Keine Tore, aber viele Aufreger: Dieses 0:0 darf keine Euphoriebremse sein

Auf dem Papier ist dem 1. FC Kaiserslautern der Start ins Jahr 2020 missglückt. Gegen die SG Sonnenhof Großaspach, nunmehr Tabellen-19., gelingt zuhause auf dem Betzenberg 0:0. Eigentlich zu wenig, um zur Aufholjagd auf die Aufstiegsränge zu blasen. Man muss jedoch die Leistungen auf dem Platz sehen. Da agierte kein grauer Tabellenzehnter gegen einen designierter Absteiger, da boten sich zwei hochkonzentrierte Teams vor allem in der zweiten Hälfte einen irren Schlagabtausch von höchstem Unterhaltungswert. Und auch wenn die SGS ebenfalls Chancen hatte, am Ende als Sieger dazustehen, das Gros der Einschussgelegenheiten verzeichneten die Lautrer. Und wenn sie ihren Weg jetzt konsequent weitergehen, werden in den nächsten Spielen auch Treffer fallen.

Wie? Florian Pick, der Wusel, der geboren zu sein scheint, auf dem Flügel zu wirbeln, soll jetzt den Mittelstürmer geben? Zugegeben, das ist zunächst mal starker Tobak für einen Anhang, dessen älteste Elemente vielleicht noch Kanten wie Klaus Toppmöller im Sturmzentrum erlebt haben, später Harald Kohr, dann Stefan Kuntz und Bruno Labbadia, Miro Klose und Vratislav Lokvenc. Und in diesem Jahrtausend, in dem die Ansprüche nach und nach sanken, vielleicht Typen wie Boubacar Sanogo oder Mo Idrissou.

ÜBERRASCHUNG: OHNE THIELE IM 4-3-3

Doch, tatsächlich, zum ersten Heimspiel des Jahres hat FCK-Trainer Boris Schommers seine Elf in einem 4-3-3 formiert, und der 1,76 große Tempodribbler Pick orientiert sich vorne in die Mitte. Was er da soll, wird schon nach sieben Minuten sichtbar: Pick taucht auf seinen angestammten linken Seite auf, kombiniert blitzschnell mit Philipp Hercher und Simon Skarlatidis, dribbelt, flankt – und SG-Keeper Maximilian Reule lenkt den gefährlich hereindrehenden Ball über die Latte. Am langen Eck hätte Christian Kühlwetter gelauert.

Darum geht es also für Pick: Nicht den klassischen Mittelstürmer geben, der Flanken der Flügelspieler von links wie von rechts verwertet, sondern sich permanent aus der Spitze heraus fallen lassen, mal nach außen, mal ins Mittelfeld, auf diese Weise die gegnerische Innenverteidigung in Bewegung bringen und das Zentrum freimachen für hineinstoßende  Mitspieler. Mit Christian Kühlwetter und Simon Skarlatidis stehen ihm auch zwei zur Seite, die für diese Rolle gut geeignet sind. Timmy Thiele, der zuletzt einen festen Platz in der Startelf hatte, hat dagegen auf der Bank Platz genommen.

EXKURS: WAS PICK JETZT MIT FRITZ WALTER GEMEIN HAT

Diese Art des Mittelstürmer-Spiels ist vielleicht ungewöhnlich, hat aber durchaus Tradition. Als ihr „Erfinder“ gilt ein Österreicher namens Matthias Sindelar, der schon in den 1920er Jahren so spielte. gespielt. Der Mannheimer Sepp Herberger wollte eine  solche Rolle eigentlich auch in der deutschen Nationalelf etablieren – und dafür ausgeguckt hatte er sich einen Lautrer, einen gewissen Fritz Walter. 

Der spielte diesen Part für Herberger auch mehrere Male, allerdings nicht bei der WM 1954, nicht beim „Wunder von Bern“. Da agierte bekanntlich Ottmar Walter vorne Mitte, während Bruder Fritz auf der Halbposition im Mittelfeld unterwegs war. Dafür spielte Finalgegner Ungarn mit einem solchen beweglichen Mittelstürmer: Nandor Hidegkuti, dem bekanntlich nicht der Stopper Werner Liebrich, sondern „Windhund“ Horst Eckel den Schneid abkaufte.

Als Pep Guardiola beim FC Barcelona die Rolle in diesem Jahrtausend für seinen Star Lionel Messi neu erfand, tauften die Medien sie „falsche Neun“ und behandelten sie als taktische Weltneuheit. Auch Jogi Löw operierte mit in der deutschen Nationalelf oft mit beweglichen Mittelstürmern wie Mario Götze oder Thomas Müller. Die typischen Reaktionen des Mainstreams darauf sind: Ist alles super, solange es erfolgreich ist, doch wenn es mal nicht läuft, heißt es als erstes, kein Wunder, die spielen ja ohne echten  Mittelstürmer.

Dergleichen droht nun natürlich auch in Kaiserslautern. Gestern gab’s schon mal keine Tore, allerdings war’s ansonsten ein super Spiel, und es ist zu wünschen, dass Boris Schommers seinen Weg weitergehen kann. Der FCK muss, um wieder nach oben zu gehen, andere Ideen haben als andere, und das ist es auf jeden Fall mal eine.

DIE ERSTE HÄLFTE: ES HÄTTE REICHEN MÜSSEN FÜR EIN 1:0

Aber genug von Picks neuer Rolle. Der FCK hat die erste Hälfte total im Griff. Nicht, dass sie die SGS an die Wand spielen – dazu ist auch der Gast zu engagiert bei der Sache, und die Innenverteidigung um den starken Kapitän Julian Leist kommt mit Picks Verwirrspielen einigermaßen klar. Die SGS agiert auf dem Papier ebenfalls in einem 4-3-3, was sich auf dem Rasen allerdings nicht so offensiv darstellt. 

Sobald die Lautrer Stürmer die Großaspacher zu langen Bällen provozieren,  landen diese direkt bei den Roten. Auch nach eigenen Ballverlusten sind die Lautrer hellwach, setzen sofort mit vier, fünf Mann nach und holen sich das Leder meist schon hinter der Mittellinie wieder.

Und Lautern hat Chancen. Nicht viele übermäßig klare, aber für ein 1:0 zur Pause hätten sie locker reichen müssen. Pick, Hendrick Zuck und Kühlwetter probieren es aus der Distanz, Kevin Kraus köpft eine Ecke von Zuck ans Aluminium. 

Kurz vor der Pause fängt der FCK eine Ecke der SGS ab, Pick schleppt den Ball von Box zu Box, legt rüber auf Kühlwetter, der schießt, trifft aber Reule. Die 17.377 Zuschauer dürfen sich auf Hälfte zwei freuen. Und die wird noch besser.

HÄLFTE ZWEI: ERSTMAL ALU, DANN KOMMT DIE SGS

Zunächst köpft Kühlwetter eine Freistoßflanke erneut ans Aluminium. Dann muss Lautern seinem intensiven Laufspiel der ersten 60 Minuten Tribut zollen. Die vertikalen Bälle verlieren an Präzision, der Gegner bekommt mehr Raum und zu ersten Chancen. Panagiotis Vlachodimos versucht es aus der Distanz, Großaspachs Winter-Verpflichtung Matthias Morys aus 13 Metern. 

Auf der Gegenseite pariert Reule einen Kopfball von André Hainault nach einer weiteren Zuck-Ecke, Kühlwetter scheitert aus halblinker Position an Reule, Anas Bakhat jagt den Abpraller übers Tor. Was wäre das für ein Einstand gewesen! Der Youngster ist gerade erst eine Minute zuvor für Carlo Sickinger in die Partie gekommen. Ebenfalls auf dem Platz befindet sich mittlerweile Thiele, für ihn ging Skarlatidis raus.

Und nach 75 Minuten erzielt Pick ums Haar ein Mittelstürmer-Tor wie aus dem Bilderbuch. Zuck spielt ihn vertikal im Strafraum an, Pick schießt aus sechs Metern aus der Drehung, aber Reule pariert abermals.

VERRÜCKTE SCHLUSSPHASE: THIELE HAT ES AUF DEM FUSS

In der Schlussphase wird es dann komplett verrückt. FCK-Keeper Lennart Grill vereitelt zwei Riesenchancen der SGS, erst gegen den eingewechselten Dominik Martinovic, dann gegen den nach einer Freistoßflanke aufgerückten Leist. 

Schommers bringt Manni Starke für Pick, der mehr als „Zehner“ agiert denn als fallender Mittelstürmer. Und der schickt drei Minuten vor Schluss Thiele auf die Reise. Mutterseelenallein läuft er auf Reule zu. Sieben Treffer in der Liga hat Thiele in dieser Saison bereits markiert, allerdings noch keinen vor eigenem Publikum…

Und dabei bleibt es auch. Reule pariert wieder.

Womit es immer noch nicht genug ist. In der Nachspielzeit setzt Starke Thiele über die linke Seite. Der passt flach in die Mitte zu Kühlwetter, aber wieder nichts. Es bleibt beim 0:0. Dennoch: Was für ein Spiel!

Jetzt geht’s in den heißen Februar: Mit Partien gegen Ingolstadt, Braunschweig und Mannheim in der Liga – und, am 4. Februar, im DFB-Pokal gegen Erstligist Fortuna Düsseldorf, der sich derzeit voll auf den Abstiegskampf konzentrieren muss und sicher nicht unschlagbar ist. Da kommen hoffentlich ein paar Zuschauer mehr als die 17.337 vom Montag.

Text: Eric Scherer

Foto: Alexander Scheuber/Getty Images