Das ist bitter: Der FCK dominiert in Ingolstadt über 90 Minuten – und verliert in Sekunden

Der „Matchplan“ stimmte, das Engagement auf dem Platz stimmte – aber am Ende stimmt das Ergebnis nicht. Der 1. FC Kaiserslautern verliert in Ingolstadt 1:2, und der entscheidende Treffer fällt in der letzten Sekunde des Spiels. Dergleichen geschieht nun einmal im Fußball, daher ließe es sich ja irgendwie damit leben, wenn es nur den Verlauf dieser 94 Minuten zu betrachten gäbe. Noch schrecklicher ist aber, dass den FCK dieser Schlag ausgerechnet in dieser Phase der Saison trifft. Relegationsrang 3, der vor zwei Wochen noch in greifbarer Nähe lag, ist nun, nach nur zwei Partien im Jahr 2020, bereits neun Zähler entfernt. Nach 22 von 38 Spieltagen.

Wie um Himmels willen kann so etwas geschehen? 94 Minuten sind im Audi-Sportpark gespielt,  Schiedsrichter Eric Müller gibt den Gastgebern noch einmal die Gelegenheit, eine Freistoßflanke vors Tor des FCK zu platzieren. Es ist klar, dies ist die letzte Aktion des Spiels, und das FCI-Team begreift sofort: Dies ist unsere letzte Chance auf ein Happy End in einem Spiel, in dem für uns kaum etwas zusammenlief.

Die Flanke schlägt Marcel Gaus, der ehemalige Lautrer, der sich eine knappe Viertelstunde zum Unglücksraben gemacht hatte. Erst senste er über eine Diagonalflanke des eingewechselten Hikmet Ciftci, so dass der ebenfalls eingewechselte Timmy Thiele halbrechts im Strafraum an den Ball kam, dann fälschte Gaus dessen Schrägschuss ins lange Eck auch noch ins eigene Tor ab.

So dass sich die bislang total überlegenen Lautrer auch noch nachsagen lassen müssen, sie seien glücklich zum Ausgleich gekommen… Fußball verrückt, aber diese Szene in der 94. Minute wird noch doller.

DIE ENTSCHEIDUNG: DER FCI STEHT MIT ZU VIEL WUCHT IN DER MITTE

Der FCI schickt zu diesem finalen Freistoß noch einmal alles in die Strafraummitte, was er an Körpergröße und Kilos zu bieten hat. In den Bereich, in den Gaus’ hoher Ball daniedersegelt, laufen vier hochgewachsene Ingolstädter ein – und mit wem hält der FCK dagegen? 

In der kritischen Zone ist nur Carlo Sickinger positioniert, der nicht gerade als Kopfballabräumer gilt. Mit Kevin Kraus hat sich einer derjenigen, für Luftraumhoheit zuständig ist, ans lange Eck orientiert, der andere, André Hainault ist überhaupt nicht zu sehen.

Wie kann das sein? Die Szene sei hier noch einmal in einem Srceenshot aus dem SWR–Beitrag dokumentiert: 

Szenenfoto FCK FCI

Dass Thomas Keller derjenige aus dem Quartett ist, der den Ball auf den Kopf bekommt, ist im Grunde Zufall – hinter ihm stünden noch Nico Antonitsch und Eckert Asenya bereit. 

Dass Keller mit seinem Siegtreffer in der Schlussekunde zum Helden des Tages ausgerufen wird, ist dennoch verständlich. Schließlich hatte der Youngster, der beim 0:0 im Hinspiel noch vom Platz geflogen war, bereits den Führungstreffer für den FCI erzielt. 

Der fiel nach 68 Minuten. Es war im Grunde die erste gelungene Aktion der Gastgeber aus dem Spiel heraus. Zuvor hatte lediglich und abermals Thomas Keller den eigenen Anhang mit zwei strammen Freistößen erfreut, die FCK-Keeper Lennart Grill mit Flugparade und per Faust abwehrte.

DAS 0:1: DER FCI IMITIERT DEN FCK

Und: Mit der Angriffsaktion imitierte der FCI quasi die Spielanlage des FCK. Die Ingolstädter öffnen das Spiel nach einem Ballgewinn mit einem Diagonalball auf die gegenüberliegende Seite, in diesem Fall die linke, wo Maximilian Thalhammer an Janik Bachmann vorbeizieht, in den Strafraum eindringt und von der Grundlinie in den Rückraum passt. Dorthin, wo Thomas Keller einläuft. Und schon steht es 1:0.

Exakt mit solchen Aktionen hatte über eine Stunde lang der FCK geglänzt: Immer wieder Ballgewinne durch ein konzentriertes Herstellen von Überzahl in Ballnähe und  per Diagonalball die Seite wechseln. Nur die Abschlussaktion missglückt ebenfalls immer wieder. Die Situationen im einzelnen aufzuzählen, wäre müßig.

 FCI-Trainer Jeff Saibene sah seine Mannschaft, immerhin Tabellenzweiter und seit zwölf Partien ungeschlagen, dermaßen aus dem Spiel genommen, dass er schon Mitte der ersten Halbzeit seine Grundordnung änderte. Er stellte von einem 4-4-2 mit Mittelfeldraute auf ein flache Viererreihe vor der Abwehrkette um, um die Flügel doppelt zu besetzen. Geholfen hat es nicht viel.

RÖSER VERGIBT DIE GRÖSSTE CHANCE ZUR FÜHRUNG

Die größte Chance des Spiels bot sich den Lautrern allerdings nach einer Aktion durch die Mitte. Hendrick Zuck und Christian Kühlwetter spielten mit kurzen Vertikalpässen Lucas Röser frei, der mittig an der Strafraumgrenze lauerte. Der aber vermochte den Ball nicht an FCI-Keeper Fabijan Buntic vorbeizuspitzen, und das vollkommen unbedrängt.

Röser, der in den Testspielen im Januar mehrmals getroffen hatte, hatte den Vorzug vor Simon Skarlatidis erhalten. Er agierte auch sonst vor dem Tor recht unglücklich. So dass sich jetzt darüber diskutieren ließe, ob Trainer Boris Schommers die richtigen drei von seinen „fünfplus“ Stürmern für die Startelf auswählte.

Thiele, der seine bislang sieben Saisontreffer allesamt  auswärts erzielt, präsentierte sich nach seiner Einwechslung jedenfalls wesentlich effektiver. Schon unmittelbar vor seinem Tor hatte er nach einem Sprint über die rechte Seite dem in der Mitte mitlaufenden Kühlwetter eine 1a-Einschusschance aufgelegt.

AUCH KÜHLWETTER UND PICK SIND DERZEIT NICHT VOLL AUF HÖHE

Allerdings weisen auch die Stammbesetzungen Kühlwetter und Florian Pick nicht die Klarheit in ihren Aktionen auf, auf die in der Hinrunde noch Verlass war. Wobei Pick natürlich immer für ein Highlight gut ist. Zucker etwa seine Ablage mit der Hacke, mit der er noch in der Anfangsviertelstunde Bachmann zu einer Schusschance verhalf. 

Da agierte Pick in der abermals sehr variabel aufspielenden Offensive des FCK noch vornehmlich zentral. In der zweiten Hälfte dagegen versuchte es der 24-Jährige fast nur noch über seine angestammte linke Seite.

Es war aber auch zu erkennen: Die Gegenspieler sind auf die Spielweise Picks und Kühlwetters mittlerweile besser eingestellt. Deutlich wird das etwa in einer Szene in der 31. Minute, als Kühlwetter – erneut nach einem gekonnten Umschalten mit Diagonalpass auf die linke Seite – halblinks in den Strafraum eindringt.

Der mitlaufende Björn Paulsen weiß offenbar, dass es nun Kühlwetters „Ding“ wäre, sich den Ball auf den rechten Fuß zu legen und abzuziehen. Daher bietet ihm Paulsen lieber die Schussbahn mit dem schwächeren linken Fuß an. Was Kühlwetter dann auch versucht – worauf Paulsen abblockt.

NUN DAS FEUER HOCHZUHALTEN, WIRD SCHWER

Wie auch immer: Der FCK hat ein Spiel verloren, an dem es, was Spielanlage und Engagement angeht, eigentlich nichts zu meckern gibt – außer, dass die Elf in zwei Augenblicken im Defensivverhalten versagte und selbst nur ein Tor schoss.

Da auch Duisburg und Unterhaching ihre Spiele gewannen, sind es zum Relegationsrang 3, der zum Jahreswechsel lediglich vier Punkte entfernt lag, nun, nach 22 von 38 Spieltagen, neun Zähler. Das ist ein Haufen Holz. Da das Feuer im Team und im Anhang hochzuhalten, wird schwer.

In der vergangenen Rückrunde führte das sich früh einstellende Gefühl, jenseits von gut und böse zu stehen, zu unkonstanten Leistungen und zu einer Unzufriedenheit im Umfeld, die sich, wie üblich, schon bald gegen den Trainer richtete. Das soll, das darf  nicht noch einmal geschehen. Es muss dem FCK endlich gelingen, einen Coach seine Ideen über einen längeren Zeitraum etablieren zu lassen – und Boris Schommers hat viele davon.

DÜSSELDORF BIETET DIE CHANCE ZUR STIMMUNGSAUFHELLUNG

Am kommenden Dienstag, 18.30 Uhr, bietet sich bereits die Gelegenheit, das Stimmungsbarometer wieder ein wenig in die Höhe zu treiben. Gegen Fortuna Düsseldorf darf sich der FCK im DFB-Pokal wieder einmal gegen einen Erstligisten messen. 

Und die Fortuna braucht gegenwärtig ihre Kraft im Abstiegskampf. Da könnte also was gehen. Und so ganz nebenbei geht’s um 1,4 Millionen Euro, die als Antrittsprämie für den Einzug in die nächste Pokalrunde winken.

Text: Eric Scherer

Foto: Thomas Eisenhuth/Getty Images

Screenshot: SWR