Noch’n Ehrmann-Kommentar? Bringt nichts, der Ball muss sich weiterdrehen – und ins Tor

Wie? In Lautern ist wieder mal die Kacke am Dampfen, der Verein hat tatsächlich seinen letzten noch aktiven Helden vom Berg gejagt – und dieser nerdige Blogger will uns jetzt allen Ernstes seine nervigen xG-Grafiken servieren? Ja, er will. Denn trotz allem geht’s am Betzenberg immer noch um Fußball, auch wenn der beim 0:0 gegen Zwickau zuletzt nicht schön anzusehen war. Was das Drama um Gerry Ehrmann betrifft: Angesichts der jüngsten Entwicklungen sollten sich Betrachter ohne tieferen Einblick mehr denn je zurückhalten. Nach den Erklärungen vom gestrigen Montagabend werden als nächstes die Anwälte das Wort haben, und das kann nicht im Sinne beider Seiten sein, da beide ja vorgeben, zu allererst „zum Wohle des Vereins“ zu handeln.

Nur so viel: Simple Erklärungen werden komplizierten Sachverhalten selten gerecht.  Für das Gros der leidenschaftlichen Gerry-Fans mag der Fall noch so sonnenklar sein: Dieser junge Trainerschnösel hat den letzten Aufrechten auf diesem sinkenden Kahn namens 1. FC Kaiserslautern vom Hof gejagt, weil der ihm ein paar unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagte. Vielleicht nicht auf die feine englische Art, aber die ist nun einmal nicht die seine, doch gerade das hat ihn doch ihn doch immer so sympathisch gemacht hat in dieser Welt des glattgebürsteten PR-Gelabers, oder? Und Unrecht kann der Mann, der King Kalli und König Otto als Trainer am „Betze“ erlebt hat, sowieso kaum gehabt haben – guckt doch mal auf die Ergebnisse, die der Schnösel seit Wochen produziert.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach, um wahr zu sein?

Selbst wer Boris Schommers unterstellt, er wäre zu verpeilt um zu realisieren, an wem er sich da vergeht – was an sich schon kaum glaubhaft ist –, denkt jemand ernsthaft, Leute wie Markus Merk und Rainer Keßler hätten nicht absehen können, was für eine Lawine sie lostreten, wenn sie eine Entlassung der Ikone Gerry Ehrmann zulassen? Dennoch sahen sie offenbar keinen anderen Ausweg. Und das nur, weil ein verblendeter Jungtrainer nach einer allzu harschen Anrede Pipi in den Augen hatte? Mit Verlaub: Da muss es triftigere Gründe gegeben haben.

ARBEITSVERWEIGERUNG? VON GERRY EHRMANN

Nachdem der FCK das Ende der 36 Jahre währenden Dienstzeit seiner Torwartlegende am Sonntagnachmittag zunächst mit einem schlanken Zweizeiler verkündete, schob er gestern ein ausführlicheres Statement nach. Darin ist die Rede von mehrfachen „massiven, substantiellen Beleidigungen, Arbeitsverweigerungen und Drohungen“, die Ehrmann sich gegenüber dem Trainerteam geleistet hätte.

Abermals mit Verlaub: Was „Beleidigungen“ oder „Drohungen“ sind, das kann bei einem Typen, der fraglos eigene Vorstellungen von einer deutlichen Ansprache hat, durchaus Interpretationssache sein, aber Arbeitsverweigerung? Gerry Ehrmann? Dass er das nicht auf sich sitzen lässt, müsste den Verfassern dieser Meldung eigentlich klar gewesen sein, die Reaktion erfolgte ja auch prompt: Im Interview mit Sport 1 kündigte Ehrmann nun rechtliche Schritte gegen den Verein an.

EIN ABSCHIED IN WÜRDE UND MIT ANSTAND MUSS MÖGLICH SEIN

Wir können da nur wünschen, dass beide Seiten möglichst schnell erkennen: Ein vielleicht mehrjähriger, von den Medien entsprechend begleiteter Rechtsstreit kann nicht im Sinne des Vereins sein, dessen „Wohl“ beiden Seiten ja zu allererst am Herzen liegt – das hat schließlich auch Ehrmann immer wieder betont. Unter dieser Prämisse sollten beide Parteien schleunigst einen letzten Dialog suchen und zu einer gemeinsamen Darstellung eines Abschieds finden, der wenigstens nach außen einigermaßen versöhnlich wirkt.

Nach 36 Jahren in Diensten des FCK, mit dem er Titel gewann und für den er als Torwarttrainer Großartiges geleistet hat, muss es eine Möglichkeit geben, Gerry Ehrmann zum Ausstand einen Weg zu ebnen, auf dem er sich vor einen jubelnden Westtribüne verabschieden und nach dem er auch künftig mit Applaus auf dem Betzenberg begrüßt werden kann.

Zurück zum Sport. 

SCHLECHTESTE XG-WERT IM DRITTEN HEIMSPIEL DES JAHRES

In den xG-Grafiken vom 0:0 gegen den FSV Zwickau bietet sich zunächst mal das gewohnte Bild. Schon klar, da kann man sich nichts für kaufen, aber: Der FCK hätte auch dieses Spiel gewinnen müssen. In der Aufrechnung der qualitativ bewerteten Torchancen ergeben sich Endwerte von 1.67 : 0,31 zugunsten der Lautrer.

Allerdings: Diese 1.67 markieren im dritten Heimspiel des Jahres den bislang schlechtesten Wert. Gegen Münster waren es 2,37, gegen Großaspach 2,36, sogar zuletzt in Braunschweig hatten sich Einschussgelegenheiten auf einen Gesamtwert 2,69 hochgeschraubt. Obwohl auch dieses Spiel für einen subjektiven Betrachter nicht so aussah, als würde Lautern ein Feuerwerk abbrennen.

2020-02-22 1437581 xG plot Kaiserslautern 0 - 0 FSV Zwickau.png

Die Offensivaktionen gegen Zwickau fielen also ein gutes Stück unklarer aus. Hoffentlich beginnt sich da kein Trend abzuzeichnen.

Und auch wenn Gegner der analytischen Betrachtungsweise von Fußballspielen jetzt laut lachen, wir bleiben dabei: Der FCK spielt in diesem Februar besser Fußball als vor einem Jahr zur gleichen Zeit. Zum Vergleich haben wir mal die xG-Timeline vom 0:0 gegen den Halleschen FC hervorkramt. 

2019-02-09 1204734 xG plot Kaiserslautern 0 - 0 Hallescher.jpg

Da war also in Tornähe deutlich weniger los. Und die Grafiken von den vier übrigen  Nullnummern, die Lautern 2018/19 zuhause verzeichnete, sahen nicht viel anders aus.

Auch wenn das nun wahrlich nichts mehr Neues ist: Ein sogenanntes Top-Team der Liga hätte aus den Einschussgelegenheiten der ersten halben Stunde den ersten Treffer markiert, sich dann zurückgezogen und auf „schnelles Umschalten“ gesetzt. Das kann in dieser Liga nunmal jeder besser. Oder es hätte einen ruhenden Ball verwandelt. Wie erbärmlich die beim FCK auch diesmal waren, offenbart einmal mehr der Pitchplot.

2020-02-22 Pitch plot Kaiserslautern 0 - 0 FSV Zwickau.png

Die Positions- und Passgrafik zeigt, dass der Ball im Prinzip auch ordentlich zirkuliert. Allerdings gibt eine solche Visualisierung keinen Aufschluss darüber, wieviel Druck und Dynamik hinter den Pässen steckt – daran hapert es nämlich. Oder, wie Martin Wagner, einst Spieler, heute Aufsichtsratsmitglied, es in den sozialen Medien ausdrückte: „Die Gier, ein Tor zu erzielen“, wird nicht sichtbar, nicht in dieser Grafik und leider auch nicht auf dem realen Spielfeld.

2020-02-22 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - FSV Zwickau.png

Zur Abwechslung auch mal wieder die Darstellung der „Zone 14“-Aktivitäten, aber auch nur, um den Vergleich zum Vorjahr zu suchen. So sah das Spiel aus dem Zehnerraum gegen Zwickau im Februar 2020 aus:

2020-02-22 Zone 14 plot Kaiserslautern - FSV Zwickau.png

Und so gegen Halle im Februar 2019:

2019-02-09 Kaiserslautern Zone 14 plot Kaiserslautern 0 - 0 Hallescher.jpgUnd auch das war kein Einzelfall. Keine Frage, die Spielanlage des FCK ist dominanter und auch strukturierter geworden. Nur: Die viel zitierte „Effektivität“ fehlt, und gegen Zwickau hatte man den Eindruck, den Offensivkräften käme so langsam etwas abhanden, was sich, wenn man das Wort „Gier“ nicht benutzen will, am besten vielleicht mit „geistiger Frische“ bezeichnen lässt.

Zum Derby gegen SV Waldhof Mannheim könnte da ein wenig Blutauffrischung gut tun. Wie wär’s mal mit Simon Skarlatidis in einer zentralen Position. Gegen Zwickau schmorte der 28-Jährige, der eigentlich immer für eine überraschende Aktion gut ist, 90 Minuten auf der Bank.

Text: Eric Scherer

Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Grafiken: 11tegen11