Kommentar: Fakten schaffen – oder weiter aufs Prinzip Hoffnung setzen? Der FCK sollte auch dazu eine Meinung äußern

„In dieser Woche werden wichtige Weichen gestellt, wie es in den ersten drei Profiligen in Deutschland weitergeht“, kündigt DFB-Präsident Fritz Keller in der aktuellen Ausgabe des „kicker“ an. Klingt gut, aber darf der Fußballanhänger jetzt  wirklich eine endgültige Entscheidung erwarten, ob die aktuellen Spielzeiten ohne Publikum zu Ende gespielt oder abgebrochen werden? Klar ist immerhin schon: Für die Dritte Liga wird es keine Entscheidung geben, die alle Klubs zufrieden stellt, da drohen weiterer Ärger und vielleicht auch gerichtliche Klagen. Soeren Oliver Voigt, Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern, will sich an der längst auch öffentlich geführten Debatte nicht beteiligen. Das kann man verstehen, muss es aber nicht.

Welche Meinung Voigt intern vertritt? Zumindest steht der FCK nicht auf der Liste der acht Klubs, die sich am vergangenen Freitag für einen Saisonabbruch ausgesprochen haben. Bereits am Gründonnerstag soll sich bei einer Videokonferenz der 20 Vereinsvertreter eine 13:7-Mehrheit für eine Fortführung der Saison 2019/2020 ausgesprochen haben – gegebenenfalls mit „Geisterspielen“. Partien mit Publikum sind  bis 31. August ohnehin nicht mehr möglich, wie aus einer Erklärung der Bundesregierung in der vergangenen Woche hervorgeht. Führende Virologen empfehlen bereits, Großveranstaltungen bis Ende des Jahres abzusagen.

Klar für eine Fortsetzung der Ligaspiele ausgesprochen haben sich bislang die fünf bayerischen Drittligisten sowie der FC Hansa Rostock. Schaut man sich beide Liste näher an, drängt sich vehement der Verdacht auf, dass nahezu alle, die darauf stehen, in erster Linie von egoistischen Interessen geleitet sind.

„KEINE ABSTEIGER“, PLÄDIEREN DIE LETZTPLATZIERTEN – WEN WUNDERT’S

Die Abbruchs-Befürworter sprechen sich nämlich auch dafür aus, dass die aktuelle Tabelle, also die nach dem zuletzt ausgetragenen 27.  Spieltag, zur endgültigen erklärt wird, es aber nur Aufsteiger, aber keine Absteiger geben sollte. Und, welch ein Zufall: Den Abbruch ohne Absteiger befürworten die vier Teams, die gegenwärtig auf den Abstiegsplätzen stehen – Jena, Großaspach, Münster und Zwickau – sowie die abstiegsbedrohten, weil unmittelbar davor platzierten Halle und Magdeburg.

Auch der Tabellen-13. aus Chemnitz steht nur zwei Punkte überm Strich, aber immerhin noch einen Rang vor dem FCK, der öffentlich keine Position beziehen will.  Der SV Waldhof Mannheim dagegen dürfte als gegenwärtiger Tabellenzweiter in die Zweite Liga aufsteigen – und votiert, was Wunder, ebenfalls für den sofortigen Abbruch.

DIE NOCH HOFFENDEN WOLLEN WEITERSPIELEN – EBENFALLS KEIN WUNDER

Unter den Verfechtern der Fortführung dagegen finden sich ausnahmslos Klubs, die gegenwärtig keine direkten Aufstiegsplätze belegen, aber noch gute Aussichten hätten, einen solchen zu erklimmen: Unterhaching, Ingolstadt, 1860 München, Würzburg, auch der FC Bayern II, für den die Platzierung in der Endtabelle freilich nur eine untergeordnete Rolle spielen könnte.

Die Frage ist daher: Gibt es auch objektive Gründe, die sich in dieser Frage abwägen lassen? Die wiederum läuft im Grunde darauf hinaus: Was stellt das wirtschaftlich kleinere Übel dar – Geister- oder gar keine Spiele?

„Mit Rückkehr zum Spielbetrieb gehen wir aus der Kurzarbeit heraus, hätten die vollen Personalkosten zu tragen, gleichzeitig aber keine relevanten Einnahmen, die dem entgegenstehen“, erklärt Tobias Leege, Vorstandssprecher des FSV Zwickau, der zu den ersten Entscheidungsträgern der Dritten Liga gehörte, die sich klar für einen Abbruch positionierten. Die Einnahmen aus den Ticketverkäufen, die beim Austragen der restlichen Heimspiele ohne Publikum verloren gingen, beziffert der FSV auf 540.000 Euro.

FCK VERLIERT DURCH AUSFÄLLE SIEBENSTELLIGEN BETRAG

Wobei festgehalten werden muss: Zwickau hat in dieser Saison bislang durchschnittlich 5.572 Zuschauer bei seinen Heimspielen begrüßt. Der 1. FC Kaiserslautern wiederum verzeichnet aktuell einen Mittelwert von 19.269 Zuschauern, ist damit auch in dieser sportlich mau verlaufenden Saison immer noch der am besten besuchte Drittligist. Die Verluste dürften also höher entsprechend höher zu veranschlagen sein.

„Bei Geisterspielen können wir wenigstens die TV- und Werbeverträge erfüllen“, halten die Befürworter von Partien ohne Publikum dagegen. Dass dieses Argument in der Ersten und Zweiten Liga schwer wiegt, liegt auf der Hand. Die Klubs verdienen an  TV-Übertragungsrechten schon lange mehr als mit Fans, die ins Stadion pilgern. 

In der Dritten Liga aber ist das anders: Dort gibt’s einheitlich für jeden Klub aufgerundet 1,2 Millionen Euro aus dem TV-Topf, für die komplette Spielzeit. Durch 19 Heimspiele dividiert, fließen also pro Partie etwa 63.000 Euro in die Kassen. Die dürften die anfallenden Personal- und Infrastrukurkosten für ein ausgetragenes Heimspiel kaum decken.

BESSER RECHNEN DÜRFTEN SICH GEISTERSPIELE FÜR DIE WENIGSTEN

Was dagegen an Werbe- und Sponsorengeldern bei einer Absage wegfällt, das beim Austragen eines Spiels eingenommen könnte? Das allerdings lässt sich ohne Einsicht in die diversen Verträge kaum beziffern und könnte in der Tat von Klub zu Klub verschieden sein. Wesentlich besser rechnen dürften sich „Geisterspiele“ allerdings bei den wenigsten, erst recht, wenn die Effekte der Kurzarbeit miteingerechnet werden, die verschiedene Klubs, darunter der FCK, bereits nutzen.

Auch der Sicherheitsaufwand, der mit der Organisation eines Geisterspiels in Corona-Zeiten einherginge, stellt einen Kostenfaktor dar, den die Befürworter bislang wohl kaum berücksichtigt haben. Die Akteure müssten Tage zuvor einkaserniert und vor und nach jedem Spiel aufs Neue auf  Viren getestet werden.

Im Millionenspiel Bundesliga kann dergleichen ja vielleicht gewährleistet werden, ohne dass Menschen, die solche Tests dringender benötigen als an sich robuste Profisportler, das Nachsehen haben. Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, kündigt im aktuellen „kicker“ jedenfalls an, dass die DFL in dieser Woche ein „Paket“ vorlegt, demzufolge der deutsche Spitzenfußball „kreative Wege“ fand, „die nichts mit einer Sonderbehandlung des Fußballs zu haben.“

EINE ERKENNTNIS AUS DER KRISE: DRITTE LIGA MUSS ZUR DFL

Ob diese auch im Armenhaus Dritten Liga beschritten werden können, ist allerdings fraglich, zumal diese Spielklasse bekanntlich nicht unter dem organisatorischen Dach der DFL, sondern des DFB steht.

By the way: DAS könnte tatsächlich ein positiver Lerneffekt sein, der aus der Corona-Krise zu ziehen ist: Dass auch die dritte deutsche Profiliga Angelegenheit der DFL werden sollte. So könnte vor allem auch der Einbruch an TV-Einnahmen abgefangen werden, mit dem Absteiger aus der Zweiten Liga bislang leben müssen.

FAZIT: EIN ABBRUCH SCHAFFT WENIGSTENS FAKTEN

Davon abgesehen: Was soll eigentlich geschehen, wenn mitten in der Geisterspielzeit ein oder mehrere Akteure trotz strengen Kontaktbeschränkungen positiv getestet werden? Werden dann die Betroffenen und alle, mit denen sie Kontakt hatten, kurzerhand aus dem Wettbewerb genommen – und der Rest kickt munter weiter, bis der nächste Infizierte entdeckt wird? Wahrscheinlicher ist eher, dass das gesamte, mühsam aus der Taufe gehobene Ersatzkonstrukt dann zusammenbricht.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ein Abbruch würde wenigstens Fakten schaffen, wenn auch unangenehme. Für eine Fortführung zu stimmen, heißt nichts anderes, als weiter auf das Prinzip Hoffnung zu setzen. Zumal auch der für die Fortsetzung anvisierte Termin Mitte Mai lediglich Wunschdenken ist. Denn darüber haben Virologen und Politiker noch zu entscheiden – und dass sich die einzelnen Bundesländer geschlossen auf einen Fortsetzungstermin einigen können, ist mittlerweile ebenfalls fraglich.

ÜBERHAUPT: WIE SOLL ES NÄCHSTE SAISON WEITERGEHEN?

JETZT Fakten zu schaffen, würde auch bedeuten, Planungssicherheit herzustellen. Mit Hinblick auf im Sommer auslaufende Verträge, aber auch für die kommende Saison. Denn da gilt es für die Drittligisten, möglichst schnell die Frage beantworten: Wie ließe sich zumindest die Hinrunde 2020/2021 ohne weitere Verluste planen, wenn wir immer noch nicht vor Publikum spielen können – was wahrscheinlich der Fall sein wird?

Das wiederum ginge eigentlich nur über eine Neugestaltung der TV-Verträge. Nötigenfalls muss der Fan dann für seinen Platz vorm Fernseher genauso viel bezahlen wie für den auf der Tribüne, die er nicht besetzen kann. Klingt grauslich, schon klar, aber weiß jemand was Besseres?

UND DER FCK SCHWEIGT – VOIGT SAGT, WARUM

Und der FCK will sich zu dem all dem nicht öffentlich äußern? Hier die Erklärung  Soeren Oliver Voigt im Wortlaut: 

„Wir werden uns zum jetzigen Zeitpunkt an einer öffentlichen Debatte über die Fortführung der Saison nicht beteiligen. Es ist für die 3. Liga existentiell, als Einheit für die Interessen der Klubs in einer intern geführten Diskussion eine Lösung zu den bekannten Problemen zu erarbeiten. Auch ist uns bewusst, dass die aktuelle Situation eine Vielzahl von unterschiedlichen Sichtweisen mit sich bringt. Gerade deshalb ist es jedoch alternativlos, miteinander und nicht gegeneinander zu agieren. Wir sehen daher im nächsten Schritt der Sitzung der Klubs mit dem DFB entgegen.“

Das klingt unaufgeregt, sachlich, vernünftig – grundsätzlich ist das die richtige Art, in einer Krise aufzutreten.

EINE MEINUNG ZU HABEN, IST WICHTIG – AUCH ÖFFENTLICH

Andererseits: Der FCK sollte sich seiner Position in der Liga bewusst sein. Und  daraus den Selbstanspruch ableiten, sich in strittigen Angelegenheiten auch öffentlich zu äußern. Denn: Der FCK trägt einen großen Teil dazu bei, dass die Dritte Liga 2019/2020 als die attraktivste beworben worden ist, die jemals startete – wenn auch, zugegeben, weniger aufgrund seiner sportliche Leistungen in der jüngsten Vergangenheit, sondern dank seines immer noch klangvollen Namens.

Fakt ist aber auch: Der FCK trieb nicht nur als Zuschauerkrösus im eigenen Stadion die Besucherzahlen der Liga in dieser Saison in Rekordhöhe. Kein anderer Verein füllt mit so vielen Fans auch die Kassen in anderen Stadien, im Schnitt 2000.

Deswegen muss der FCK sich nicht anmaßen, „Meinungsführer“ der Dritten Liga sein zu wollen. Aber Position beziehen sollte er schon. Auch öffentlich.

Text: Eric Scherer

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images