Video-Dealer, was ist los? Wir brauchen unseren Stoff – Fußballfilme, jetzt!

Kein Live-Fußball in Corona-Zeiten? Zuhause eingepfercht? Was für eine Gelegenheit, sich mal ein paar Filme übers schönste Spiel der Welt reinzuziehen. Interessante Dokumentation halten die Streaming-Anbieter ja auch en masse bereit. „Trainer!“ gibt’s etwa bei „Netflix“, „All or Nothing“ by „Amazon Prime“. Und auf Youtube finden Fans des 1. FC Kaiserslautern haufenweise Nicht-Fiktionales, um sich etwa an die Meisterschaften 1991 und 1998 zu erinnern. Auch der Abgesang „Stirb langsam, 1. FC Kaiserslautern“ steht dort in voller Länge bereit. Was aber ist mit der Symbiose aus Kicken und Kino, dem Fußball-Spielfilm? Da ist das Angebot der Streaming-Dienste überschaubar. Es wird Zeit, das ein findiger Abo-Anbieter mal ein „Paket“ für Fußballfans schnürt, bevor der kalte Entzug zu schmerzen beginnt. Zur Inspiration habe ich mal meine persönliche Top Eleven der Fußball-Spielfilme zusammengestellt.

Außer Konkurrenz: Die Helden des Sonntags, Italien, 1953

Fußballgott Gino Bardi, von fortschreitendem Alter, diversen Blessuren und einer Betrugsaffäre gezeichnet, sehnt sich nach einem würdigen Abgang, einem letzten großen Spiel: „Einmal noch, nur einmal möchte ich hören, wie die Leute Bardi, Bardi rufen!“, schmachtet Raf Vallone, immerhin Hollywood-gestählter Italo-Mime, mit der Leidensmine und der Gestik eines echten Südländers in die Kamera. Und, tatsächlich, auch der Superstar des europäischen Kinos, Marcello Mastroianni – 1953 in seiner Maienblüte –, zählt zur Besetzung. Ebenso wie das damalige Team des AC Milan. Der Dramaturgie des klassischen Sportfilms folgend, erhält der sinkende Stern tatsächlich seine letzte Chance zu strahlen, und am Ende rufen die Menschen im Stadion „Bardi, Bardi“… Leider ist Mario Camerinis „Gli eroi della domenica“ gar nirgends mehr zu finden, in keinem Streaming-Dienst, als DVD nicht, nur auf Youtube gibt’s eine qualitativ unsägliche Version in italienischer Originalsprache. Ansonsten nämlich stünde der Streifen ziemlich weit vorne in meine Liste. Ich schwöre, ich habe als ganz junger Mensch, noch bevor ich das erste Mal „uffem Betze“ war, eine deutsch synchronisierte Fassung sonntags nachmittags in der Glotze gesehen, ich glaube, unter dem Titel „Das große Spiel“. Falls hier irgendein Film-Dealer mit Ludolfscher Findungsmentalität mitliest: Tauch ab in deine Archive und hau rein, Junge, der Streifen will, der Streifen muss wiederentdeckt werden. Jetzt.

Platz 11: Der ganz große Traum, Deutschland, 2011

Braunschweig, 1874: Ein dort ansässiger Englischlehrer hat bei seinen Studien auf der britischen Insel ein neues Spiel namens Fußball kennengelernt und versucht nun, an seiner Lehranstalt eine Schülermannschaft zu formieren. Gegen die Widerstände der verbohrten Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs organisiert er ein „Match“ gegen eine englische Mannschaft. Und Deutschland gewinnt, und das noch nicht einmal im Elfmeterschießen… Sebastian Groblers Film will nacherzählen, wie der Fußball nach Deutschland kam, ist dabei einerseits historisch ungenau, andererseits aber auch typisch deutsch, will sagen: sehr bieder und sehr ehrpusselig am Werk. Aber mit starken Darstellern: Burkhart Klaußner, Thomas Thieme, Axel Prahl. Daniel Brühl spielt die Hauptrolle, und der durfte später ja in „Rush!“ mal in einem richtig guten Sportfilm Niki Lauda darstellen. „Der ganz große Traum“ ist bei Amazon Prime im normalen Abo enthalten.

Platz 10: Trautmann, Deuschland, 2018

Die wahre Geschichte der deutschen Torwartlegende, die seinem Klub Manchester City 1958 einen Titel rettete, obwohl er sich während des Spiel das Genick gebrochen hatte… Kann man mit so einem Stoff eigentlich irgendwas falsch machen? „Trautmann“ zeigt: Man kann zumindest ihn zumindest so umsetzen, dass er nicht ganz die Wucht erreicht, die er hätte haben können. Es ist halt ein typisch deutsches „Biopic“: Gediegen inszeniert, aber mit zu viel Respekt vor dem Protagonisten, und daher ohne die Brechungen, die seinen Charakter wirklich interessant gemacht hätten. Dabei hätte eine eindrucksvolle „Vom-Saulus-zum-Paulus“-Geschichte ergeben können, hätte man Trautmanns Nazi-Vergangenheit ein wenig schärfer konturiert. Wie gute Biopics gehen, wird Platz 3 meiner Top Eleven zeigen. „Trautmann“ ist bei allen gängigen Anbietern streambar, allerdings in keiner Flatrate enthalten, nur als Leih- oder Kaufvideo.

Platz 9: Kick it like Beckham, England, 2002

Die 18-jährige Jess Bhamra schießt im England um die Jahrtausendwende Freistöße, wie sie sonst nur der Ehemann von Posh Spice schießt. Gerne würde sie ihr fußballerisches Talent professionalisieren, aber ihre indische Familie ist entsetzt… Ein bisschen Fußballfilm, eine bisschen Culture Clash-Komödie und ein bisschen Romantic Comedy. Warum können die Briten so ziemlich jeden vergleichbaren teutonischen Gratwanderungsversuch zwischen Kick und Komödie derart locker vom Drahtseil fegen? Schmonzetten wie „FC Venus“ oder „Männer wie wir“ wird man in dieser Liste jedenfalls vergeblich suchen. „Kick it like Beckham“ ist ein sympathisches Feelgood-Movie, das durchaus auch mit einem fußballerisch weniger interessierten Lebenspartner konsumierbar ist. Leider ist es derzeit nur bei iTunes, Videobuster und Raktuten TV als Leih- oder Kaufvideo abrufbar.

Platz 8: Fußball ist unser Leben, Deutschland, 2000

Echt jetzt? Eine Sat 1-Komödie und dann auch mit Uwe Ochenknecht in der Hauptrolle – und so etwas platziert sich allen Ernstes vor „Kick it like Beckham“? Doch, im Leben ist es nun einmal wie im richtigen Fußball: Jeder hat seine Chance verdient. Nicht jede „Sat 1“-Komödie muss schrecklich sein, und Uwe Ochsenknecht kann, wenn er sich im Zaum hält, richtig gut sein. Und Schalke-Fan mit Proll-Charme, der einen formkriselnden Fußballstar kidnappt, um ihm wieder die „Basics“ zu lehren, kann er absolut. Außerdem ist Yves Eigenrauch ein viel sympathischerer Gaststar als David Beckham. Zudem weicht die Geschichte mal halt von der klassischen, reißbrettartigen Sportfilm-Dramaturgie ab, Happy End gibt’s dennoch. „Fußball ist unser Leben“ ist bei „Joyn“ und „Maxdome“ in der Flatrate enthalten.

Platz 7: Flucht oder Sieg, USA, 1981 /  Mean Machine, England, 2001

Auf diesem Rang verbindet sich unser geliebter Fußball gleich zwei Mal mit dem Genre des Knastfilms. Dass bei „Flucht oder Sieg“ mit John Huston einer der ganz Großen Hollywood Regie führte – auf sein Konto gehen etwa „African Queen“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“ –, mag man als Filmfan kaum glauben, denn „gut“ im objektiven Sinne ist dieser Nonsense eigentlich nicht. Michael Caine formiert in einem alliierten Kriegsgefangenlager ein Knackiteam, in das sich neben vielen anderen Sylvester Stallone sowie  Fußballikonen wie Pelé, Osvaldo Ardiles und, tatataa, mit Co Prins sogar ein Ex-FCK’ler einreihen. Deren Kickkünste setzt Huston auch mit viel Hingabe in Szene. Michael Caine organisiert gegen die Nazi-Wächter des Camps ein Spiel, eigentlich aber nur, um in der Halbzeit türmen zu können. Als er dies tatsächlich tun will, halten ihn jedoch seine eigenen Spieler zurück: Trainer, es ist doch erst Halbzeit und wir liegen 1:4 zurück, wo glaubst du eigentlich, ist das dein Platz? Fragt da jemand allen Ernstes, wie’s ausgeht? „Mean Machine“ verlegt die Handlung des amerikanischen Footballfilms „Die Kampfmaschine“ von 1974 ins britische Fußball- und Knastmilieu. Mit Vinnie Jones spielt ein Ex-Profi die Hauptrolle, grob und unbehauen, aber doch irgendwie sympathisch, und die Kickszenen sind von brachialer Brutalität… Das ist einfach die Sorte Trash, die Spaß macht.  „Flucht oder Sieg“ gibt’s bei einigen Anbietern als Leih- oder Kaufvideo, „Mean Machine“ ist bei Amazon Prime in der Flatrate enthalten, vermutlich aber in einer geschnittenen Version.

 

Platz 6: „Goal! – Lebe deinen Traum“, England, 2005

Ein junger Mexikaner zieht hinaus in die weite Welt, um sich ins Profiteam von Newcastle United zu kicken. Auch in diesem Film ist die Handlung vorhersehbar, aber: Regisseur Danny Cannon weiß, wie’s geht. Die Atmosphäre des Trainingsbetriebs in Newcastle kommt prima rüber, die Kick-Szenen sind wirklich gut gemacht, die zahlreichen Gastauftritte echter Fußballer – neben dem damals aktuellen Newcastle-Team ist auch Zinedine Zidane kurz zu sehen –  sind nicht einfach nur nette Gags, sondern sorgen für zusätzliche Authentizität. In der Fortsetzung „Goal! – Der Traum ist Real“ wechselt der Held zu, der Titel lässt es ahnen, Real Madrid, wo sich die gleiche Geschichte im Grunde noch einmal abspielt. Im abschließenden Teil „Goal III – Das Finale“ wollte man dagegen offensichtlich mal ganz bewusst alles ganz anders machen, was löblich ist, wenn’s klappt – nur geht dieser Versuch total in die Hose. „Goal ! – Leben deinen Traum“ ist bei den führenden Streaming-Anbietern als Leih- und Kaufvideo zu haben.

 

Platz 5: „Fimpen, der Knirps“, Schweden, 1974

Ein sechsjähriger Junge kickt dermaßen gut, dass er in die erwachsene schwedische Nationalmannschaft berufen wird und mit ihr die Qualifikationsspiele für die WM 1974 bestreitet… okay, das ist ein Kinderfilm, an dem nur der so richtig Spaß haben wird, der ihn sich mit einem Sohn oder Enkel in Fimpens Alter ansehen kann. Für den lohnt es sich aber erst recht, denn an Bo Widerbergs Spielfilm wirkte damals die gesamte schwedische Nationalmannschaft mit, darunter auch die FCK-Legenden Roland Sandberg und Ronnie Hellström. Ronnie hat sogar eine etwas größere Sprechrolle, klingt allerdings ein wenig merkwürdig, da er sich in der deutschen Fassung nicht selbst synchronisieren durfte. Beim „11mm-Fußballfilm-Festival“ in Berlin wurde „Fimpen, der Knirps“ 2013 sogar als „Bester Fußballfilm aller Zeiten“ ausgezeichnet. Bei Amazon Prime ist er gegenwärtig sogar in der Flatrate enthalten.

Platz 4: Fever Pitch, England, 1997

Muss ich das wirklich erklären? Die Verfilmung des Kultromans von Nick Hornby: Niemand hat es bislang besser hinbekommen, auf ebenso intelligente wie humorvolle in die Seele eines Fußballfans zu blicken. Der Lieblingsvorwurf aller Bücherwürmer gegenüber Literaturverfilmungen ließe sich natürlich auch hier anbringen: Das Buch ist besser. Ich sage: Passt schon, nicht zuletzt dank des überzeugenden Auftritts von Colin Firth. Leider ist „Fever Pitch“ gegenwärtig leider gar nicht streambar, lediglich als DVD und Blu-ray zu haben.

Platz 3: The Damned United, England, 2009

„Sie sind entlassen.“ – „Das kostet Sie 20.000 Pfund, und den Mercedes will ich auch behalten.“ – „Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“ – „Ich bin Brian Howard Clough.“ Wo genau verläuft nun die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn? Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung? Zwischen Alphatier und A-Loch? Selten hat ein Fußballtrainer die Meinungen über sich so sehr gespalten wie der Engländer Brian Clough, der den Provinzverein Derby County großmachte, mit Nottingham Forest Englischer Meister wurde und zwei Mal hintereinander den Europokal der Landesmeister gewann, bei Leeds United aber in nur 44 Tagen scheiterte. Und selten hat ein Schauspieler einen Fußballtrainer derart facettenreich dargestellt wie Michael Sheen. Da verzeiht man dem Film auch, dass er aufs aufwändige Nachstellen von Kickszenen weitgehend verzichtet. „The Damned United“ ist bei nahezu allen Anbietern als Leih- und Kaufvideo streambar.

Platz 2: Das Wunder von Bern, Deutschland, 2003

Den haben viele auf Platz 1 vermutet, gell? Eigentlich passt ja auch alles: Die deutsche Fußballlegende schlechthin, gewissermaßen das Nibelungenlied des Ballsports, als Vorlage, vor und hinter der Kamera jede Menge Fußballfans, die mit viel Herzblut die entscheidenden Spielszenen nachstellten, und dazu fünf Lautrer Helden der WM 1954, wenngleich auch nur in kleinen Nebenrollen… Manche sagen, es sei der erste Film überhaupt, an dessen Ende mehr Männer als Frauen geweint haben. Wer FCK- und Filmfan ist, der kommt an „Das Wunder von Bern“ einfach nicht vorbei.  Bei Netlix ist er sogar in der Flatrate enthalten.

 

Platz 1: Looking for Eric, England, 2009

Frau weg, im Job läufts schlecht, der faule Nachwuchs driftet zunehmend in die Kriminalität ab, und dann macht auch noch die Gesundheit schlapp… Es stünde wirklich schlecht um den ebenso einfachen wie einsamen Malocher Eric, wenn nicht eines Tages der Geist seines Fußballidols erschiene und ihm fortan in „Mein Freund Harvey“-Manier beistünde. Tolle Story, tolle Milieuzeichnung, tolle Regie und im Mittelpunkt ein Fußballgenie, das sich selbst spielt und dies auch noch ganz großartig macht. Dazu sind einige der besten Kickszenen von Eric Cantona im Original zu sehen. Damit hat der Film- über den FCK-Fan gesiegt: „Looking for Eric“ steht bei mir auf Rang 1, vielleicht unerwartet, aber hochverdient. Der Film ist bei nahezu allen führenden Anbietern als Leih- oder Kaufvideo streambar.

Text: Eric Scherer

Foto: William West/AFP/Getty Images