Die xG-Analyse vom Derby: Waldhof machte nicht viel, aber ein Tor

In unserer Nachbetrachtung der 0:2-Niederlage in Braunschweig hatten wir es  ausführlicher beschrieben: Verfechter der „expected Goals (xG)“-Analysetools sind  sicher, dass sich irgendwann auch in den tatsächlichen Spielausgängen niederschlägt, wenn eine Mannschaft fortlaufend positive xG-Ergebnisse produziert. Langsam dürfte es für die Experten schwer werden, damit auch FCK-Fans zu überzeugen: Denn im Derby in Mannheim hat Lautern erneut über 90 Minuten die qualitativ höherwertigen Chancen kreiert – und hätte somit auch das 5. Ligaspiel des Jahres 2020 gewinnen müssen. Eigentlich. In einer Welt ohne Konjunktive jedoch wartet der FCK im neuen Jahr weiter auf den ersten Sieg, hat von 15 möglichen Zählern lediglich drei geholt. Auf dem Waldhof verloren die Lauterer zudem wieder einmal Punkte in der Schlussphase. Das rührt ein gewisses Trauma auf. Zurecht?

1,12 : 0,57 „gewinnt“ der FCK in Mannheim unserer „xG“-Timeline zufolge. Dabei erstaunt vor allem der geringe Wert, den die Waldhöfer fabrizierten. Okay, dass sie in Tornähe des Gastes nicht viel  zustande brachten, hat man auch als subjektiver Betrachter wahrgenommen, aber so wenig? Und richtig gefährlich wurden die Schwarzblauen erst nach dem Gegentreffer, die größte Chance bot sich Sulejmani unmittelbar danach. Bei Lautern hingegen hätten bereits Kraus, Pick und Hercher treffen können, ehe Zuck zuschlug.

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Allerdings muss auch gesagt werden: Eine vielversprechende Konterchance vermochte der FCK nach seiner Führung ebenfalls nicht mehr herauszuspielen.

Der Ausgleich in der 86. Minute fiel nach einer schlecht verteidigten Ecke, in einer Spielphase, in der sich der FCK zu sehr zurückdrängen ließ und in Strafraumnähe immer wieder und zum Teil unnötig Standardsituationen gegen sich verursachte. 

Der „Pitchplot“ offenbart allerdings: So gefährlich waren die Mannheimer auch mit ihren ruhenden Bällen eigentlich nicht, sieht man mal von Schultz’ Kopfball aus spitzem Winkel kurz vor dem Ausgleich. Andererseits: Ein Wert von 0,29 bei den „Set Pieces“, das ist mehr als die Hälfte des Gesamtwertes von 0,57.

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Für die Lauterer markieren die 1,12 xG allerdings den Tiefstwert für 2020. Selbst die Partie in Ingolstadt „gewannen“ sie mit 1,29 : 0,98, in allen anderen Spielen produzierten sie sogar xG-Endergebnisse von über 2.0.

Das sollten auch die bedenken, die am Samstag die Rückkehr zur 4-4-2-Grundordnung begrüßten und damit auch die Abkehr vom zuletzt intensiv praktizierten „Klein-Klein“ an Gegners Strafraum einhergehen sehen. Dass, wie vielerorts vermutet wird, FCK-Trainer Boris Schommers nach den mauen Ergebnissen der vergangenen Wochen nun „Einsicht“ gezeigt hat und wieder dauerhaft zum angeblich erfolgreicheren „System“ aus der Fünf-Siege-Serie Ende 2019 zurückkehrt, glauben wir allerdings nicht so ganz.

DAUERHAFT ZURÜCK ZUM 4-4-2? GLAUBEN WIR NICHT

Das „Bespielen“ eines tief gestaffelten Gegners mit Kurzpässen war diesmal einfach nicht notwendig, weil die Mannheimer sich wesentlich höher postierten als zuletzt Großaspach, Münster, Zwickau und , in der zweiten Hälfte des Spiel, Braunschweig. Und die Formationsänderung auf 4-4-2 war unseres Erachtens in erster Linie am Gegner ausgerichtet. Der FCK spiegelte dessen Ordnung damit mehr oder weniger.

So neutralisierten sich beide Teams über weite Strecken gegenseitig. Anders ausgedrückt: Nach hinten war der FCK mit den klar strukturierten Viererreihen tatsächlich besser geordnet als zuletzt, allerdings brachte er nach vorne wenig Überraschendes zustande. Am muntersten zu ging es in der Anfangsphase, als die Offensiven mit reichlichen Wechseln Verwirrung stifteten und sogar Rechtsverteidiger Dominik Schad unmittelbar vor dem Kasten freistehend zum Kopfball gekommen wäre – wäre er einen Kopf größer.

Ein Gegentreffer vier Minuten vor Schluss – der weckt auch Erinnerungen an die schwarze Serie der vergangenen Saison, als der FCK wiederholt Punkte durch späte Treffer verlor. Auch wenn dies in Mannheim nun halt wieder mal der Fall war: In dieser Spielzeit lässt sich eine besondere Auffälligkeit diesbezüglich allerdings noch nicht erkennen.

NUR ZWEI MAL FÜHRUNGEN ABGEGEBEN – UND SECHS MAL AUSGEGLICHEN

In den acht Spielen unter Sascha Hildmann verspielten die Lauterer eine Führung im Auftaktspiel gegen Unterhaching (Endstand: 1:1) sowie zwei Mal in Münster (2:3). Unter Boris Schommers gab der FCK bislang lediglich in dessen Auftaktspiel gegen Magdeburg eine Führung ab.

Und wo wir gerade dabei sind: Bereits sechs Mal in dieser Saison vermochte der FCK einen Rückstand auszugleichen. Gegen Würzburg (2:3) und in Meppen (1:6) verlor er anschließend dennoch, drei Partien endeten 1:1 – das Hinspiel gegen Mannheim, in Ingolstadt und gegen Münster. Lediglich die Partie gegen Jena (3:1) vermochte die Mannschaft nach einem Rückstand noch komplett zu drehen.

Betrachten wir uns noch die Positions- und Passgrafiken, die schön zum Ausdruck, wie sehr sich die Spielanlagen beider Mannschaften ähnelten. Bei Lautern präsentieren sich einzelne Spots nicht so dick wie zuletzt, was auf weniger Ballbesitz hindeutet. Und der Spieler mit den meisten Kontakten ist diesmal nicht der Linksverteidiger. Statt dessen hatten die zentral postierten Sickinger, Ciftci, Starke sowie der rochierende Pick den Ball.

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Die Waldhöfer dagegen bezogen ihre Außenverteidiger Hofrath und Marx stärker ins Aufbauspiel ein. Und pflegten in den Offensive eine intensivere Passkommunikation als Lautern. Das fiel schon im Hinspiel auf.

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Text: Eric Scherer

Foto:  Christian-Kaspar Bartke/Bongarts/Getty Images

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