Nur Außenseiter im Derby? Wie sagte schon Otto R.: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“

Eines muss man Boris Schommers lassen. Nicht nur, dass er sich nichts anmerken lässt angesichts des gewaltigen Drucks, der mittlerweile auf ihm lasten muss – er war bei der Pressekonferenz des 1. FC Kaiserslautern vor dem Spiel gegen SV Waldhof Mannheim am morgigen Samstag, 14 Uhr, der einzige, der auf Lautrer Seite echte Vorfreude auf das große Südwestderby vermittelte. Seit sechs Spielen ohne Sieg, von den Fans für die Entlassung von Torwartikone Gerry Ehrmann verantwortlich gemacht und jetzt ausgerechnet diesen Gegner vor der Brust, gegen den kein Lautrer verlieren will, der aktuell aber vor Selbstbewusstsein strotzt: Da würde so mancher ziemlich übernächtigt aussehen. Doch der Trainer des 1. FC Kaiserslautern blickt dem Spiel mit ungebrochener Zuversicht entgegen – und wirkt gut ausgeruht.

„Druck kann man negativ wie positiv sehen“, so Schommers. „Und wir machen uns unseren Druck doch selbst: Wir wollen wieder Spiele gewinnen.“ Zur Causa Gerry Ehrmann haben Verein und Spieler öffentliches Stillschweigen auferlegt, bis die Angelegenheit endgültig geklärt ist. Ein erstes Gespräch am vergangenen Mittwoch brachte noch keine Annäherung. 

Zu den Anfeindungen, die er erfuhr, seit er den langjährigen Torwarttrainer vergangenen Sonntag nach Hause schickte, erklärte Schommers lediglich: „Es gehört zu meinem Job, mit solchen Situationen umzugehen. Ich konzentriere mich darauf, solche Dinge von meiner Mannschaft fernzuhalten.“

CIFTCI, HERCHER, BJANARSON WIEDER IM KADER – BACHMANN FEHLT

  In diese könnten zum Waldhof-Spiel der zuletzt rotgesperrte Hikmet Ciftci sowie die angeschlagenen Philipp Hercher und Andri Runar Bjanarson zurückkehren. Fehlen wird dagegen Janik Bachmann, der nach fünf Gelben Karte für eine Parte gesperrt ist. Als Nachrücker für ihn dürfte Ciftci erster Kandidat sein. 

Ob es ansonsten Wechsel in der Startformation gibt, ließ der Trainer wie immer offen: „Es geht darum, die elf Spieler zu finden, die am ehesten den Ball ins Tor kommen, denn das ist unser größtes Manko. Und die, die den besonderen Charakter dieses Derbys annehmen können.“

DER WALDHOF HAT ERST DREI SPIELE VERLOREN – ABER ALLE ZUHAUSE

Der besondere Charakter dieses Derbys? Da könnte man jetzt viel drüber schreiben. Beschränken wir uns auf ein paar nüchterne Fakten. Waldhof ist aktuell Tabellendritter, hat zuletzt beim Tabellenführer MSV Duisburg gewonnen, in dem die Mannschaft von Bernhard Trares aus einem 0:2-Rückstand noch ein 3:2 machte. In der gesamten Runde hat der Aufsteiger erst drei Mal verloren, in der Regionalliga-Saison davor waren ihr Niederlagen bereits ab dem 13. Spiel fremd. Wenn Trainer Trares nun davon spricht, dass es in einem Derby keinen Favoriten gibt, dann klingt das lediglich nach professionellem Understatement. 

Was überhaupt für den Tabellen-14. aus Lautern spricht – außer, dass er endlich mal wieder aus einer Außenseiter-Rolle operieren darf, die eigentlich immer die angenehmere ist? Die Waldhöfer haben ihre drei Niederlagen allesamt zuhause kassiert. Und vor eigenem Publikum auch erst drei Mal gewonnen. Richtig stark trumpft die Trares-Truppe vorzugsweise in der Fremde auf.

DER WALDHOF, DIE BILLIGSTE MANNSCHAFT DER LIGA – ECHT JETZT?

Und noch was, was eher ins Ressort „Fun-Facts“ gehört: Der „Marktwerttabelle“ von transfermarkt.de spielt der Tabellen-4. gegen den Tabellenletzten. Im Ernst: Der SV Waldhof ist dort als die „billigste“ Mannschaft der Liga gelistet. Wir vermuten mal, dass diese Aufstellung bald eine Aktualisierung erfahren wird. 

Die Lautrer Spieler indes sollten diese Tabelle in ihrer gegenwärtigen Gestaltung so interpretieren, als dass sich ihnen am Samstag um 14 Uhr eine tolle Gelegenheit bietet zu zeigen, dass sie tatsächlich „mehr wert“ sind als ihre Gegner. Ganz im Geiste eines gewissen Otto R.: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“

LIZENZ FÜR 2020/21: VOIGT IST ZUVERSICHTLICH

Spaß beiseite. Der donnerstäglichen PK wohnte auch Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt bei. Einmal, um zum aktuellen Status des Lizenzierungsverfahrens für die kommende Saison zu informieren. Die Unterlagen würden am heutigen Freitag „hochgeladen“, so Voigt, auf dass die DFB-Prüfer darauf zurückgreifen können – geschickt wird dergleichen schon lange nicht mehr. Und natürlich ist Lauterns Finanzchef zuversichtlich, voraussichtlich im April eine Lizenz „mit Auflagen und Bedingungen“ zu erhalten.

Mit „Auflagen und Bedingungen“ deshalb, weil die gegenwärtigen Berechnungen des FCK noch auf einer Reihe von Annahmen berufen, die sich bis spätestens Ende Mai als richtig erweisen müssen. Bis dahin gilt es, für die Saison 2020/21 Liquidität in Höhe von elf Millionen Euro sicherzustellen. Dass da noch einiges an Investorengeld benötigt wird, liegt auf der Hand. Gespräche laufen, konkrete Wasserstandsmeldungen gibt Voigt nicht ab, verweist statt dessen und wie üblich auf deren Vertraulichkeit. 

Zu den „Annahmen“, auf denen die Lautrer Berechnungen beruhen, zählt auch, dass die von ihm angegebene Stadionpacht in Höhe von 625.000 Euro für eine Saison Dritte Liga vom Lautrer Stadtrat endgültig verabschiedet wird. Dazu hat dieser kommenden Montag Gelegenheit. Wär zumindest mal ein Mutmacher, wenn es so käme.

CAUSA EHRMANN: MERK-INTERVIEW GIBT AUFSCHLÜSSE

Zur Causa Ehrmann ließ sich auch Voigt nichts entlocken. Dafür äußerte sich Aufsichtsratssprecher Markus Merk in einem Interview mit dem „Mannheimer Morgen“ nicht unbedingt konkret, aber doch so, dass sich einige vorsichtige Rückschlüsse ziehen lassen.

„Wir haben uns im Hintergrund schon Gedanken gemacht: Wie schaffen wir es, mit ihm weiter in die Zukunft zu schauen, denn als Sportler wird man auch nicht jünger“, erklärt Merk beispielsweise. Angesichts der Tatsache, dass Ehrmanns Vertrag in diesem  Sommer ausgelaufen wäre, lässt diese Aussage vermuten, dass der Verein zumindest mit dem Gedanken spielte, das Arbeitspapier gegebenenfalls nicht zu verlängern. 

Eine Situation, die für Ehrmann ungewohnt gewesen sein muss und die den Umgang mit einem impulsiven Charakter wie ihm bestimmt nicht erleichterte. In all den Jahren zuvor war die Entscheidung, ob er seinen Vertrag verlängert, stets von ihm allein abhängig gewesen. Dass der Verein sich nichts anderes wünschte, durfte er immer als selbstverständlich voraussetzen.

DAS PROBLEM WIEDER MAL: EIN „LEAK“ LEISTET BÄRENDIENSTE

Merk erklärt aber auch, dass er von der Entscheidung des vergangenen Sonntags, Ehrmann vom Training zu suspendieren, überrascht wurde und keine Möglichkeit mehr hatte zu reagieren: „Wir hatten überhaupt keine Chance, diese Lawine zu stoppen.“ Und: „Wir konnten auf die Geschehnisse – nahezu im Endstadium – nur noch reagieren.“

Wir erlauben uns mal die Spekulation: Wäre die Suspendierung hinter verschlossenen Türen erfolgt, hätten sich alle Beteiligten vielleicht auf eine würdige Inszenierung des Ehrmannschen Abgangs einigen können, etwa auf eine Beurlaubung des Angestellten bis zu Saisonende, offiziell vielleicht sogar „auf dessen eigenen Wunsch“. Und dann hätte man die Ikone zum letzten Heimspiel der Saison vor einer jubelnden Westtribüne verabschieden können. So wäre es sicher auch Ehrmann selbst am liebsten gewesen.

WIE ES WEITERGEHT? JETZT IST ERST EINMAL DERBY-TIME

Klappte aber nicht, weil irgendjemand bereits die Zeitung mit den großen Buchstaben verständigt hatte, noch bevor Merk oder auch sein Stellvertreter Rainer Keßler deeskalierend eingreifend konnte. Wer dem ohnehin schon genug gebeutelten  Verein diesen erneuten Bärendienst erwies, dazu kreisen seit Tagen Gerüchte um den Betzenberg, an deren Verbreitung wir uns nicht beteiligen möchten.

Jetzt stehen gegen Gerry Ehrmann Vorwürfe wie „Bedrohung, Beleidigung und Arbeitsverweigerung“ im Raum, verfasst in einem offiziellen Statement des Vereins. Das dürfte seiner Bereitschaft, einen versöhnlichen Abschluss zu finden, gegen Null tendieren lassen.

Doch nun ist erst mal Derby-Time. Dass ein Erfolgserlebnis die Wogen im Lautrer Lager empfindlich glätten könnte, muss wohl niemandem erklärt werden. Was eine Niederlage bewirken könnte? Sich darüber Gedanken zu machen, lohnt erst am morgigen Samstag um 15.45 Uhr.