Die xG-Grafiken vom Münster-Spiel bestätigen: Schommers hat nichts schöngeredet

Ein paar Gesichter im Publikum haben sich schon leicht verzogen, als Boris Schommers, Trainer des 1. FC Kaiserslautern, in der Pressekonferenz nach dem mauen 1:1 gegen die SG Preußen Münster seinen Jungs eine ordentliche Leistung bescheinigte. „Nichts vorwerfen“ wollte er ihnen, lediglich mangelnde Effektivität sei zu bemängeln: „Wir hatten neun Torchancen, zwei davon haben die Latte touchiert.“ Hat sich da vielleicht einer was schöngeredet? Hätte ein Team mit wirklichem Siegeswillen nicht noch mehr Feuer im Strafraum der Preußen entfachen müssen? Die „xG“-Grafiken zum Spiel bestätigen eher den Trainer: Mit den herausgearbeiteten Chancen kann der FCK eigentlich zufrieden sein, nur im Abschluss hat’s gehapert.

Die „expected Goals (xG)“-Timeline weist einen Endstand von 2.37 : 0,34 zugunsten des FCK aus. Aus aktuellem Anlass wollen wir die Werte heute mal wieder  ausführlicher erklären. „11tegen11“-Mastermind Sander Ijtsma zählt nicht nur Torchancen, er bewertet diese auch qualitativ mit Hilfe eines von ihm entwickelten  Computerprogramms, das zu jeder Spielsituation eine Vielzahl vergleichbarer Szenen gespeichert hat – und errechnen kann, wie oft aus diesen ein Tor erzielt wurde. 

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Die Trefferwahrscheinlichkeit wird mit einem Wert zwischen 0 und 1 bewertet. Eine „1“ wäre demnach eine sogenannte „Hundertprozentige“, die es in Sanders statistischer Realität allerdings gar nicht gibt. Kühlwetters Treffer – er durfte den Ball nach Skarlatidis’ besonnenem Zuspiel aus sieben Metern quasi ins leere Tor schieben –  verursacht einen Sprung von cirka 0.75 auf der Timeline. Es war also eine Chance mit 75-prozentiger Trefferwahrscheinlichkeit.

ZUCK-CHANCE AUS DREI METERN: AUCH DEN MUSS MAN ERST MAL MACHEN

Zucks Lattentreffer in Hälfte zwei wird etwa mit 0.6 visualisiert – also 60 Prozent. 

Wie? Nur 60 Prozent? Wo Zuck nur drei Meter vor der Torlinie steht? 

Mag sein, doch das Computerprogramm berücksichtigt auch, wie viele Gegenspieler und wie eng diese am Schützen postiert waren. Und angesichts der Bedrängung war es für Zuck eben doch nicht soo leicht, den Ball ins Tor zu schießen.

Ein aufaddierter xG-Wert von 2.37 am Ende – das ist schon ordentlich. Die xG-Timeline vom vorangegangenen Heimspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach weist übrigens einen Endwert von 2.36 aus – und gleicht dieser auch ansonsten recht deutlich. Ein Unterschied: Die SGS schaffte wenigstens, Chancen in einem Gesamtwert von 0.77 herauszuarbeiten. 

Die Positions- und Passgrafik visualisiert natürlich die enormen Ballbesitzanteile der Lautrer. Die exakte Prozentzahl ist für Drittligaspiele leider nicht verfügbar, dürfte aber zwischen 70 und 80 Prozent gelegen haben.

Und natürlich ist der Ball in erster Linie „hintenrum“ gelaufen. Die Striche zwischen den Defensivspielern sehen aus, als wären sie mit einem Edding gezogen worden.

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Dennoch: Im Vergleich zur 1:2-Niederlage in Ingolstadt ist diesmal keine große Unwucht zu finden. Auch vorne wurde miteinander Fußball gespielt. Vor allem Pick und Zuck sind viel rotiert, wie die Dreieckspfeile neben den Spots belegen.

Auch der Pitchplot bestätigt: In der tumben Aufrechnung der Torschüsse liegt der FCK ebenfalls mit 16:5 vorne. Und im Lautrer Strafraum tauchte Münster eigentlich nur vor Schnellbachers Pfostenschuss in der 75. Minute auf. Der in der xG-Timeline übrigens gerade mal mit 0.2 bewertet ist. Denn auch wenn der Alu-Treffer vielleicht den ein oder anderen Herzaussetzer verursacht haben mag: Der Winkel war recht spitz und die Schnellbachers Schussbahn ziemlich zugestellt.

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In diesem Zusammenhang sei aber auch gesagt: Die in den diversen Foren entbrannte Diskussion, ob Schommers sich wieder von der seit 2020 praktizierten 4-3-3-Grundordnung verabschieden und zum 4-4-2 der Vorrunde zurückkehren sollte, ist speziell zu diesem Spiel müßig. Gerade gegen die bis auf 35 Meter vors Tor zurückgezogenen Münsteraner verschoben sich die Lautrer Offensivpositionen sehr  fließend. Zeitweise war Zuck Linksaußen, Skarlatidis rechts, Kühlwetter in der Mitte und Pick schob sich in die Halbräume, so dass sich wieder das 4-4-2 der Vorrunde, eigentlich sogar ein 4-2-4 ergab.

Womit der Mainstream viel mehr fremdelt, ist die passbetonte Spielweise der Lautrer, die Schommers zwar schon im vergangenen Jahr ankündigte, die aber erst in den ersten beiden Heimspielen des Jahres zum Tragen kam – gegen zwei, und das ist das Entscheidende, zeitweise äußerst tiefgestaffelte Gegner.

FLANKENGEWITTER IM STRAFRAUM SIND IM EDV-FUSSBALL PASSÉ

Diese Spiel gemeinhin als „Ballbesitzfußball“ bezeichnet, speziell auf und um den Betzenberg gerne auch mit eher abschätzigen Ton. Denn da erinnert man sich lieber an brachiale Zeiten, in denen vor allem in der Schlussviertelstunde dem Gegner im eigenen Strafraum die Bälle so lange um die Ohren flogen, bis er ihn, mürbe und/oder kirre geworden, entweder mehr oder weniger selbst reinmachte oder die „West“ das Leder über die Torlinie schrie.

Seither hat sich im Fußball aber einiges geändert, und das nicht nur auf dem Betzenberg. Das Spiel ist mehr von EDV-Analysen geprägt, dadurch berechenbarer und leider auch langweiliger geworden. Serienweise hohe Flanken in den Strafraum des Gegners mögen dem Fan auf der Stehtribüne den Adrenalinspiegel in die Höhe treiben, für die aktuelle Trainergeneration ist es jedoch ein statistisch belegter Fakt: Die Trefferwahrscheinlichkeit nach solchen Flankengewittern ist längst nicht so hoch wie aus einer Einschussposition, in die der Schütze mit präzisen Pässen freigespielt wurde.

UMSCHALTSPIEL KANN LAUTERN BESSER – DAS WISSEN AUCH DIE GEGNER

Angesichts der aktuellen FCK-Kaderbesetzung ließe sich ein Spiel mit hohen Bällen derzeit ohnehin nur mit Andri Runar Bjanarson in der Spitze aufzuziehen. Der Isländer müsste allerdings erst mal richtig in die Puschen kommen. Bislang warfen ihn immer wieder Verletzungen zurück.

Andererseits wissen regelmäßige Leser dieses Blogs längst: Der reine „Ballbesitzfußball“ ist mittlerweile ebenfalls out. Selbst bei internationalen Topteams wird er nur noch situativ gespielt, und so hat es auch bei Boris Schommers beim FCK vorgesehen: Er soll lediglich praktiziert werden, wenn der Gegner die eigene Elf geordnet und tief gestaffelt erwartet.

Traut er sich bei eigenem Ballbesitz mal weiter aus seiner Hälfte, soll das Leder mit konzentriertem Pressing erobert und dann möglichst direkt und vertikal in die Spitze werden. Mit diesem „Umschaltspiel“ hat sich der FCK bei seiner kleinen Siegesserie Ende 2019 viel Respekt in der Liga verschafft. Und im 2:5 verlorenen Pokalspiel gegen Düsseldorf war es zumindest in der ersten Halbzeit noch einige Mal zu sehen.

Mit Pick, Kühlwetter und Thiele verfügt Lautern zudem über ideale Typen für diese Spielweise. Dass sie seit Anfang des Jahres den neuformierten Dreiersturm bilden, ist sicher kein Zufall.

GESUCHT: GEGNER, DIE EBENFALLS FUSSBALL SPIELEN WOLLEN

Es bleibt jetzt abzuwarten, wie die künftigen Gegner, die den Anspruch haben,  ihrerseits wenigstens ein bisschen Fußball zu spielen, auf diesen FCK reagieren. Werden sie sich auch zurückziehen, um den FCK nicht in sein Umschaltspiel kommen zu lassen und zu den Passstafetten zu zwingen, die er offenbar nicht so gut beherrscht?

Nicht mal der FC Ingolstadt mochte zuletzt Lautrer Konter riskieren, und der ist immerhin Tabellenzweiter. Und wurde für seine Zaghaftigkeit vor eigenem Publikum sogar noch mit dem 2:1-Siegtreffer in der Schlusssekunde belohnt. Ja, der Fußball ist oft ungerecht, gerade gegen die, die mehr agieren wollen als reagieren. Vor allem in dieser Dritten Liga.

Da können wir nur hoffen, dass es in Braunschweig am Samstag tatsächlich mal ein – Achtung, Floskel – „vollkommen anderes Spiel“ wird.

Zum Abschluss noch die Positions- und Passgrafik der Münsteraner. Positiv sei über Sascha Hildmanns Maurerkolonne gesagt: Sie hatte zwar nicht oft den Ball, diesen, so sie ihn denn mal hatte, aber gut zirkulieren lassen, und stand in ihrem 5-4-1 sehr schön geordnet.

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Text: Eric Scherer

Foto: Christian-Kaspar Bartke/Bongarts/Getty Images

Grafiken: 11tegen11