Hennings stoppt Lauterns Pokalreise – „Wenn es länger 2:1 steht, sieht’s am Ende vielleicht anders aus“

Nur 49 Minuten hat der 1. FC Kaiserslautern auf einen weiteren Coup im DFB-Pokal hoffen dürfen. Dann aber kassiert das Team von Boris Schommers den 2:2-Ausgleich und muss anschließend dem vielzitierten Zweiklassen-Unterschied Rechnung tragen, der den FCK von Erstligist Fortuna Düsseldorf trennt. Schlecht war die Leistung der Roten Teufel jedoch auch im dritten Pflichtspiel 2020 nicht, auch wenn dieses zum dritten Mal in Folge ohne positives Ergebnis bleibt. Allerdings ist festzuhalten: Bei einigen Gegentreffern machten die Lautrer der Fortuna ihren 5:2-Erfolg einfach zu leicht.

Noch im Dezember hat Taktik-Experte Tobias Escher bei „11Freunde“ die Fortuna als eine der am passivsten agierenden Mannschaften der Bundesliga beschrieben. Ihr Spiel sei rein aufs Kontern ausgelegt, mit nur 44 Prozent weise sie nach Augsburg den geringsten Ballbesitzanteil aller Erstligisten aus.

 Von all dem ist auf dem Betzenberg an diesem Dienstagabend jedoch nichts zu sehen. Düsseldorf nimmt gegen den Drittligisten sofort das Heft in die Hand, sucht früh den Ballgewinn. Ist das bereits die neue Handschrift des Trainers Uwe Rösler, der vor einer Woche Aufstiegstrainer Friedhelm Funkel ersetzte?

STARKER START: LAUTERN KONTERT FRÜHES GEGENTOR DIREKT

Vor allem die rechte Abwehrseite der Lautrer bekommt viel zu tun. Über diese wird vor allem Nana Ampomah, der den beweglichen Stürmer neben Zentrumsspieler Rouwen Hennings in Röslers 3-5-2 gibt, zu beherzten Dribblings ansetzen. Nach neun Minuten orientiert sich der 24-Jährige allerdings in die Mitte – und darf dort eine Rechtsflanke von Matthias Zimmermann viel zu lehrbuchmäßig annehmen und aus der Drehung schießen. 1:0 für Düsseldorf.

Doch noch ehe sich der Anhang so richtig über den viel zu leicht erzielten Treffer ärgern kann, kontern die Lautrer bereits: Carlo Sickinger schickt Timmy Thiele auf die Reise, der auf dem rechten Flügel zu einem seiner typischen Sprints ansetzt, seinen Gegenspieler abschüttelt, von der Grundlinie flach in die Mitte passt – und am kurzen Eck zeigt Christian Kühlwetter einmal mehr, was Knipserqualität ist. 1:1.

LAUTERN MIT DREI ÄNDERUNGEN IN DER STARTELF

Thiele? Der steht gegenüber dem 1:2 von Ingolstadt für Lucas Röser in der Startelf. Außerdem bringt Boris Schommers erstmals seine beiden Neuzugänge aus der Wintertransferperiode: Alexander Nandzik als Linksverteidiger für Philipp Hercher, Hikmet Ciftci für Hendrick Zuck als halblinker „Achter“ im mittlerweile bevorzugten 4-3-3 mit einem beweglichen Florian Pick in der Sturmmitte.

Nach dem Ausgleich ist die Stimmung auf den Rängen blendend, und das Spiel verläuft augenscheinlich gemäß der „Matchpläne“ ihrer Übungsleiter. Die Düsseldorfer akzeptieren die für ihre Verhältnisse astronomischen Ballbesitzanteile, die sich am Ende bei 70 Prozent einpendeln. Und Lautern versucht mit schnellem Vertikalspiel vornehmlich Kühlwetter und Thiele einzusetzen. Pick hingegen fällt öfter in die Zehnerrolle, so, wie er es auch in den jüngsten Ligapartien gemacht hat.

SCHLECHT: NACH 30 MINUTEN MUSS „UMSCHALTSPIELER“ THIELE RAUS

Beides führt zunächst mal zu keinen weiteren Torszenen. Lautern muss allerdings einen anders gearteten Rückschlag hinnehmen: Thiele muss nach 30 Minuten raus. Hat nach einem Zusammenprall mit Niko Gießelmann eine Gehirnerschütterung erlitten, wie er mittlerweile über die sozialen Medien mitteilte. Ausgerechnet Thiele, der für Lauterns Umschaltspiel prädestinierteste Stürmer.

Zunächst aber wirkt sich der Nachteil nicht aus. In Minute 42 startet Pick über die linke Seite in den Strafraum, Gießelmann grätscht arg tumb in ihn hinein. Der Rücksprache von Schiedsrichter Markus Schmidt mit dem „VAR“ bedarf es da kaum: Elfmeter. Für die war zuletzt ebenfalls Thiele zuständig, daher muss Kühlwetter übernehmen. Und der verwandelt souverän.

DER AUSGLEICH: STÖGER IM WOLFRAM-WUTTKE-STIL

Lautern geht mit einer Führung in die Pause. Die FCK-Fans unter den 35.340 wittern den nächsten Pokalcoup. Im Grunde ist nun alles angerichtet, um in Hälfte zwei das vor der Winterpause so erfolgreiche Konterspiel aufzuziehen. 

Leider fehlt Thiele – und leider fällt der Ausgleich nach der Pause viel zu schnell, als dass die Lautrer ihr Spiel etablieren könnten. Der Treffer mutet kurios an: Ist das wirklich Absicht, wie der eingewechselte Kevin Stöger Fortuna-Stürmer Hennings im Strafraum anspielt?

Beim ersten Hinsehen scheint es, als sei ihm der Ball über den linken Außenspann gerutscht und dieser nur zufällig bei Hennings gelandet, der das Ding dann gekonnt, humorlos und aus der Drehung einnetzt, wie ein echter Torjäger halt.

Beim Betrachten der TV-Bilder muss man allerdings anerkennen: Das scheint sich um einen ganz feinen Außenrist-Pass der Marke „Wolfram Wuttke“ zu handeln. Respekt, Herr Stöger.

KLEINER EXKURS: DAS PHÄNOMEN ROUWEN HENNINGS

Zunächst aber sei noch anderer kurz in den Fokus gerückt: Rouwen Hennings, das Phänomen. Laut Steckbrief nur 1,80 Meter groß und 80 Kilo schwer, sieht aber um einiges massiger aus. Kante mit Killerinstinkt, eine Baugruppe, wie sie im FCK-Trikot schon lange nicht mehr gesichtet wurde. Und mit 32 Jahren gefährlicher denn je.

Aber: Trotz seines Alters hat Hennings erst 64 Erstligaspiele auf dem Buckel. In den frühen Jahren seiner Karriere war der Spätblüher bei Zweitligisten wie Karlsruhe, St. Pauli und Osnabrück unterwegs – Zeiten, in denen er auch für einen 1. FC Kaiserslautern noch erschwinglich gewesen wäre.

Hennings markiert später auch noch das 4:2. Eine ebenso beherzte Direktabnahme nach einer verlängerten Ecke, die er am langen Eck erwartet hatte. Damit hat er im aktuellen Pokalwettbewerb nu vier Treffer erzielt – und elf in der  Bundesliga. Muss man erst einmal hinbekommen bei einem Kellerkind. Mit einem fitten Vorlagengeber wie Kevin Stöger hinter einem wie Hennings ist Düsseldorf noch lange nicht abgestiegen.

DAS 2:3: DER FÜNFMETERRAUM IST EIGENTLICH TORHÜTERS REICH

Zuvor fiel bereits das 3:2 für Düsseldorf. Ampomah kocht Dominik Schad auf Lauterns rechter Abwehrseite ab, flankt – und Zimmermann darf am langen Eck, aber fast schon auf der Torlinie stehend einköpfen. Mit Verlaub: Der Fünfmeterraum sollte  Herrschaftsgebiet des Torhüters sein.

Lautern hatte schon nach Düsseldorfs Ausgleich nicht mehr viel zu bieten. Noch ein Tänzchen von Pick auf der rechten Seite, dessen Zuspiel in die Mitte aber keinen Abnehmer findet – und damit hat es sich eigentlich schon. Der eingewechselte Andri Runar Bjanarson setzt noch mal einen Kopfball an, der allerdings nicht wirklich gefährlich aufs Tor kommt.

RÖSER KOMMT REIN UND GEHT WIEDER RAUS: SPRUNGGELENK

Bjarnason ist übrigens für Röser gekommen, der somit ein- und wieder ausgewechselt wurde. „Höchststrafe“, heißt es da gemeinhin. FCK-Trainer Boris Schommers stellte nach dem Spiel aber klar: Röser musste wieder raus, weil er über Schmerzen am Sprunggelenk klagte.

Ansonsten mehrten sich beim FCK in Hälfte zwei die Abspielfehler in der Vorwärtsbewegung, so dass das Unheil nachgerade zwingend seinen Lauf nehmen musste. Wie der 1,75 Meter große Stöger den Schlusspunkt zum 5:2 setzen darf, ist fast schon beschämend: Er darf mittig am Fünfer stehend eine Linksflanke von Gießelmann einnicken.

ENTSCHEIDEND WAREN DIE QUALITÄT – UND DIE WECHSEL

Dennoch: Blamiert hat sich der FCK auch mit dieser Leistung nicht. Die erste Hälfte war gut – „und wenn es länger 2:1 steht, sieht es am Ende vielleicht anders aus“, zieht auch Kühlwetter am Ende Bilanz. Auch für Boris Schommers war „die individuelle Qualität“ entscheidend, „die die Fortuna vorne in der Spitze“ hat.

Gewonnen hat Düsseldorf vor allem aber auch wegen der beiden Auswechslungen in der Pause, mit denen Uwe Rösler für wesentlich mehr Ordnung in seinem Team sorgte. Kelvin Ofori kam für Marcel Sobottka, Kevin Stöger für Aymen Bakok.

MAN OF THE MATCH: KURZARBEITER KEVIN STÖGER

Vor allem Stöger gestaltete das Düsseldorfer Spiel mustergültig von hinten heraus. Das belegen auch die „Opta“-Daten, die für ein solches Pokalspiel zur Verfügung stehen – bei Analysen von Drittligaspielen müssen wir darauf leider verzichten. 

Stögers Spieldaten überragen nicht wegen seines Treffers und seines Assists. In den 45 Minuten seines Einsatzes hatte er 66 Ballkontakte, spielte 55 Pässe – und 53 davon kamen an. Nur mal so zum Vergleich, um die Phrase vom „Zwei-Klassen-Unterschied“ zu veranschaulichen: Lauterns Sechser Janik Bachmann hatte in 90 Minuten 29 Ballkontakte und spielte 20 Pässe, von denen lediglich 13 den eigenen Mann fanden.

Text: Eric Scherer

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images