Wieder nur 1:1: FCK findet nur wenige Lücken ins Münsters Mauer – die aber hätten genügen müssen

Viertes Pflichtspiel 2020. Das Ergebnis stimmt wieder nicht – und die Leistung? In der PK vor dem Spiel gegen Preußen Münster hatte Boris Schommers, Trainer des 1. FC Kaiserslautern, die Fans noch gelobt, weil sie die Auftritte der Mannschaft zuletzt  honorierten, obwohl die Resultate enttäuschten. Nach diesem 1:1 gab’s aber Pfiffe. Der Coach dagegen war erneut mit dem Engagement seiner Jungs zufrieden, versicherte aber, auch die Reaktion der Fans zu verstehen: „Sie sind enttäuscht, klar, das sind wir auch, auch wir wollten gewinnen.“ Doch auch er wird gespürt haben: Der Optimismus aus der Winterpause ist verflogen, die Stimmung am Betzenberg ist am Kippen. Wieder mal.

Die letzten Sekunden der Nachspielzeit waren symptomatisch. Der FCK hält den Ball in der eigenen Hälfte. Zwei der angezeigten drei Minuten Extratime sind vorbei. Mit Andri Runar Bjarnason wartet der einzige Stürmer im Kader, der sich als „Wandspieler“ am gegnerischen Sechzehner. Jetzt kann es doch nur noch darum gehen, den langen Ball zu schlagen, auf dass der da vorne ihn vor oder in die Box prallen lässt. Für was anderes ist schließlich keine Zeit mehr…

Aber nichts dergleichen geschieht. Kraus, Bachmann und Gottwalt beginnen dennoch, hin und her zu passen, in die Breite zu spielen, den Weg nach vorne über kurze Pässe zu suchen. Was die FCK-Fans unter den 18.332 Zuschauern angesichts des Zeitdrucks als Provokation empfinden. Sie pfeifen. Die Preußen können den Ball sogar noch mal gewinnen und einen letzten Konter fahren. Dann erst pfeift Schiedsrichter Harm Osmers ab.

HOHER AUFWAND, WENIG ERTRAG – WIEDER MAL

Sie haben den Matchplan ihres Trainers eben bis zum bitteren Ende durchgezogen. Gegen einen Gegner, wie er tiefer nicht stehen konnte, es eben nicht mit Langholz und der Konzentration auf den zweiten Ball versuchen, wie es das Gros der Ligakonkurrenten tut, wenn der Kontrahent ihn in geordneter Deckung erwartet. 

Der FCK hat den Ball laufen lassen, wenn es angezeigt war, die gegnerischen Reihen über die gesamte Breite des Spielfelds abgetastet, um irgendwann die Lücke zu finden, für den Ball in die Spitze, um den durchstartenden Mann am Flügel einzusetzen oder sich mit einem Doppelpass in Schussposition zu bringen.

Das alles war oft unpräzise, führte im Angriffsdrittel immer wieder zu Ballverlusten, die schnelles Gegenpressing notwendig machen und den läuferischen Aufwand, den ein solches Spiel ohnehin erfordert, noch weiter erhöht. Insofern lässt sich tatsächlich nicht behaupten, dass die Lauterer nicht fleißig gearbeitet hätten an diesem Samstag.

ZUCKS LATTENTREFFER: SO HÄTTE ES GEHEN SOLLEN – EIGENTLICH

Eine davon in der 67. Minute, und die soll nicht nur Erwähnung finden, weil Hendrick Zuck den Ball am Ende aus nur vier Metern an die Latte knallt. Sondern, weil sie so herausgespielt war, wie der Trainer sich das wohl vorgestellt hatte. 

Philipp Hercher, für Dominik Schad auf der rechten Abwehrseite aufgeboten, setzt den am rechten Flügel durchstartenden Florian Pick ein, der flankt von der Grundlinie nicht direkt in die Mitte, sondern legt zurück auf den besser postierten Simon Skarlatidis. Der wiederum auf Zuck flankt, doch der trifft mit der linke Pike nur Alu.

Nach einem ähnlich gut durchgespielten Flügelangriff hat Hercher kurz zuvor schon einmal auf Zuck geflankt, der jedoch am Tor vorbeiköpfte. Später spielt Hercher Christian Kühlwetter im Strafraum an. Dessen Drehschuss aus sieben Metern aber landet in den Armen von Preußen-Keeper Maximilian Schulze Niehues.

Der eingewechselte Bjanarson hat kurz vor Schluss noch eine Schussgelegenheit, aus halbrechter Position, nach einem vertikalen Zuspiel in die Box, bekommt aber nicht genug Schmackes hinter den Ball. 

Für den größten Aufreger in den zweiten 45 Minuten hat Flo Pick schon kurz nach der Pause gesorgt. Sein  halblinks aus 18 Metern angesetzter Schlenzer touchierte die Latte. Das allerdings war mehr Einzelaktion weniger herausgespielt.

FÜNF CHANCEN IN HÄLFTE ZWEI: HÄTTE DAS NICHT REICHEN MÜSSEN?

Das sind jetzt fünf ordentliche Torgelegenheiten in Hälfte zwei. In einer Halbzeit, in die beide Mannschaften mit einem 1:1 starteten. In der Lautern ab der 78. Minute sogar nur noch mit zehn Mann agierte, weil der eingewechselte Hikmet Ciftci vom Platz geflogen war. Nach einer Notbremse gegen den durchgebrochenen Preußen-Stürmer Luca Schnellbacher. Kann man geben.

Eine Dezimierung übrigens, die an den Spielanteilen gar nichts änderte. Die Münsteraner zogen sich trotz Überzahl 35 Meter vorm eigenen Gehäuse zusammen  und setzten auf Balleroberung und das viel zitierte „Umschaltspiel“.

Der „Matchplan“ des zurückgekehrten Sascha Hildmann war somit rein auf Destruktion ausgerichtet. Als sein Kollege Schommers während der PK den Anti-Fußball der Gäste wiederholt ansprach, räusperte sich der gebürtige Lautrer unangenehm berührt. 

SCHOMMERS: „MÜSSEN UNS AN DIE EIGENE NASE FASSEN“

Kein Wunder, dass er das nicht gern hörte, hat er doch in seiner Zeit als FCK-Trainer selbst öfter erleben müssen, wie Gäste-Teams sich in Lautern freudvoll die Underdog-Rolle auferlegten und feierten, wenn sie nach 90 Minuten Mauerfußball auch noch erfolgreich waren. Dafür entschuldigen, dass er nun genauso verfahren ist, musste Hildmann sich allerdings nicht, das erwartete sein Kollege auch nicht: „Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen, lernen, damit klar zu kommen.“

Die Frage bleibt: Fünf mehr oder weniger „gepflegt“ herausgespielte Torchancen beim Stande von 1:1 in einer zweiten Halbzeit, eine runde Viertelstunde davon sogar in Unterzahl: Reicht das, um sagen können, das muss reichen für einen Sieg? Oder war das Lauterer Spiel trotz der herausgearbeiteten Gelegenheiten doch noch insgesamt zu „behäbig“, wie es ein Medienvertreter ausdrückte? Hätte es nicht noch mehr Druck sein müssen, mehr Feuer aufs Preußen-Tor?

Wer noch die großen Zeiten der Festung Betzenberg erlebt hat, wird sagen: Klar war  das zu wenig, da muss mehr kommen, viel mehr. Wer sich dagegen mittlerweile mit dem fußballerischen Alltag der Dritten Liga vertraut gemacht hat, könnte zu dem Schluss kommen. Doch, das muss reichen. Eigentlich.

MEHR SPIELKULTUR IN LIGA 3: EHRGEIZIGER ANSPRUCH, ABER RISKANT

Der Unterschied zwischen die Topteams und den Kellerkindern der Klasse liegt  hauptsächlich in der Effizienz vor dem Tor. Wer von fünf Chancen nicht mindestens drei reinmacht, kann auch nicht Spitze sein. Dem Tabellenzweiten Ingolstadt reichte vergangene Woche gerade mal eine gelungene Aktion in Hälfte zwei, um sich gegen den Gast aus Kaiserslautern drei Punkte zu sichern.

Boris Schommers’ Anspruch, mehr Spielkultur in diese Liga zu tragen, ist ehrenwert, aber auch riskant. Und weckt gerade in Kaiserslautern Erinnerungen an die Zweitligajahre von 2013 und 2015, als mit Kosta Runjaic ein ähnlich inspirierter Coach am Werk war. Doch der hatte für sein Passspiel Spieler wie Heintz, Orban, Demirbay und Stöger zur Verfügung – wer mag, kann gerne mal schauen, wo die heute spielen und welche Marktwerte für sie aufgerufen werden.

Und, auch das muss leider gesagt werden: Das große Ziel des FCK, wieder in die Erste Liga aufzusteigen, schaffte auch Runjaic nicht, obwohl Lautern anerkannter Maßen den besten Fußball der Zweiten Liga spielte. Und noch was: Auch damals punkteten immer wieder Teams am Betzenberg, die sich einfach hinten reinstellten und warteten, bis in die Passstafetten der Gastgeber Gelegenheit boten, dazwischen zu funken und zu kontern.

DER PROVOZIERTE ZUFALL VERSPRICHT MANCHMAL MEHR ERFOLG

Exakt so markierten die Preußen in der 21. Minute ihren ersten Treffer. Der schnelle Lucas Cueto startete nach einer Balleroberung durch, sein Pass in die Mitte rutscht erst Lauterns Sechser Janik Bachmann über den Schlappen und dann hat auch Linksverteidiger Alexander Nandzik noch die Möglichkeit gehabt, wirksamer unters Leder zu hauen, als er es tut, ehe Schnellbacher mit einem strammen Flachschuss abschließt.

Solche Stockfehler vertragen sich mit dem Anspruch ans gepflegte Spiel eben gar nicht. Und sie treten bei Drittligaspielern aber nun mal häufiger auf als bei  kostspieligerem Personal aus den oberen Etagen. 

Wer Langer Ball-Zweiter Ball spielt, setzt im Grunde auf die Irrationalität des Spiels, will ein Chaos-Moment heraufbeschwören, das die eigene Mannschaft besser nutzt als der Gegner. 

Nicht zuletzt produzierten auch die Lautrer ihren einzigen eigenen Treffer nicht  so ganz gewollt: Carlo Sickinger setzt aus 25 Meter zu einem Gewaltschuss an. Den vermag Simon Skarladitis im Strafraum abzublocken, unter Kontrolle zu bringen, flugs  zu Kühlwetter zu passen und der schiebt zum Ausgleich ein.

Mit Reaktionsschnelligkeit und individuellem Können den provozierten Zufall nutzen, hat also auch was für sich.

DIE WECHSEL IN DER STARTELF – SPIELENTSCHEIDEND?

Müßig ist es dagegen, darüber zu diskutieren, inwieweit die Wechsel in der Startelf das erneut nicht zufriedenstellende Ergebnis bewirkten. Timmy Thiele und Lucas Röser fielen wie befürchtet aus, dafür übernahm Skarlatidis den Part des dritten Stürmers – und war, gerade angesichts der Enge in den vorderen Zonen, sicher keine schlechtere Lösung.

 Lukas Gottwalt erfuhr erst am Morgen, dass er für den kurzfristig erkrankten André Hainault einspringen muss – das ist sicher nicht optimal. Dominik Schad setzte Schommers mal auf die Bank, um ihn mal zu schonen, nachdem er in den vergangenen Woche permanent durchgespielt hatte.

Der auf die rechte Abwehrseite versetzte Hercher vertrat ihn eigentlich gut. Vermochte zwar nicht zu den Sprints anzusetzen, für die Schad sonst verantwortlich zeichnet, leitete aber einige gute Angriffe ein. Linskverteidiger Nandzik agierte emsig, aber nicht fehlerfrei.

Vielleicht wäre es mal angezeigt gewesen, auch Kapitän Sickinger mal eine schöpferische Pause zu gönnen, denn ihm gelang nämlich wirklich nicht viel. Mit Ciftci fällt nun ein potenzieller Nachrücker für ihn mindestens für ein weiteres Spiel aus.

UND NUN? WIRKLICH HELFEN KÖNNEN NUR PUNKTE

 Ob es tatsächlich gerechtfertigt ist, dieser Lautrer Mannschaft noch einen der oberen Tabellenplätze zuzutrauen, kann derzeit dahingestellt bleiben. Wichtiger ist es zu erkennen: Um Spannung und, dadurch bedingt, die Stimmung im Umfeld zumindest bis Saisonende hochzuhalten, müssen die Aufstiegsplätze wenigstens in Sichtweite bleiben.

Geht diese Perspektive endgültig verloren, drohen Frustration und Unmut – und der wird sich, so ist das nun einmal am Betzenberg, zu allererst gegen den Trainer richten. Was es diesem wiederum erschweren wird, seine fußballerischen Ansätze weiterzuentwickeln, und das wäre denkbar schade.

Diesem Negativlauf gilt es also schnellstens Einhalt zu gebieten. Sicher, der FCK ist 2020 noch ohne Sieg, andererseits: Von den jüngsten neun Ligaspielen hat er nur eines verloren, und das extrem unglücklich. Manchmal muss man eben die schönere Bilanz heranziehen, um sich Mut zuzusprechen. Wirklich helfen können ohnehin nur Punkte.

Text: Eric Scherer

Foto: Andreas Scheuber/Getty Images