Mannheim gegen Lautern, ein Hass-Duell? „Der Chef“ und „de Fritz“ hätten da nur den Kopf geschüttelt

Fußballfans „erziehen“ zu wollen, ist im Grunde ziemlich aussichtslos. Insofern sind Plädoyers „für ein friedliches Fußballfest“ vor einem Derby wie dem, das am Samstag zwischen dem SV Waldhof Mannheim und dem 1. FC Kaiserslautern ansteht, sicher gut gemeint und in der Ablaufroutine auch notwendig. Aber wirklich daran ändern werden sie nichts, dass sich über Jahrzehnte aufgestaute Hassgefühle im und vor dem Carl-Benz-Stadion Bahn brechen. Dass die Abneigung über die übliche Lokalrivalität hinausgeht, ist etlichen kleineren und größeren Episoden geschuldet, die sich über die Jahr aufsummierten. Beidseitige Provokationen auf und außerhalb des Platzes, hitzige  Duelle mit einer Unmenge gelber und roten Karten und, und, und. Schade nur, dass bestimmte Gesten, die ein gewisser Waldhof-Stürmer nach einem erzielten Treffer in die „West“ machte, sich tiefer ins Gedächtnis der Fans gebrannt haben als die enge Beziehung der beiden größten Söhne ihrer Herzensvereine. Sie machte den größten Triumph möglich, den eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft jemals feiern durfte. Der große Journalist Jürgen Leinemann hat es sogar eine „Liebesgeschichte“ genannt, was Sepp Herberger und Fritz Walter verband. An sie sei vor diesem „Hass-Duell“ erinnert.

„Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Der Satz gehört unverkennbar Sepp Herberger und gilt fast schon als Vermächtnis des deutschen Nationaltrainers, der  am 4. Juli 1954 Fußball-Weltmeister wurde, im Finale Ungarn 3:2 schlug, als krasser Außenseiter – und das macht diesen WM-Titel zum größten und wichtigsten, den eine deutsche Nationalmannschaft je gewann. Ungarn war haushoher Favorit, in den 31 Partien vor diesem Finale durchgehend ungeschlagen geblieben.

Der Satz gilt vielen aber auch als Beleg dafür, wie einfach Fußball damals noch gedacht wurde. Da galt „Elf Freunde müsst ihr sein“ eben noch als die oberste Vorgabe, die ein Trainer seiner Mannschaft mit auf den Weg gab, oder etwa nicht?

Von wegen. 

SEPP HERBERGER – DER PEP GUARDIOLA SEINER ZEIT

Wie sehr wird Sepp Herberger doch unrecht getan, wenn er auf diesen Satz reduziert wird. Tatsächlich hat „der Chef“ diese und andere Plattheiten lediglich nervenden Medienvertretern serviert. Weil er nicht einsah, weshalb er sich die Mühe machen sollte, mit diesen Ignoranten, die doch nur auf billige Schlagzeilen aus sind, vernünftig über Fußball zu reden. In dieser Beziehung war Herberger dem späteren Bremer und Lauterer Meistertrainer Otto Rehhagel nicht unähnlich.

Tatsächlich aber war „der Chef“ der Pep Guardiola seiner Zeit, nicht mehr und nicht weniger.

Kein anderer studierte in diesen Jahren so akribisch den Fußball der anderen. Zerlegte ihn in seine einzelnen Elemente, um diese anschließend so wieder zusammenzusetzen, dass dabei das Beste für sein Team herauskam. So gelang es Herberger beispielsweise, die beiden damals gängigen Fußballstile miteinander zu kombinieren: Den kraftvollen, raumgreifenden der Engländer, der auch im  Norden Deutschlands bevorzugt wurde, und die kurzpassbetonte Spielform, die die Österreicher in den 1920er Jahren kultiviert hatten und dem vor allem Vereine in Süddeutschland nacheiferten. Tobias Escher hat dies in seinem Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“ schön zusammengefasst.

DIE „FALSCHE NEUN“? DIE KANNTE SCHON DER CHEF

Schon in der 1930er Jahren schulte Herberger seine Jungs, „in Ballnähe Überzahl herzustellen“. Trainieren ließ er, wie später Guardiola, am liebsten mit dem Ball. Reine Kraftmeierei war Herberger zuwider, und das in einer Zeit, in der viele Vereine ihre  Übungseinheiten von Zuchtmeistern mit militärischem Hintergrund gestalten ließen. Auch auf die Ernährungsgewohnheiten seiner Jungs hatte Herberger ein Auge – Jahrzehnte, bevor die reichen Klubs der Welt auf die Idee kamen, eigene Köche für ihr kickendes Personal einzustellen.

Zudem ließ er seine Stürmer gerne während des Spiels die Positionen wechseln – so, wie es hippe Trainer von heute ebenfalls schätzen. Dabei gefiel dem „Chef“ besonders das Mittelstürmerspiel, mit dem der Österreicher Matthias Sindelar schon in den 1920er Jahren brilliert hatte. Er hatte sich immer wieder aus dem Sturmzentrum herausfallen lassen und so die Abwehrspieler des Gegners irritiert. Auf diese Weise schaffte er Raum für die statt seiner in die Mitte preschenden Mitspieler, die Sindelar mit präzisen „tödlichen“ Pässen zu bedienen verstand. Auch der Mittelstürmer der Ungarn, Nandor Hidegkuti, gefiel sich in dieser Rolle, wie Herberger wusste.

Jahrzehnte später sollte sie Pep Guardiola mit seinem Superstar Lionel Messi beim FC Barcelona wieder populär machen. Die Fachmedien tauften den fallenden Mittelstürmer „falsche Neun“ und feierten nun als neue taktische Weltsensation, was eigentlich eine Renaissance war.

FRITZ WALTER SOLLTE HERBERGERS MESSI WERDEN 

Auch Herberger wollte in seinem Nationalteam einen solchen Mittelstürmer. Für die Rolle hatte er sich auch schon einen Kandidaten ausgeguckt, und das schon in den letzten Länderspielen, die im Kriegsjahr 1941 ausgetragen wurden. Der Auserwählte  des Mannheimers hieß Fritz Walter und spielte beim 1. FC Kaiserslautern. 

Herberger bemühte sich stets, selbst während der größten Kriegs- und Nachkriegswirren den Kontakt zu Walter und seinen übrigen Nationalspielern aufrecht zu erhalten. Der Trainer, der selbst keine eigenen Kinder hatte, liebte seine Nationalspieler wie Söhne, heißt es. Und ganz besonders liebte er diesen einen Lautrer. Ihm schrieb er die meisten Briefe. Um seine Position im Fußballverband zu bewahren und seine Söhne so oft wie möglich mit Länderspiel-Berufungen und anderen offiziellen Einladungen vor todbringenden Fronteinsätzen zu schützen, legte er sich auch ein NSDAP-Parteibuch zu, obwohl er mit Politik nichts am Hut hatte und erst recht nicht mit der NS-Rassenideologie.

Als es in den früher Fünfziger Jahren dann darum geht, eine neue Nationalelf zu formen, will Herberger endlich seinen lange gefassten Plan verwirklichen und diese um Fritz Walter herum aufbauen. Dazu will er ihm ein möglichst vertrautes Umfeld schaffen.

DER CHEF STAND AUF LAUTRER – UND WIE

Drum nominiert Herberger noch einige Teamkameraden Walters: den beinharten Stopper Werner Liebrich, den manche für den Erfinder der sogenannten „Blutgrätsche“ halten. Den Athleten Werner Kohlmeyer, dem man angesichts seiner enormen Physis gar nicht glauben mag, dass er im zivilen Leben als Lohnbuchhalter in der Lautrer Kammgarn-Spinnerei beschäftigt ist. Den Läufer Horst Eckel, den „Windhund“, der niemals müde zu werden scheint und der mit knapp 20 Jahren der „Benjamin“ des 1954er WM-Teams wird.

Und natürlich Ottmar Walter, der eigentlich der vier Jahre jüngere Bruder vom Fritz ist, den der große aber unbedingt an seiner Seite braucht. Der Fritz neigt nämlich dazu, die Ohren hängen zu lassen, wenn es mal nicht läuft. Und Herberger kennt natürlich auch die Episode, die man sich vom Finale um die Deutsche Meisterschaft 1951 erzählt…

„DE FRITZ“ BRAUCHTE „DE OTTES“, UM SICH AUFZURICHTEN

Der FCK liegt gegen Preußen Münster 0:1 zurück, und Fritz Walter will aufgeben. Da packt Ottmar den Bruder an Schultern und rüttelt ihn, wie 85.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion sehen können. Was er ihm ins Gesicht schreit, hören die wenigsten: „Stell dich nicht so an! Noch ist nichts verloren!“ Ein paar Minuten später serviert Fritz dem Ottmar den Ball zum 1:1-Ausgleich. Der FCK dreht die Partie und sichert sich seine erste Deutsche Meisterschaft.

Damit „de Ottes“ auch im Nationalteam seinen guten Einfluss auf „de Fritz“ ausüben kann, opfert Herberger für ihn sogar die Rolle, die er seinem Schlüsselspieler schon vor Jahren zugedacht hat: die der „falschen Neun“. Denn auch Ottmar Walter ist Mittelstürmer, durchaus ein ebenfalls recht beweglicher, allerdings nicht unbedingt einer, der sich fallen lässt. Also übernimmt Fritz Walter eine der beiden offensiven Mittelfeldspieler-Positionen und überlässt dem Bruder das Sturmzentrum.

DER WM-SIEG: DER TRIUMPH DES TAKTIKFUCHSES UND SEINES STRATEGEN 

Herberger hält auch an seinem Lautrer Mannschaftsgerüst fest, als der FCK wenige Wochen vor der WM das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen Hannover 96 mit 1:5 verliert.

Dass er auch im WM-Endspiel den Ungarn mit seinen taktischen Ideen einiges von ihrer Übermächtigkeit nahm, ist ja dann doch wenigstens einigermaßen bekannt geworden. Den „falschen Neuner“ Hidegkuti verfolgt nicht der Stopper Liebrich, sondern der „Windhund“ Eckel, dafür kümmert sich „Werner beinhart“ mit liebevoll brachialer Härte um Ungarns „General“ Ferenc Puskás. 

Fritz Walter tritt im WM-Finale gar nicht mal so sehr in Erscheinung. „De Fritz“ hat seine Galavorstellung bereits im Halbfinale gegeben, beim 6:1 gegen Österreich. Er schlägt die Flanke zu Hans Schäfers Führungstreffer, tritt zwei Ecken, aus denen Max Morlock und Ottmar Walter Tore machen und verwandelt selbst zwei Elfmeter.

DER WELTMEISTER MIT DEN TRAURIGEN AUGEN

Vom 4. Juli 1954 sei hier lediglich eine Szene wiedergegeben, die sich nach dem Spiel ereignete. Der Journalist und Schriftsteller Johannes Ehrmann beschreibt sie so: 

„Mit hängenden Schultern schleicht der pitschnasse Kapitän hinüber zu seiner Mannschaft. In der rechten Hand hält er den Goldpokal. Geht so ein Sieger? Am Spalier seiner Mitstreiter vorbei erreicht er Sepp Herberger, den trenchcoattragenden Vater dieses Erfolgs. Ihm will er die Trophäe in die Hand drücken, diese ungeheure Last. Doch der Chef will davon nichts wissen, er dreht seinen besten Spieler energisch, fast barsch am Arm halb um die eigene Achse. Fritz Walter muss nun Fotografen, Offiziellen, den Massen auf der Tribüne direkt in die Augen sehen. Die Öffentlichkeit wird ihren Blick nicht mehr abwenden. Dieser Mann mit den traurigen Augen ist – auf ewig – der Weltmeister aller Deutschen.“

Wie? „De Fritz“, Weltmeister aller Deutschen, „ein Mann mit traurigen Augen?“ Ja, doch, so war er, „der Mann, der Kaiserslautern erfunden hat“. Das hat angeblich mal ein Schulbub in einem Aufsatz geschrieben, und sein Lehrer hat die Formulierung später öffentlich gemacht. Seither taucht sie beinahe in so ziemlich jedem Vortrag über „de Fritz“ auf.

GUT, DASS DAMALS NOCH NIEMAND ÜBER „KÖRPERSPRACHE“ SINNIERTE

Gesungen werden die Lieder auf „de Fritz“ meist von zum Teil selbsternannten Brauchtumsbewahrern, die für sich beanspruchen, „im Geiste Fritz Walters“ zu sprechen, wenn sie ans Traditionsbewusstsein des FCK, an Ehre und Anstand des deutschen oder des internationalen Fußballs oder am besten gleich der ganzen Welt überhaupt appellieren.

„De Fritz“ kann wirklich froh sein, das Zeitalter der „Selfies“ nicht mehr erlebt zu haben, denn die Zahl derer, die sich an seine Seite gewanzt hätten, um ein eben solches mit ihm zu schießen, ginge in die Hunderttausende. Fritz Walter ist pfälzisches Nationalheiligtum und deutsches Kulturgut. Dabei wollte er selbst das alles eigentlich gar nicht sein. „Helden?“, soll er mal sinniert haben, „Helden fallen im Krieg“.

Glück hat er auch gehabt, dass er nie ins Beurteilungsraster derer fiel, die heute so gern über „Körpersprache“ schwadronieren, über „Siegertypen“ und „Mentalitätsmonster“. Sie hätten dem zurückhaltenden jungen Mann vielleicht schon früh sein Talent ausgeredet. Und aus dem „klää Fritzje“, dem Zwölfjährigen, dem FCK-Fans in den 1930er Jahren so gern zusahen, dass sie schon Stunden, bevor die Erste Mannschaft spielte, auf den Betzenberg pilgerten, wäre niemals Friedrich, der Große, geworden.

DIE GROSSEN ERFOLGE KONNTE „DE FRITZ“ ERST MIT ÜBER 30 FEIERN

Und er hätte keine 384 Liga-Spiele und 327 Tore im FCK-Dress gemacht, keine 61 Länderspiele mit 33 Treffern. Und das, obwohl ihm der Krieg die besten Fußballerjahre genommen hatte. Mindestens einmal hat ihm der Fußball aber auch das Leben gerettet. Als er nach Kriegs­ende mit seiner Einheit in Gefangenschaft geraten war, blieb ihm der  Abtrans­port in ein sowjetisches Lager erspart, weil unga­ri­sche Soldaten den Nationalspieler wiedererkannten. Vor dem Krieg hatte Walter bei einem 5:3-Sieg Deutschlands in Budapest gezaubert – und war dem Publikum unvergessen geblieben.

Umso dankbarer war „de Fritz“ für das, was er danach noch erleben durfte. Mit 31 Jahren feierte er 1951 seine erste Deutsche Meisterschaft mit dem 1. FC Kaiserslautern, zwei Jahre später de zweite. Als er Weltmeister wurde, war er bereits 34 Jahre alt. Und 36, als er in Aue sein Jahrhunderttor schoss, mit der Hacke im Vorwärtsfallen über den eigenen Kopf, ein sogenannter „Skorpion-Kick“, den er lange geübt hatte.

HÄTTE JOACHIM FEST DOCH NUR RECHT GEHABT 

Die Nachrufe, die nach seinem Tod am 17. Juni 2002 verfasst wurden, könnten ein backsteindickes Buch füllen. Hans-Joachim Redzimski, Lokalchef der Lautrer „Rheinpfalz“-Ausgabe, beließ es bei wenigen Worten. Er schilderte, wie er sich einst als junger Reporter bei Fritz Walter vorstellte und diesen mit „Herr Walter“ ansprach. „Ich bin nicht der Herr Walter“, antwortete dieser, „ich bin der Fritz Walter.“ Die kurze Reminiszenz hätte dem Fritz sicher besser gefallen als manche seitenlange Eloge, die über ihn ausgeführt wurde.

 Oft und gerne zitiert wird eine Aussage des großen Historikers Joachim C. Fest: „Es gibt drei Grün­dungs­väter der Bun­des­re­pu­blik: poli­tisch ist es Ade­nauer, wirt­schaft­lich Erhard und mental Fritz Walter.“ Ein Satz, der jeden Pfälzer – und erst recht jeden FCK-Fan, aber welcher echte Pfälzer ist das nicht – bis heute rührt.

Doch wie schön wäre dieser Satz erst, wenn er jemals gestimmt hätte. Wenn die Deutschen tatsächlich irgendwann einmal „mental“ so drauf gewesen wären wie Fritz Walter. Oder es sogar heute noch wären. Es gäbe keinen Fremdenhass, keinen Neid, keine Geltungs- und Großmannssucht. Alle übten sich in Zurückhaltung und Bescheidenheit, und jeder hätte jederzeit ein gutes Wort für den anderen übrig. Kurz: Wir lebten in einem perfekten Deutschland.

Und keinem Lautrer fiele es ein, einen Mannheimer „Barackler“ zu nennen.

Text: Eric Scherer

Foto: Andreas Schlichter/Bongarts/Getty Images