3:1 geführt und dennoch vergeigt – Willkommen zurück in der Abstiegshölle

Es ist nicht zu fassen: Nach Wochen lief in einem Spiel endlich wieder mal alles zugunsten des 1. FC Kaiserslautern. Die Lautrer schossen eine 3:1-Führung heraus und verzeichneten einen deutliches Chancenplus gegen einen SV Meppen, der sich dennoch als durchaus spielstarker Gegner vorstellte. Doch dann vergeigten die Betze-Buben fünf Minuten vor Schluss doch noch zwei der drei bereits sicher geglaubten Punkte – wie schon vor Wochenfrist gegen Mannheim. Kehrt das Last-Minute-Trauma aus der vergangenen Saison zurück? „Taktische und Zweikampf-Fehler“ machte Trainer Boris Schommers aus und sah ein Kollektivversagen – mit Sicherheit wohl wissend, wen der größte Teil des Anhangs für derartige Mängel verantwortlich macht.

Schon der zwischenzeitliche Ausgleich der Gäste war ebenso kurios wie ärgerlich. Nach einem Vertikalpass auf Meppens René Guder stürzt Lennart Grill aus seinem Kasten, Linksverteidiger Alexander Nandzik kann den Ball jedoch erlaufen, bevor der Keeper eingreifen muss. Guder aber, obwohl nur noch in der Verfolgerrolle, fällt  dennoch über Grill. Schiedsrichter Mitja Stegemann pfeift vollkommen zurecht Elfmeter. Und Thilo Leugers trifft zum 1:1.

DAS 1:1: DUMM GELAUFEN ODER TORWARTFEHLER?

Lässt sich das wirklich noch unter der Rubrik „Dumm gelaufen“ einordnen – oder hätte Grill noch reagieren und rechtzeitig wegbleiben können? Schwer zu sagen. Allerdings: Beim zweiten Treffer der Meppener sieht Grill ebenfalls nicht gut aus – auch wenn Schütze Julius Düker ohne Frage durch eine Schludrigkeit seiner Vorderleute  halbrechts an der Strafraumlinie in Position kommt. Der Ball, der anschließend halbhoch im kurzen Eck einschlägt, sieht keinesfalls unhaltbar aus. Auch in den Wochen zuvor wirkte Grill nicht unbedingt souverän.

Ist das jetzt schäbig, einen aus dem Lautrer Nachwuchs in Frage zu stellen, wo dieser doch den einzigen Hoffnungsschimmer darstellt, der dem FCK noch geblieben ist?

Nun, Grill ist, obwohl schon über ein Jahr lang die Nummer 1 im Lautrer Tor, nach wie vor erst 21 Jahre alt. Fußballerkarrieren verlaufen in den seltensten Fällen ausschließlich gradlinig nach oben. Ihm einmal eine kreative Pause zu gönnen, wäre für ihn weder  Schande noch Rückschlag. Zumal der FCK mit Avdo Spahic einen Keeper in Reserve hat, der in Cottbus in der vergangenen Runde starke Leistungen in der Dritten Liga zeigte, auch erst 23 Jahre alt ist und ebenfalls noch Entwicklungspotenzial hat. Und gegenwärtig vielleicht mehr Sicherheit ausstrahlen würde.

„TAKTISCHE UND ZWEIFKAMPF-FEHLER“

Dass der Trainer nach dem 3:3 die ihn betreuende Medienvertreterrunde bat, sich nicht an einzelnen Spielern aufzuhängen, sondern das kollektive Fehlverhalten zu sehen, ist verständlich. Kein Spieler wird besser, wenn man auch noch auf ihm rumhackt. Zumal Schommers’ Sichtweisen der beiden finalen Gegentreffer ja durchaus auch zutreffen. Vor dem 2:3 waren auch die Verteidiger bei Ballbesitz wieder nach vorne gestürmt: „Wenn ich 3:1 führe, muss ich hinten doch immer in Überzahl bleiben“, ärgerte sich der Trainer.

Vor dem 3:3 hätte „aggressiver und cleverer“ verteidigt werden müssen. Meppens Torjäger Deniz Undav legt, mit dem Rücken zum Tor mittig am Sechzehner stehend, auf den links einlaufenden Einwechselspieler Hilal El-Helwe ab, der vollkommen ungedeckt ist und seinen erfolgreichen Abschluss sogar noch verzögern darf. 

 Doch was hat diese „taktischen und Zweikampf-Fehler“, die der Coach sah, bedingt? Zumal seine Elf gegen Ende der Vorrunde ja durchaus zeigte, dass sie durch imstande ist, diese zu unterlassen? Vielleicht Konzentrationsmängel durch fehlende Kraft?

NICHT NUR SCHAD, AUCH BACHMANN WAR NICHT FIT

Dass Dominik Schad unter der Woche mit einem grippalen Infekt gekämpft hatte und erst in letzter Minute für spieltauglich erklärt worden war, war ihm anzumerken. Schad hatte große Probleme, seine rechte Abwehrseite dicht zu halten und von seinen gefürchteten Hochgeschwindigkeitsläufen nach vorne war gar nichts zu sehen.

Nicht bekannt war dagegen, dass auch Janik Bachmann angeschlagen war und sich durch die abgelaufende Trainingswoche „nur geschleppt“ hatte, wie der Trainer hinterher berichtete. Der defensive Mittelfeldspieler musste ausgerechnet zwischen dem 2:3 und 3:3 raus. Denkbar ungünstiger Zeitpunkt, denn der „Sechser“ mag zwar nicht der Kopfballabräumer sein, für den er oft gehalten wird, aber er ist als zweikampfstarker Stabilisator und erster Passgeber dennoch eine feste Größe im Defensivverband. 

„Es ging aber nicht mehr“, versichert Schommers, „Bachmann hatte schon nach siebzig Minuten signalisiert, dass er nicht mehr konnte.“

IMMER DRAN DENKEN: NICHT ALLES WAR SCHLECHT

Unterm Strich bleibt nur noch, den nächsten herben Rückschlag im Jahr 2020 zu konstatieren. Wenn Halle und Zwickau am heutigen Sonntagmittag punkten, steht der FCK nur noch einen Punkt von  Abstiegsrang 17 entfernt. Und nächste Woche darf er sich in Magdeburg mit einem Team auseinandersetzen, das nur einen Zähler hinter Lautern platziert ist. Willkommen in der Hölle.

Drum soll hier ausdrücklich auch festgehalten werden, was trotz des grausligen Spielausgangs gut war. Der FCK ging endlich mal wieder früh in Führung, und das durch eine der seit Ewigkeiten kritisierten Standardsituationen: Hendrick Zuck schlägt eine lehrbuchmäßige Ecke auf Kevin Kraus, der ebenso lehrbuchmäßig einköpft.

STANDARD-VERTEIDIGUNG MIT VOLLER MANPOWER

Und Standardsituationen des Gegners verteidigte die Elf diesmal hochkonzentriert,  diszipliniert und mit so viel Manpower wie nie. Sämtliche zehn Feldspieler tummelten sich bei Meppener Ecken im eigenen Strafraum. Zwei sicherten auf den Halbpositionen den Rückraum, der Rest leistete am und im Fünfer dem eigenen Torhüter Gesellschaft. Wer immer da dennoch zum Schuss kommt, muss erst einmal durch einen Dschungel von Abwehrbeinen durch.

Und so gefällig der Gast nach Lauterns 1:0 auch aufspielte, der FCK blieb torgefährlicher. Florian Pick durfte nach einem Traumpass von Bachmann allein aufs Meppener Tor zulaufen, brachte das Leder aber nicht unter und sah auch den mitlaufenden Manfred Starke nicht. Und Starke legte nach einem Flügelangriff über Pick auf Zuck auf, der eine weitere gute Einschusschance zum 2:0 nicht nutzen konnte.

4-4-2 und 4-2-3-1: DIE SPIELANLAGE FUNKTIONIERTE – 85 MINUTEN LANG 

Dafür offenbarte Christian Kühlwetter endlich wieder seine Knipserqualitäten. Die 2:1-Führung markierte er nach Vorarbeit von Pick und des eingewechselten Lucas Röser, das 3:1 per Elfmeter nach Foul an Pick. Überhaupt trat Pick als Flügelstürmer endlich wieder mal so unbekümmert auf wie zu Saisonbeginn.

Der FCK ordnete sich übrigens gegen den Ball in einem 4-4-2, mit dem Ball in einem 4-2-3-1, also in den gleichen Schemata wie gegen Mannheim. Nur, dass Kühlwetter diesmal für den erkrankten Timmy Thiele in der Sturmmitte agierte, und Zuck sowie das immer mal wechselnde Flügelpärchen bildete.

Sieht man von der Viertelstunde nach der Pause ab, in der die Meppener ein bisschen zu deutlich auf dem Betzenberg dominierte, funktionierte die Spielanlage des FCK im Grunde also recht gut. Aber leider nur bis zur 85. Minute.

Text: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images