Kein Sieger im Derby, aber: Lautern war näher dran

Sie waren so kurz davor. Vier Minuten reguläre Spielzeit fehlten dem 1. FC Kaiserslautern noch, um im Derby gegen den SV Waldhof Mannheim als Sieger vom Platz zu gehen. Doch dann schlug der Fehlerteufel zu. Die Lautrer kassierten wieder einmal mehr einen Gegentreffer nach einem ruhenden Ball – wenn die Statistiker richtig gerechnet haben, zum 18. Mal in dieser Saison. Das ist mehr als ärgerlich, denn so wird eine eigentlich zufriedenstellende Leistung nicht zur Befriedung des Umfelds am Betzenberg beitragen, in dem es derzeit an vielerlei Ecken rumort. Trainer Boris Schommer kann da nicht sicher nicht alles beeinflussen, doch solange ihm nicht gelingt, seiner Mannschaft eine bessere Verteidigung von Standardsituationen zu vermitteln, wird der FCK wohl auf Tuchfühlung zu den Abstiegsrängen bleiben.

Zu diesem Derby, das Lautern auf keinen Fall verlieren durfte, nahm der Coach drei personelle Wechsel in seiner Startelf vor. Für den gelbgesperrten Janik Bachmann rückte erwartungsgemäß Hikmet Ciftci ins zentrale Mittelfeld, für Alexander Nandzik übernahm der wieder genesene Philipp Hercher die linke Verteidigerposition – und Manfred Starke kam für Hendrick Zuck.

Die Nominierung des vielseitigen Offensivspielers warf direkt die Frage auf: Wie würde Schommers ordnen formieren? Denn Starke, Florian Pick, Christian Kühlwetter und Timmy Thiele in einer Startelf, das erlaubt viele Varianten.

WÄR SCHÖN GEWESEN UND WAR AUCH MÖGLICH: DIE FRÜHE FÜHRUNG 

Nach ein paar Minuten wurde deutlich: Gegen den Ball ordnete sich der FCK in einer 4-4-2-Formation.  Mit dem Ball trat er zunächst sehr variabel auf, was in der Waldhöfer Hintermannschaft schon nach sechs Minuten das erste Mal Verwirrung stiftete. Nach einer Kühlwetter-Flanke von rechts taucht Rechtsverteidiger Dominik Schad in einer 1a-Kopfballposition im Sturmzentrum auf, bekommt mit seinen 1,76 Meter Körpergröße aber den Schädel nichts ans Spielgerät. Echt schad.

Kurz darauf wirbelt sich Pick auf der rechten Seite durch, flankt auf den kurzen Posten, wo sich Lauterns Innenverteidiger Kevin Kraus nach einem kurz zuvor ausgeführten Standard noch aufhält. Und der scheitert aus kurzer Distanz am stark reagierenden Waldhof-Keeper Timo Königsmann. Die Gnade einer frühen Führung, sie wird dem FCK auch in dieser Partie nicht zuteil, das ist schon krauslig.

PICK KOMMT WIEDER ÜBER LINKS, TRIFFT ABER NUR BEINAHE

Danach finden die Offensivspieler zunehmend in feste Positionen. Kühlwetter rechts, Thiele in der Mitte, Starke – und nicht etwa Pick – gibt die bewegliche, auch mal zurückfallende Spitze. Pick kehrt auf linke Flügelposition zurück, auf der er auch in diese Spielzeit startete. 

Im Folgenden wünscht man sich sogar des öfteren, das Quartett würde wieder so flexibel agieren wie in den Anfangsminuten. Knipsertalent Kühlwetter könnte doch mit Thiele tauschen, auf dass dieser einen seiner langen Sprints über die rechte Seite anziehen kann, ebenso Starke mit Pick, um diesen noch unberechenbarer zu machen. 

Immerhin: Kurz vor der Pause hat Pick mal wieder eine von den Szenen, die er in der Vorrunde mehrmals erfolgreich abschloss. Er zieht in Robben-Manier, aber eben seitenverkehrt, vom linken Flügel nach innen, schließt mit dem rechten Fuß ab – und scheitert abermals an Königsmann.

STARKE MUSS RAUS, ZUCK KOMMT

Und Starke, der unter Schommers-Vorgänger Sascha Hildmann eine wichtige Rolle spielte, nach dem Trainerwechsel aber nur noch Einwechselspieler zum Einsatz gekommen war? Zeigt durchaus, dass er sich mit seiner überlegten Art in diesem Nervenspiel fruchtbar einbringen kann, aber auch, warum er bei Schommers bislang nicht unbedingt Startelf-Kandidat war: Er kommt öfter zu spät in die Zweikämpfe, was schon nach 13 Minuten zu einer Gelben Karte führt, weswegen er fortan am Rande des Platzverweises wandelt.

Nach 55 Minuten wird Starke gegen Hendrick Zuck ausgetauscht, der daraufhin die offensive linke Seite übernimmt. Pick übernimmt wieder die zentrale Offensivposition, die ihm alle Freiheiten erlaubt – und aus der bereitet er auch Lauterns Führungstreffer vor.

VOR DEM 1:0: LAUTERN HATTE DIE KLAREREN AKTIONEN

Zuvor hatte Königsmann ein weiteres Mal gerettet. Diesmal gegen Hercher, der eine Kopfballablage von André Hainault abzuschließen versuchte. Nach einer Freistoßflanke von Pick übrigens. Also mal beinahe ein Tor nach einer Standardsituation. Immerhin.

Das Spiel bis zum Führungstreffer: Hochspannend, konzentriert, umkämpft, aber von beiden Seiten nicht mit wirklichem Willen zum Risiko geführt. Im Ganzen ausgeglichen, aber: Lautern hatte in diesem Abnutzungskampf vor dem Tor die zwei, drei klareren Aktionen mehr, von denen Drittligisten, die sich in der Tabelle weiter nach oben orientieren wollen, eine reinmachen. Und die Führung dann über die Zeit bringen. Oder ausbauen, tiefstehend und mit „schnellen Umschaltspiel“.

ZUCK: GENIAL ODER GLÜCKLICH? IST DOCH EGAL

Der Führungstreffer: Grill schlägt mal lang ab – sieht man im FCK-Spiel nicht so häufig. Thiele verlängert mit dem Kopf, Kühlwetter steckt auf Pick durch, der nun mal wieder über rechts kommt – und flankt. Und dann ist die Box mal so besetzt, wie der Trainer sich das vorstellt, bei einer Rechtsflanke von Thiele in der ersten Hälfte etwa war sie’s noch nicht: „Der ballferne Flügelspieler geht aufs lange Eck.“ 

Also Zuck. Und der trifft, recht unorthodox. Ob’s Genialität ist oder Glück oder, im Zweifelsfall, ein bisschen was von beidem, möge der Betrachter selbst entscheiden.

Lautern führt. Im Derby. Es gibt also noch Hoffnung. Dass, so etwa um 16 Uhr, das Leben als FCK-Fan wieder ein Stück lebenswerter sein könnte.

DER AUSGLEICH DEUTET SICH DIREKT AN

Aber: Dass diese Mannschaft es sich selbst schwer machen wird, die Führung über die Zeit zu bringen, deutet sich schon eine Minute später an. Ein kurzer Vertikalpass in die Box eröffnet Waldhof-Stürmer Valmir Sulejmani die bislang beste Einschussposition für Mannheim im ganzen Spiel. 

Grill verpasst die Sekunde, sich ihm entgegen zu stürzen, macht sich lieber breit und erwartet den Schuss. Das könnte ganz schön schiefgehen, aber Sulejmani trifft nur das Außennetz.

Der Ausgleich nach einer Ecke kündigt sich schon in der 83. Minute an. Waldhof-Innenverteidiger Michael Schultz darf am langen Eck die Hereingabe des eingewechselten Mohamed Gouaida knapp vorbei köpfen. 

Drei Minuten später ist es soweit. Nächste Gouaida-Ecke, diesmal aufs kurze Eck, eine Kopfballverlängerung, in der mit dem eingewechselten Lucas Röser sogar ein Lautrer Aktien zu haben scheint, diese landet in der Mitte beim freistehenden Waldhof-Sechser Marco Schuster und der bedankt sich nicht einmal – 1:1. Nichts wird’s mit dem Derby-Sieg.

WIE MAN SICHER SELBER DRUCK AUFBAUT

In der Fehleranalyse sollte aber auch erwähnt werden: Die entscheidende Ecke hat Grill verursacht, weil er eine Freistoßflanke über die Torlatte lenken musste, der wiederum ein Freistoß vorausging, den Carlo Sickinger durch ein absolut unnötiges Foul verursachte. So baut man sich den Druck, der irgendwann zum entscheidenden Fehler führt, selbst auf.

Die generellen Einschätzungen nach der Partie passen irgendwie ins Bild: Die Waldhöfer sprechen mehrheitlich von einem leistungsgerechten Unentscheiden, die Lautrer, in persona Trainer Schommers, sind der Ansicht, dass sie den Sieg eher verdient hatten. Recht haben wir irgendwie beide.

OB KRAWALL, OB ERGEBNIS: ES HÄTTE SCHLIMMER KOMMEN KÖNNEN

Unkommentiert bleiben sollen hier die Pyro-Aktionen und die versuchten Platzstürme, mit der Teile beider Fanlager dieses Derby „bereicherten“. Denn wer diesen Gruppierungen mit dem erhobenen Zeigefinger kommt, macht sich ohnehin nur lächerlich.

Geldstrafen hageln wird’s nun wieder mal wohl für beide Klubs, die Lautrer trifft dergleichen derzeit wohl härter als die Mannheimer. Mehr gibt’s dazu nicht sagen. Die Polizei zog am Ende jedenfalls einigermaßen zufrieden Bilanz, etwa in der Art „Es hätte auch schlimmer können.“ Das kann man auch generell über dieses Derby sagen.

Text: Eric Scherer

Foto: Christian-Kaspar Bartke/Bongarts/Getty Images