden wollendes Thema beim FCK ist die Schwäche bei Standards. Mindestens ein Drittel seiner Treffer sollte ein Team über ruhende Bälle vorbereiten, manche schaffen längst über 40 Prozent. Der FCK ist davon seit Jahren weit entfernt. Dabei kommen die Flugbälle, die Florian Pick oder Hendrick Zuck in den Strafraum treten, eigentlich ganz gut. Mir ist aufgefallen: Von den 36 Treffern, die der FCK in der laufenden Runde bislang erzielt hat, waren nur zwei Kopfballtore, eines von Kevin Kraus, eines von Philipp Hercher. Ist die vielzitierte Standardschwäche nicht eigentlich eine generelle Kopfballschwäche? Fehlt Ihnen nicht vorne ein echter Rammbock?

Ich glaube nicht, dass wir zu wenige gute Kopfballspieler haben, denn beim Verteidigen von hoch getretenen Standards lassen wir mittlerweile nur noch wenig zu. Aber, ja, wir haben da noch Optimierungsbedarf, insofern haben Sie recht.

Damit wären wir jetzt bei den notorischen Abschlussfragen: Wo und mit wem werden Sie die Mannschaft in der Winterpause verstärken und was ist in dieser Saison noch drin für den FCK. Aber wir wissen ja bereits aus diversen Pressekonferenzen, dass Sie sich in diesen Fragen zurückhalten. Daher: Danke für das dennoch höchst informative Gespräch – und alles Gute für Spieljahr 2020!

Interview: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images