Zu viel „Kopfsache“, zu viel Krampf = null Tore

Manchmal macht man ein Problem schlimmer, als es ist, indem man es offen anspricht. Das gilt erst recht, wenn es um sogenannte „Kopfsachen“ geht. „Im Angriffsdrittel nicht nachdenken“, habe er seinem Spieler Florian Pick mit auf den Weg gegeben, schilderte  Boris Schommers, Trainer des 1. FC Kaiserslautern, in der PK vorm Spiel gegen den FSV Zwickau. Genau das könnte das Verhängnis gewesen sein, welches dazu führte, dass dem FCK auch in dieser Heimpartie kein Treffer glückte. Nach diesem neuerlichen 0:0 bleibt die Mannschaft im Jahr 2020 weiterhin sieglos – und vor dem großen Derby am kommenden Samstag spricht nun alles für den SV Waldhof Mannheim. Andererseits: Nur noch als „Underdog“ in dieses Spiel gehen zu dürfen, ist vielleicht genau das, was den zu „verkopften“ Lautrern jetzt am besten hilft.

Wäre. Hätte. Könnte. Wenn Spielberichte viele Konjunktive verwenden, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass es für das Team, um das es geht, tatsächlich nicht gut gelaufen ist. Ist auch in diesem Fall so. Wir können jedoch nicht anders: Die erste halbe Stunde war gar nicht so schlecht. Und wäre da mal ein Ball reingegangen… Wäre. Hätte. Könnte.

Die Lauterer Elf startete in der erwarteten Besetzung zunächst so konzentriert wie angekündigt, attackierte früh – und zeigte, dass sie tiefstehende Gegner durchaus „bespielen“ kann. Pick mit einem ersten Schussversuch vom rechten Strafraumeck, der gefährlicher am Tor vorbeistreifte, als die schwierige Schussposition vermuten ließ. Dann dringt Pick per Doppelpass mit Christian Kühlwetter in den Strafraum ein, bringt sich halbrechts in eine wesentlich bessere Position, doch sein Schuss wird abgeblockt.

ABER ZWICKAU HAT DOCH SOGAR SCHÖN MITGESPIELT… 

Nächstes Anzeichen, dass es vielleicht ein schönes Spiel werden könnte: Der FSV Zwickau igelt sich keineswegs hinten ein, sondern spielt mit, beginnt, seinerseits hoch zu attackieren. So hoch, dass FCK-Keeper Lennart Grill in der 20. Minute gezwungen ist, mal lang vom Tor abzuschlagen, über die Mittellinie in Richtung Timmy Thiele – das ist eher selten geworden im FCK-Spiel.

Und nach 26 Minuten darf die Mannschaft endlich mal wieder das „schnelle Umschaltspiel“ zeigen, mit dem sie in der Fünf-Siege-Serie Ende 2019 so imponierte. Kühlwetter schickt mit einem vertikalen Pass aus der eigenen Hälfte Thiele auf die Reise, der lehrbuchmäßig in die Gasse gestartet ist. 

Er dringt mit Ball am Fuß halbrechts in den Strafraum ein – und nimmt sich dann anscheinend in der Tat zu viel Zeit zum Denken. Versucht einen Lupfer, statt volle Kanne das lange Eck anzuvisieren. Zwickau-Keeper Johannes Brinkies reagiert gut.

NACH EINER GUTEN HALBEN STUNDE WIRD’S ZUSEHENDS SCHLIMMER

Nach dieser bislang größten Lautern-Chance der Schockmoment: Hendrick Zuck versucht sich in der rechten Verteidigerposition an einem Diagonalball, den der ihn attackierende Maurice Hehne aber blockt und in Lauterns Sechzehner lenkt, wo Zwickaus Mittelstürmer Gerrit Wegkamp lauert. Der vollstreckt eiskalt, hat den Ball aber im Abseits angenommen, wie Schiedsrichter Wolfgang Haslberger richtig erkannt hat. Glück gehabt.

Aber: Von nun an läufts für Lautern schlechter und schlechter. Zwickau bekommt Oberwasser. Ein Freistoß-Schlenzer von Leon Jensen streift haarscharf an Grills Kasten vorbei, dann eröffnet sich den „Schwänen“ eine Schussposition, weil Kevin Kraus und André Hainault sich gegenseitig rempeln – fangen da etwa so langsam die Nerven an mitzuspielen?

SCHOMMERS’ NEUE IDEE: EIN „ECHTES“ 4-2-1-3 

Dabei ist es keinesfalls so, dass Boris Schommers nichts  einfällt. Heimlich, still und leise hat er seine Startelf mittlerweile umformiert, aus seinem „fluiden“ 4-3-3, das ohnehin nur auf dem Papier ein solches war, ein richtiges 4-2-1-3 gemacht. Mit Hendrick Zuck rechts und Kühlwetter links, also zwei Flügelstürmern mit dem starken Fuß innen, so dass sie besser abziehen können, wenn sie sich in die Mitte orientieren. Thiele vorne in Mitte und dahinter Pick, der die gesamte Breite des Spielfelds nutzen darf.

Gut durchdacht, nur funktionieren muss es halt, sprich: wenigstens mal zu einem Treffer führen. Tut es aber nicht, wie sich in Hälfte zwei zeigt. Unter anderem, weil Thiele zwar ein Riesentyp ist, dem es nie an Willen mangelt, aber nun mal nicht die Sorte Mittelstürmer, die sich in engen Räumen durchsetzt – schon klar, den Satz haben regelmäßige Leser dieses Blogs schon oft gelesen.

Auch Pick mangelt es sich nicht an Eifer, er setzt sich in Ansätzen immer wieder gut durch, aber seine Schussversuche wirken, als wären ihn am Morgen die Füße falsch eingehängt worden.

Kühlwetter setzt sich am linken Flügel immer mal gut durch, legt einmal auch gut den eingelaufenen Zuck zurück, der dann – genauso ist es geplant – mit links abziehen kann, doch wird auch dieser Ball abgeblockt.

Und das war es im Prinzip auch schon mit Höhepunkten aus Hälfte zwei.

WIR WOLLEN ES NICHT MEHR LESEN: DIE STANDARDS, DIE STANDARDS

Lautern verzeichnet zwei an sich gute Möglichkeiten, einen direkten Freistoß zu verwandeln. Carlo Sickinger bekommt beide nicht auf den Kasten. Was ist eigentlich aus Theo Bergmann geworden, der vergangenes Jahr den letzten direkten Freistoß für den FCK verwandelt hat? 

Und die Ecken? Der eingewechselte Manfred Starke darf in der Nachspielzeit die letzte dieses Spiels treten. Halbhoch aufs kurze Eck, genau die richtige Einstimmung fürs Pfeifkonzert, das unmittelbar danach, nach dem Abpfiff, einsetzt.

Am leidigen Thema „Standardsituationen“ scheint auch der Trainer allmählich zu verzweifeln: „Wir trainieren das in der Woche mehr als deutlich“, gibt Boris Schommers nach dem Spiel zu Protokoll. „Durch so eine Situation kann man eine Partie auch mal auf seine Seite ziehen. Das haben wir wieder nicht geschafft.“

BACHMANNS NICKEN NACH GELBROT: EIN SINNBILD

Zuguterletzt darf der FCK, wie schon gegen Münster, das Spiel zu zehnt beenden. Janik Bachmann holt sich Gelbrot ab, nach einem Foul in Nähe der Mittellinie, das es nicht unbedingt gebraucht hätte. Sein fast schon zustimmendes Nicken, mit dem er den Griff des Schiedsrichters nach den Karten kommentiert, deutet auf Ratlosigkeit, Frust und Resignation hin.

 Ein Sinnbild für die gesamte aktuelle Situation, die in groben Zügen der ähnelt, in der sich auch Schommers’ Vorgänger Sascha Hildmann in der Rückrunde der vergangenen Saison befand.

In unserem Interview im Mai 2019 hat er sie so beschrieben: „Du bist angetreten, um aufzusteigen, hast es nicht geschafft, bist von dir selbst enttäuscht, die Fans sind enttäuscht, du hast viel Kritik eingesteckt, auch zurecht. Da fehlt es zum Ende der Runde nicht nur an Selbstvertrauen – da sind die Freiheit, der Spaß und die Emotionalität weg, die es für guten Fußball braucht. Vereinzelt kommen da auch noch negative Spielverläufe dazu, etwa, wenn du frühe Gegentore kassierst.“

UND NUN? DER ANHANG WILL LICHTBLICKE SEHEN

Boris Schommers müsste den Rest der Saison nun nutzen, um ein Mannschaftsgerüst einzuspielen, das zu Beginn der nächsten Spielzeit vom Start weg voll da sein kann. Um weiter durchzuprobieren, festzustellen, wen aus dem aktuellen Kader er für seine Art Fußball künftig nicht mehr gebrauchen kann, einige Kandidaten kristallisieren sich da ja bereits aus. Und mit gemeinsam mit Sportdirektor Boris Notzon sinnvolle Transfers identifizieren, mit denen sich die nötigen Weiterentwicklungen bewerkstelligen lassen.

Hildmann nutzte die Rückrunde 2018/19, um die jungen Wilden Grill, Sickinger, Kühlwetter und Pick weiter ins Team zu integrieren, was wenigstens Hoffnung auf die nächste Runde schürte, auch wenn diese sich dann doch noch erfüllte. 

Solche Lichtblicke sind beim FCK 2019/20 derzeit nicht erkennbar. Für Zuck kam Mitte der zweiten Hälfte der 22-jährige Mohamed Morabet zu seinem zweiten Saisoneinsatz, und eben nicht die ebenfalls denkbaren Lucas Röser oder Simon Skarlatidis. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass nun das „Schaulaufen“ der noch vorhandenen Talente beginnt.

NACH MANNHEIM ALS UNDERDOG: IST VIELLEICHT BESSER SO

 Von daher passt es ins Bild, dass am Samstag nur 15.913 Zuschauer am Betzenberg gezählt wurden – Minusrekord in dieser Saison. Und es stehen immer noch sieben Heimspiele an. Wenn dem Anhang nicht bald wenigstens ein paar Funken Hoffnung serviert werden, drohen die Besucherzahlen diese Saison noch vierstellig zu werden.

Insofern gibt es keinen Grund, jetzt das Zittern zu bekommen, weil es kommenden Samstag zum frischgebackenen Tabellenzweiten geht, der am Samstag beim Tabellenführer gewonnen hat. Als klarer „Underdog“ ins Derby gegen den SV Waldhof Mannheim gehen zu dürfen, ist vielleicht genau das, was diese Mannschaft jetzt braucht.

Update, 23.2.20120, 17:25 Uhr: Wie uns unser Leser Axel Motzenbäcker aufmerksam machte, hat nicht Dominik Schad, sondern Hendrick Zuck das Abseitstor der Zwickauer eingeleitet. Ist entsprechend korrigiert. Danke für den Hinweis.

Foto: Thomas Eisenhuth/Getty Images

Text: Eric Scherer