Kommentar: Wer „Geisterspiele“ befürwortet, übt Verrat an seinen Fans – dann lieber die Saison abbrechen!

Am morgigen Montag will der DFB mit Vertretern aller Drittligisten besprechen, wie mit der Spielzeit 2019/2020 weiter verfahren wird. Die Dritte Klasse wird vermutlich den beiden oberen folgen und erst einmal bis zum 2. April aussetzen. Die  Hoffnung, dass danach weitergespielt werden kann, zwar kaum gerechtfertigt ist, doch ist mittlerweile auch eine deutliche Verlängerung der Pause denkbar. Wenn, wie es sich abzeichnet, die im Sommer angesetzte EM verschoben wird, könnten die Ligen bis in den Juli hineinspielen. Für den 1. FC Kaiserslautern und seine Anhänger ist diese Option jedoch schon jetzt kaum akzeptabel: Denn nach einem entsprechenden Beschluss des Kreises und der Stadt Kaiserslautern wären bis zum 10. Juli ohnehin nur noch „Geisterspiele“ am Betzenberg möglich. Doch wer sich auf diese einlässt, hat den Fußball als „Volkssport“ endgültig aufgegeben. 

Im Eishockey geht’s bekanntlich härter zur Sache als im Fußball, und diese Gangart kann durchaus die gesündere sein, zumindest, wenn er sich auf Funktionärsebene abspielt. Auch Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga, nannte es vergangenen Montag eine „Katastrophe“, was das Corona-Virus den Puckjägern gegenwärtig antue. Diese traf ihn sogar persönlich: „Sportlich und beruflich sind das schlimmsten Tage meiner Karriere.“

Dennoch sah Tripcke keine Alternative zu der Entscheidung, die er gemeinsam mit den Verantwortlichen der insgesamt 14 Eishockey-Bundesliga getroffen hatte: Die Saison wird abgebrochen, unmittelbar vor ihrem Höhepunkt: Die von den Fans sehnsüchtig erwarteten Playoffs finden nicht statt, basta.

„WIR SIND EIN ZUSCHAUERSPORT“ – GENAU DARUM GEHT ES

„Wir sind ein Zuschauersport, wir machen das für die Zuschauer“, brachte Gernot Tripcke auf den Punkt, weshalb Spiele ohne Publikum für die Eishockey-Liga nicht in Frage kommen. Und dieser Satz sollte auch in den Ohren jedes Fußballfreundes nachklingen. Ist er aber zunächst einmal nicht, zumindest nicht in den Ohren der Fußballfreunde, die auch für die Organisation des Profigeschäfts zuständig sind.

Denn unter der Woche wurde das Niederrhein-Derby Köln gegen Gladbach vor leeren Rängen ausgetragen, auch international traten deutsche Teams vor Geisterkulissen auf. Vor diesen sollte zunächst auch der komplette 26. Spieltag der Bundesliga ausgetragen werden. Erst, als am Freitag einige Corona-Fälle in den Kreisen der Aktiven bekannt wurden, entschloss sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL), den Spielbetrieb fürs Erste einzustellen.

SCHON KLAR: ERSTE UND ZWEITE LIGA KASSIEREN MEHR TV-GELDER

Sicher, es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen Eishockey und Fußball der Ersten Klasse. Der zahlende Zuschauer im Stadion ist für die Kicker längst nicht mehr die wichtigste Einnahmequelle. Das meiste Geld kassieren sie von den TV-Anstalten, die ja kein Problem damit haben sollten, „Geisterspiele“ zu übertragen. Bei einem Saisonabbruch dagegen drohen den deutschen Profiklubs jüngsten Meldungen zufolge Verluste in Höhe von 750 Millionen Euro allein durch entgangene Fernsehgelder.

Da liegt es nahe zu sagen: Lasst den Ball doch wenigstens als reine TV-Inszenierung weiter rollen. Vor der Glotze sitzen schließlich auch Zuschauer, also bleibt Fußball doch auch ohne Live-Publikum ein „Zuschauersport“, oder?

Eben nicht. Denn „Unterhaltungswert“ haben Spiele vor Geisterkulissen kaum, wie der geneigte Pay TV-Abonnent in dieser Woche im Selbstversuch feststellen durfte. Denn wo kein Funken von den Rängen auf Rasen überspringt, kann er auch nicht in die Wohnstuben. Bezeichnend der Satz, mit dem der Frankfurter Coach Adi Hütter die 0:3-Heimniederlage seiner Eintracht gegen den FC Basel in der Euro-League kommentierte: „Es hätte auch keinen Spaß gemacht, wenn wir 3:0 gewonnen hätten.“

Ob derart motivierte Protagonisten den Pay TV-Kanälen dauerhaft gute Quoten bescheren, wenn sie „Geisterspiele“ en gros übertragen dürfen?

LIVE-ZUSCHAUER DECKEN NUR 21 PROZENT DER ETATS? NICHT BEIM FCK

Und in der Dritten Fußball-Liga ticken die Uhren ohnehin anders. Mit den TV-Geldern der Telekom decken die Klubs nur einen Bruchteil ihrer Etats, pro Verein schüttet der DFB  aus diesem Topf pro Saison ein Betrag von rund 1,1 Millionen Euro aus. Die Telekom, die auch die Übertragungsrechte der Deutschen Eishockey-Liga hält, hat ihren Sport-Abonnenten übrigens bereits Kompensation für die Spiele angekündigt, die nun nicht übertragen werden. „Sky“, der Verwerter der Ersten und Zweiten Bundesliga, hält sich diesbezüglich noch bedeckt.

Welche Rechnung allerdings dem DFB zugrunde gelegen hat, als er jetzt erklärte, die Einnahmen aus dem Spielbetrieb machten bei den Wettbewerbern der dritten Klasse „mehr als 21 Prozent der jährlichen Gesamteinnahmen“ aus? 

Die „Deutsche Eishockey Liga“ spricht in ihrer Erklärung davon, dass das Publikum vor Ort in den Stadien „60 bis 70 Prozent“ der Klub-Budgets absichert. Für den Drittligisten aus Kaiserslautern dürfte über ein Drittel realistisch sein, wie uns ein Insider bestätigte. Wir hatten diese, um nicht auf die notorischen „gut unterrichteten Kreise“ zurückgreifen zu müssen, übrigens auch offiziell über den Verein angefragt, der aber will dazu derzeit keine Angaben machen. Weshalb eigentlich?

EIN WEITERES PROBLEM: WIE VERHALTEN SICH DIE SPONSOREN?

Auch Vereine wie der TSV 1860 München und Eintracht Braunschweig, zu deren Heimspielen auch in der Dritten Liga ebenfalls immer rund weit über 10.000 Zuschauer kommen, dürften rund ein Drittel ihrer Etats mit den Zuwendungen ihres Live-Publikums abdecken. Und die fallen bei „Geisterspielen“ nun einmal weg. 

Sicher, wenn die Dauerkarteninhaber, die ja schon für die komplette Saison bezahlt haben, aus Liebe zum Verein auf Rückerstattungen für die wegfallenden Spiele verzichten, würde das die Not lindern. Doch macht es Sinn, an die Solidarität derer zu appellieren, die bei„Geisterspielen“ ausgeschlossen werden?

Und dass die TV-Übertragung wenigstens die Kosten für den laufenden Betrieb abdeckt, die bei einer kompletten Spielabsage gespart werden können, ist zumindest zweifelhaft. Allerdings sind da auch andere Faktoren zu berücksichtigen. Wie etwa werden die Werbepartner reagieren, wenn sie sich statt bei den vertragsgemäß zugesicherten 19 Heimspielen nur bei 13 präsentieren können?

Zudem haben gerade die Vereine mit hohen Zuschauerzuspruch Sponsorenverträge laufen, in denen die exakte Höhe der Zuwendung an das Erreichen eines bestimmten Zuschauerschnitts gekoppelt ist. Also ein weiteres gravierendes Problem.

SPIELE MIT PUBLIKUM SIND IN LAUTERN BIS 10. JULI NICHT MÖGLICH

Dennoch: Für die restlichen Saisonspiele die auszuschließen, die nicht nur für Unterstützung und Atmosphäre zuständig sind, sondern im Grunde das letzte und größte Kapital darstellen, das einem Verein wie dem FCK noch geblieben ist, ergibt keinen Sinn. Und nach der aktuellen „Allgemeinverfügung“ der Stadt Kaiserslautern sind bis 10. Juli auf dem Betzenberg keine Spiele mit Publikum mehr möglich. 

Wobei diese unter „Punkt 9“ auch klarstellt, dass sie jederzeit wieder aufgehoben werden kann. Dass sich die Lage in Sachen Corona in den nächsten Wochen positiv entwickelt, ist derzeit jedoch nicht abzusehen.

FCK SOLLTE IM ZWEIFELSFALL FÜR SAISONABBRUCH STIMMEN

Tobias Leege, Vorstandssprecher des FSV Zwickau, hat aktuell noch auf einen anderen Aspekt hingewiesen: Ein sofortiger Abbruch der Saison könnte wirtschaftlicher  sinnvoller sein, weil dann gegebenenfalls Kurzarbeiter-Geld fürs Personal beantragt werden könnte.  

Zwei Drittliga-Vereine sollen bereits bei der vorangegangenen Besprechung für einen Saisonabbruch gestimmt haben. Wir meinen: Der FCK sollte sich ebenfalls dahingehend positionieren.

Immerhin: Der DFB hat als zuständige Dachorganisation für die Dritte Liga bereits angekündigt, den Vereinen in Form von Darlehen unter die Arme zu greifen.

WELCHE SZENARIEN WEITER DENKBAR SIND

Verschiedene Boulevardmedien wollen mittlerweile erfahren haben, dass sich in der Ersten und Zweiten Liga gegenwärtig ein „Einfrieren“ der Liga zum aktuellen Zeitpunkt als sympathischste Lösung durchsetzt. Sie sieht vor, die gegenwärtig führenden Teams aufsteigen, aber niemanden absteigen zu lassen.

Dadurch würde die Erste Liga in der kommenden Spielzeit um drei Teams aufgestockt, die Zweite Liga hingegen bliebe zahlenmäßig gleich, da drei Vereine in die Bundesliga aufsteigen und von unten Duisburg, Mannheim und Unterhaching nachrückten. Und die Dritte Liga würde, mit vier Aufsteigern aus der Regionalliga und keinem Absteiger, nächste Saison mit 21 Teams antreten.

FORTSETZEN DER SAISON GRÜNDET EINZIG AUF DEM PRINZIP HOFFNUNG

Alternativen wäre die komplette Annullierung dieser Saison, dann würde die Spielzeit 2020/2021 in allen Ligen mit den gleichen Besetzungen beginnen wie diese. Oder, wie gegenwärtig noch offiziell geplant, nur zu pausieren und die Runden gegebenenfalls bis in Juni/Juli auszuspielen. Oder wenigstens noch Playoffs um Auf- und Abstieg anzuberaumen.

Die beiden letzten Optionen gründen allerdings auf der Hoffnung, dass in absehbarer Zeit wieder losgelegt werden kann. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus. Und „Geisterspiele“ sind auf jeden Fall keine Lösung, in der Dritten Liga noch weniger als in den beiden oberen.

Text: Eric Scherer

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images