Kein Erfolg beim Schach mit Würfeln: Die xG-Grafiken vom Braunschweig-Spiel

Die einen schütteln nur den Kopf angesichts eines solchen nerdigen Bullshits, die anderen freuen sich darauf jede Woche wie die Schneekönige: die „expected Goals“ (xG)-Grafiken, die „11tegen11“-Mastermind Sander Ijtsma exklusiv für uns für den 1. FC Kaiserslautern anfertigt. Die Betrachtung der 0:2-Niederlage des FCK gegen Eintracht Braunschweig vergangenen Samstag dürfte die Lager zwischen Fans und Skeptikern sogar noch stärker spalten. Denn wer die Grafiken allzu naiv betrachtet, könnte meinen, wir wollten das tatsächliche Endergebnis als „unverdient“ oder „unglücklich“ für die Lauterer darstellen, es gar schönreden. Dabei weiß doch, wer das Spiel gesehen hat: An Braunschweigs Sieg gibt’s nichts zu rütteln. Interessante Aufschlüsse bieten die Plots dennoch.

Die „xG“-Timeline weist einen Punktestand von 2.69 : 0:98 zugunsten des FCK auf. Damit hätte Lautern in der Summe mehr qualitativ höherwertige Einschusspositionen herausgearbeitet als in seinen Heimspielen gegen Großaspach und Münster – und diese auch noch verstärkt in der zweiten Hälfte, von der doch jeder, der sie gesehen hat, sagen wird, dass die Elf sich genauso erfolglos durch eine tief stehende Deckung zu knoddeln versucht hat wie gegen die genannten Gegner. 

2020-02-15 1437574 xG plot Eintracht Braunschweig 2 - 0 Kaiserslautern.png

Und die Siegwahrscheinlichkeit des FCK soll bei 76 Prozent gelegen haben. Da fragt sich doch jeder, dem in den vergangenen Wochen die Zuversicht abhanden gekommen ist – und wem ist sie das nicht: Was soll der Quatsch?

DIE SACHE MIT DER WAHRSCHEINLICHKEIT

Nun ja. Wer das Spiel nochmal in Revue passieren lässt, wird feststellen: Es gab in Hälfte zwei vielleicht keine zwingenden Chancen, aber doch viele kleinere Situationen, über die sich Sachen sagen ließen wie „An einem guten Tag kann der auch mal reingehen“.

In Minute 51 etwa zog Pick mal, wie in der Vorrunde öfter mit Erfolg, von links in die Mitte und mittig vom Sechzehner ab, doch wurde sein Schuss abgeblockt. Ein Kopfballbogenlampe von Kraus landete auf der Torlatte, ein anderer Köpper von ihm  segelte am langen Eck vorbei, Kühlwetter nahm einen Chip von Schad mit dem Rücken zum Tor an, schoss aus der Drehung – drüber. Und davon gab’s noch mehr.

Im xG-Modell von Sander Ijtsma sind diese Einschussgelegenheiten mit Werten zwischen 0.1 bis 0.4 erfasst. Das heißt: Sie können mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 bis 40 Prozent zu einem Treffer führen. Das heißt aber auch: Dass sie nicht reingehen, ist zu 60 bis 90 Prozent wahrscheinlich. Dass Kühlwetter und Co. aus diesen Positionen Fahrkarten schießen, war also wahrscheinlicher.

WIE VIELE „HALBGARE“ CHANCEN BRAUCHT ES, UM ZU TREFFEN?

Jetzt könnte man einwenden:  Wenn ich viele „halbgare“ Chancen produziere, muss ich doch auch statistisch gesehen irgendwann mal treffen. Stimmt im Prinzip, doch die Frage ist halt wann, beziehungsweise: Reicht ein Fußballspiel aus, um eine so lange Versuchsreihe zu produzieren, dass irgendwann der unwahrscheinliche Treffer wahrscheinlich wird? Eher nicht.

Ein Spielausgang bleibt eben schwer vorhersehbar, auch mit Hilfe elektronischer Analysen – mit vielen kleinen Chancen wird ein Team in 90 Minuten nicht zwingend die eine große ausgleichen, die es den Gegner nutzen lässt.

In seinem Buch „Matchplan“ zitiert Christoph Biermann Peter Krawietz, der seit der gemeinsamen Zeit in Mainz an der Seite von Jürgen Klopp arbeitet: „Fußball ist wie Schach, nur mit Würfeln.“ Gemeint ist: Es ist ein Spiel, in dem Strategie zählt, der Zufall aber stets eine unkontrollierbare Größe bleibt.

DAS BEISPIEL VON DORTMUNDS ABSTURZSAISON

Die xG-Verfechter schwören allerdings: Eine Spielanlage, die permanent überlegene xG-Werte produziert, wird sich auf Sicht auszahlen. Als Paradebeispiel führen sie die Spielzeit von Borussia Dortmund in der Saison 2014/15 an: Der BVB, der in den vier Jahren zuvor zwei Mal Deutscher Meister und zwei Mal Vize-Meister geworden war, stürzte da in der Hinrunde auf Rang 17 ab. 

Der englische Blogger Colin Trainor verglich darauf die xG-Werte der Borussia mit denen der Konkurrenz und stellte fest: Nach diesen müssten die Schwarzgelben eigentlich Vierter sein. Und prognostizierte: Wenn die einfach weiter auf ihrem Level spielen, werden sie auch wieder punkten. In der Tat: Dortmund hielt die xG-Werte, wurde die fünftbeste Mannschaft der Rückrunde und landete in der Endabrechnung auf Rang 7.

WO DRITTKLASSIGE KICKER SICH MIT RONALDO VERGLEICHEN LASSEN

Jetzt wiederum könnte man einwenden: Wir reden hier über die Dritte Liga. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein drittklassiger Spieler 30-prozentige Schusschancen irgendwann einmal verwertet, muss doch niedriger sein als bei einem erstklassigen.

Dazu hat der englische Fußballanalytiker Omar Chaudhuri eine interessante Studie angelegt, als er sich die Tore von Cristiano Ronaldo näher anschaute. Er stellte fest, dass auch der Superstar aus schlechten Einschusspositionen gar nicht mal so viel öfter trifft als andere. Die Art und Weise, wie er sich immer wieder in gute Schusspositionen bringt, macht seine unbestrittene Weltklasse aus.

Dies alles lässt sich, es sei hier nochmal gesagt, in „Matchplan“ nachlesen.

Und was bedeutet das jetzt alles auf den FCK bezogen?

Dass zumindest wir optimistisch bleiben. Boris Schommers’ Spielansatz, gegen tiefstehende Gegner mit kurzen Pässen den Erfolg zu suchen, wird über kurz oder lang erfolgreicher sein als das Spiel auf die zweiten Bälle, das die Konkurrenz gegen massierte Deckungen bevorzugt.

Gleichwohl würden wir uns wieder ein Pressing wünschen, das schärfer und konzentrierter daherkommt als zuletzt. Das sah in der Erfolgsphase der Vorrunde schon einen Tick besser aus.

DAS ENDLOSE THEMA: DIE STANDARDS – VORNE WIE HINTEN

In der Dritten Liga gibt es kein Team, das fußballerisch besser ist als Lautern. Um oben anzudocken, würde es schon reichen, die Trefferquote nach ruhenden Bällen auf die 30 oder 40 Prozent hochzuschrauben, die andere auch schaffen. 

Und die Gegentrefferquote nach ruhenden Bällen halbieren. Von den 41 Toren, die er bislang kassiert, fielen 17 nach Standardsituationen. Um das zu erkennen, braucht es in der Tat keine xG-Analysen.

DIE POSITIONS- UND PASSGRAFIK: BRAUNSCHWEIG GANZ SCHÖN LINK

Fahren wir dennoch mit den anderen Grafiken fort. Die „Pitchplots“: Ein Wert von 0.81 bei den „Set Pieces“, das ist ja schon mal gar nicht so schlecht. Erinnert sei hier nur Carlo Sickingers Kopfballchance nach einer Ecke in Hälfte eins.

2020-02-15 Pitch plot Eintracht Braunschweig 2 - 0 Kaiserslautern.png

Die Positions- und Passgrafik: Hier zeigt sich wieder eine Unwucht rechts, dergleichen war schon beim Spiel in Ingolstadt zu sehen. Dürfte diesmal damit zusammenhängen, dass die linke Flanke mit Kijewski und Feigenspan – im Wechsel mit Biankadi – Braunschweigs Schokoladenseite war. Weswegen sich auch Schad zurückhalten musste.

2020-02-15 Kaiserslautern Passing plot Eintracht Braunschweig - Kaiserslautern.png

Der Vergleich mit der Positions- und Passgrafik der Braunschweiger bestätigt dies. Nach vorne gepasst hat die Eintracht sich vornehmlich über links. Oder Fejzic hat den langen Ball auf Proschwitz versucht, auf dass dieser auf seine Nachrücker ablege. Biankadi agierte weit vorgezogen, tendenziell rechts, aber mit vielen Ausweichbewegungen.

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Text: Eric Scherer

Foto:  Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Grafiken: 11tegen11