Bonjour, Tristesse: Nach diesem 0:2 gehen die Roten Teufel auf Höllenfahrt

Es wäre ein Leichtes, sich nach einem Spiel wie diesem nur noch in beißendem Spott zu üben und sich aus herablassender Distanz über die Dummheit und Unfähigkeit dieses 1. FC Kaiserslautern lustig zu machen. Von wegen, dass sich die Mannschaft wieder einmal zum Aufbaugegner für einen schwächelnden Gegner machte und wie gut es da unter anderem ins Bild passt, dass sie dem 23-Jährigen Niko Kijewski nach 90 Einsätzen seinen ersten Treffer als Profi ermöglichte. Typisch, typisch, typisch wieder mal. Wie einfach wäre es, alles, was man gestern noch gut fand, heute zu Mist zu erklären und erneut ein radikales Umdenken bei personellen Besetzungen und fußballerischer Ausrichtung zu fordern. Nur: Wem, der den FCK in den Genen trägt, hilft das? Der FCK steckt nach dieser 0:2-Niederlage gegen Eintracht Braunschweig im Abstiegskampf. Damit gilt es nun klarzukommen, für Mannschaft und Anhang. Aus Frust alles und alle zum Teufel zu wünschen, ist der falsche Weg.

Die Mannschaft von Boris Schommers traf am Samstag endlich wieder auf  einen Gegner, der „Fußball spielen“ wollte, sich also auch mal selbst nach vorne schob, auch auf des Risiko hin, dem Kontrahenten Räume für das vielzitierte „Umschaltspiel“ zu bieten.  So hatte der FCK sich das doch gewünscht, nachdem er zuletzt, insbesondere im jüngsten Heimspiel gegen die SG Preußen Münster, fast immer über die volle Distanz  gegen tiefstehende Gegner die Lücke zum Tor finden musste. Dieses Spiel beherrscht kaum ein Drittligist wirklich gut.

GEFÄLLIGER START, ABER DIE SCHÄRFE FEHLT: DAS FRÜHE 0:1

Und in der Tat mutete der Auftritt der Lautrer in der ersten Hälfte gar nicht mal schlecht an. Es gab schöne Passstafetten bis in die Box zu sehen, bei denen halt wieder einmal der berühmte letzte Pass nicht kam. Zuck, Kühlwetter, Thiele und Pick verpassten nur knapp. Sieben Ecken erarbeitete Lautern allein in den ersten 45 Minuten, die – man mag es wirklich nicht mehr schreiben – allesamt unverwertet blieben.

Aber: In den ersten 20 Minuten fehlte es nicht nur am letzten Pass, sondern auch an der nötigen Zweikampfhärte, um das Spiel des Gegners zu unterbinden – ein Umstand, der auch den Trainer hinterher auf die Palme brachte. Und der schon früh  zum ersten Gegentreffer führt, als Eintracht-Stürmer Marvin Pourie sich viel zu leicht von der linken Seite an zwei Gegenspielern vorbei in Richtung Strafraum bewegen darf, Janik Bachmann Abwehrfuß den Ball zur Mitte der Sechzehnmeterlinie ablenkt und Merveille Biankadi perfekt abschließt.

WITZ UND LEICHTIGKEIT FEHLEN – GRILL VERHINDERT 0:2

Und auch wenn der FCK bis zum Abpfiff der ersten Hälfte im besten Wortsinn „gefällig“ kickt: Der Witz und die Leichtigkeit, mit der etwa Biankadi in Minute 18 Pourie in die Box schickt, dessen Abschluss Keeper Lennart Grill per Fußabwehr stoppt, erreicht das Lautrer Spiel nie.

Gleichwohl: Unmittelbar vor 0:1 hätte der aufgerückte Innenverteidiger Kevin Kraus ums Haar den FCK in Führung geschossen. Seinen Volleyschuss nach Kopfballablage eines nach einer abgewehrten Ecke direkt wieder zurückgespielten hohen Balles erwischt Eintracht-Keeper Jasmin Fejzic dank seiner 1,98 Meter Körpergröße.

0:2 VOR DER PAUSE STELLT WEICHEN FÜR HÄLFTE ZWEI

Kurz vor der Pause darf Niko Kijewski dann sein erstes Profitor schießen. Nach einer zu kurz abgewehrte Ecke findet sein keinesfalls stramm getretener Ball den Weg zwischen Freund und Feind hindurch, so dass er von Grill erst spät gesehen wird. Abgefälscht wird das Leder auch noch – doch, das ist unglücklich, das muss man auch ohne bittere Ironie sagen dürfen. Und, ja, es ist die 44. Minute, direkt vorm Pfiff in die Pause, der berühmte „psychologisch ungünstige Zeitpunkt“ also.

Damit sind die Weichen für Hälfte zwei gestellt. Und mit der 2:0-Führung im Rücken verhält sich die Eintracht nun so, wie sich die jüngsten Heimgegner des FCK bereits bei Gleichstand verhalten haben – und wie es wohl auch der FSV Zwickau am nächsten Samstag auf dem Betzenberg tun wird: Er zieht sich zurück und setzt fortan auf die beliebten „Umschaltmomente“.

NACH DEM ABPFIFF: DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGUNGEN

Beim FCK beginnt wieder das endlose Knoddeln, das kurze Passspiel, mit dem die Lücke in der Deckung gefunden werden will. Und wieder mal kommt dabei nichts Zählbares heraus. Bis zum Abpfiff.

Schon in den ersten Reaktionen und Berichten danach wird das FCK-Spiel als zu „ideenlos“ oder „unpräzise“ beschrieben, die fehlende „Entschlossenheit“ und „Durchlagskraft“ im Sturm bemängelt.

Und natürlich wir immer wieder gefragt, weshalb Schommers in der Winterpause ohne Not sein „System“ umgestellt habe: Mit dem 4-4-2 sei man doch gegen Ende der Vorrunde gut gefahren.

FAKTISCH FEHLT ES EFFEKTIVITÄT UND KOPFBALLSPIELERN

Wir bleiben dabei: Was sich der FCK gegen tiefstehende Gegner an Einschusspositionen herausspielt, ist für Drittligaverhältnisse gar nicht mal so schlecht.  Nur sind diese in gut besuchten Strafräumen in der Regel nicht so augenfällig, dass sie sich als „klare“ oder gar „hundertprozentige“ Chancen bezeichnen lassen. Die sogenannten Topteams der Liga beherrschen das Spiel gegen tiefe Deckungen auch nicht viel besser. Sie sind lediglich im Abschluss effektiver als der FCK. Insbesondere verwerten sie ihre ruhenden Bälle besser.

Und zu dieser schier endlosen Diskussion bleiben wir ebenfalls bei der Darstellung, die wir auch in unserem Interview mit Boris Schommers vorgetragen haben. Die Ecken  und Freistöße, die meist Pick und Zuck schlagen, sind im Grunde gar nicht so schlecht – das eigentlich Problem ist, dass der FCK kann zu wenig wirklich gute Kopfballspieler in den Strafräumen aufbieten kann. Übrigens auch im eigenen, denn die Mannschaft  kassiert ja auch zu viele Treffer nach Standardsituationen. In dieser Saison bereits 17, mehr als jedes andere Team der Liga.

GEFÄHRLICH KÖPFEN KÖNNEN NUR HAINAULT UND KRAUS

Natürlich erwischen Janik Bachmann und Timmy Thiele aufgrund ihrer Statur immer mal den ein oder anderen hohen Ball, aber wirklich gute Kopfballspieler sind sie nicht. Die einzigen, von denen einigermaßen verlässlich ein erfolgreicher Abschluss aus der Luft erwartet werden kan, sind Kevin Kraus und André Hainault. Auch der nur 1,82 Meter große Philipp Hercher verfügt über eine recht gute Kopfballtechnik. Der aber stand gestern wegen kurzfristig aufgetretener Muskelbeschwerden nicht im Kader.

Diese Kopfballschwäche kam gestern insbesondere in zwei Szenen zum Tragen. In Hälfte eins nach einem Eckball von Zuck, als Carlo Sickinger aus sechs  Metern frei zum Kopfstoß kommt, den Ball aber mit der Stirn nicht ordentlich zu drücken vermag, und einmal in der zweiten Hälfte, sogar in einer Szene, die aus dem Spiel heraus entstand: Rechtsverteidiger Dominik Schad flankt mustergültig auf den am langen Eck postierten Thiele, aber auch der verwertet technisch nur unsauber.

EIN STÜRMER DER KURZEN WEGE FEHLT – UND PICK DIE LEICHTIGKEIT

Zweites Manko: Es fehlt ein Stürmer, der auf kurzen Wegen das Tor sucht und findet. Thiele und Kühlwetter sind Männer mit eher großen Übersetzungen. 

Die Hoffnung, dass Lucas Röser der gesuchte Wühler sein könnte, schwindet von Spieltag zu Spieltag. Noch in den Testspielen während der Wintervorbereitung schien sich abzuzeichnen, dass ihm 2020 vielleicht der Durchbruch gelingt. Gestern ließ ihn Schommers 90 Minuten auf der Bank, obwohl ihm nach der Einwechslung von Simon Skarlatidis und Manfred Starke noch eine dritte Option offen gestanden hätte.

Hinzu kommt, dass Pick, dem Trumpfass der Vorrunde, 2020 noch nicht viel gelungen ist. Da scheint die berühmte Leichtigkeit abhanden gekommen zu sein, vor allem die im Kopf. Wiegt die Last, nun die zentrale, bestimmende Figur im FCK-Spiel sein zu müssen, vielleicht zu schwer?

DAS „SYSTEM“ IST NICHT DAS PROBLEM

Zur „Systemfrage“: Schommers hat sein „System“ in der Winterpause nicht umgestellt, er hat es weiterentwickelt. Auf der PK vor diesem Spiel hat er dazu selbst ein paar erhellende Anmerkungen gemacht. Wenn Medien die Formationen zu einem Spiel visualisieren, sollten sie eigentlich zu jedem Team mindestens immer zwei veröffentlichen: eine, die Grundordnung bei gegnerischem und eine, die sie bei eigenem Ballbesitz zeigt. Und selbst das diente nur zur groben Orientierung.

Denn das 4-3-3 mit dem beweglichen Florian Pick im Sturmzentrum – faktisch ist er das nur auf dem Papier –, bietet den Vorteil, dass es sich bei eigenem Ballbesitz im Grunde in alles Mögliche verschieben kann. Wenn Pick auf die Zehnerposition zurückfällt, Thiele und Kühlwetter zur Doppelspitze mutieren, die beiden Außenverteidiger auf ihren Seiten weit aufrücken und sich Bachmann zwischen die Innenverteidiger zurückschiebt, wird’s bisweilen sogar ein 3-2-3-2.

DIE TABELLE INTERESSIERT NICHT? NICHT AUF DIE GOLDWAAGE LEGEN

 Dieser Spiel weiter zu verfeinern, wäre auf jeden Fall vorteilhaft, auch wenn der FCK tabellarisch nun erst einmal in der Grauzone werkeln muss. Den Schommers-Satz  „Die Tabelle interessiert mich nicht“ sollte man übrigens nicht auf die Goldwaage legen. So unmittelbar nach dem Abpfiff abgegebene Statements geraten öfter mal unglücklich, erst recht, wenn sie von persönlicher Enttäuschung geprägt sind.

Text: Eric Scherer

Foto: Alexander Scheuber/Getty Images