Man soll nie „nie“ sagen? Manchmal schon, Andreas Brehme

Corona und kein Ende. Der große Run aufs Klopapier ist abgeebbt, jetzt werden in den Zeiten von Homeoffice und Hausarrest fleißig Konserven gehortet und aufgewärmt, vor allem auch in den Medien. Der SWR wiederholte unlängst den 6:3-Sieg des 1. FC Kaiserslautern über Borussia Dortmund im DFB-Pokal der Saison 1993/94 – war geil. „Sky“ zog nach mit dem 3:2 Arminia Bielefelds über den FCK im April 2018, das den Abstieg der Lautrer in die Dritte Liga besiegelte – war nicht so geil. Anderswo gibt’s zu lesen, wie Miro Klose seine ersten Gehversuche auf dem Betzenberg unternahm. Und immer und immer wieder, wie der Aufsteiger von 1997 zum Deutschen Meister von 1998 wurde. In welche Nische soll sich da unser bescheidener Blog begeben? Wir widmen uns einem Format, das nur in der Corona-Zeit ersonnen werden konnte: Ein Weltmeister steht  auf einem Balkon in einem Münchner Hinterhof und sinniert über große Zeiten… Die nicht so großen dagegen spart er aus, und zu denen gestatten wir uns ein paar Anmerkungen.

Doch, diese Tage der Virus-Isolation haben schon auch ihren Charme. Und wenn ihn jemals ein TV-Format eingefangen hat, dann dieses „Mein Nachbar, der Weltmeister“. Da steht einer, den man eher in Kitzbühel verortet hätte, im Frotteebademantel und mit einer Kaffeetasse in der Hand auf dem Balkon im dritten oder vierten Stock eines Mehrfamilienhauses und erzählt vor trister grauer Hinterhofkulisse von Zeiten, in denen es noch große Fußballspiele in großen Stadien vor großen Menschenmassen gab. Belauscht und einfühlsam befragt vom DAZN-Kollegen Sebastian Benesch, der auf dem Nachbarbalkon Position bezogen hat und – was für ein netter Regieeinfall – Blumen gießt, um das angeblich Improvisierte der Plauderei zu unterstreichen.

FRÜHER WAR ALLES ANDI: EIN WELTMEISTER ERZÄHLT

Und was er alles zu erzählen hat, dieser Endfünfziger, dessen Haar nunmehr so spärlich geworden ist wie seine Hüften breiter. Wie er 1990 Deutschland zum Weltmeister geschossen hat, mit einem Elfmeter, für den er den rechten Fuß nahm, obwohl es gerne auch der linke hätte sein dürfen. Dass er dem aktuellen Bundestrainer Jogi Löw noch heute immer mal eine SMS vorm Spiel schickt, die dieser stets innerhalb von zwei Minuten beantwortet. Und wie er mit heutigen Bayern-Trainer Hansi Flick und anderen Mitspielern einst auch mal „das ein oder andere Bier trinken“ gegangen ist.

By the way: Wir verfügen über Insider-Infos, dass der Mann im Frottee während seiner fußballaktiven Zeit in Kaiserslautern auch das ein oder andere Mal ein „Hannen-Faß“ aus einem Bierlokal gleichen Namens am Lautrer Martinsplatz schleppte und anschreiben ließ… Weiß jemand, ob er die mittlerweile bezahlt hat?

EIN WEINKRAMPF, DER VEREINSGESCHICHTE MACHTE

Es handelt sich nämlich um, nennen wir den Namen endlich, Andreas Brehme. Den Jungen aus Hamburg-Barmbek, der 1981, noch in der ersten Kalli Feldkamp-Ära, zum !1. FC Kaiserslautern kam, dort den Durchbruch in der Bundesliga schaffte und zum Nationalspieler aufstieg. 1986 zu den Bayern und 1988 zu Inter Mailand wechselte, 1990 Weltmeister wurde, und nach einem weiteren Stopp bei Real Saragossa für weitere fünf Jahre zum Betzenberg zurückkehrte.

Als 1996 nach einem 1:1 in Leverkusen der erste Abstieg des FCK in die Zweite Liga besiegelt war, erlitt Brehme vor laufenden Kameras einen Weinkrampf, der Vereinsgeschichte machte. Selbst nur minimal Lautern-affine Augenzeugen, die sich bislang noch zurückgehalten hatten, wurden von diesem Tränen-Sturzbach nun endgültig mitgerissen. 1998, mit nun 38 Jahren, wurde Brehme zum Ende seiner Karriere nochmal Deutscher Meister. Mehr emotionales Auf und Ab mit nur einem Verein geht nicht. Summa summarum macht das zehn Jahr im FCK-Dress, also genauso viele, wie Ronnie Hellström sie an einem Stück in der Pfalz verbrachte.

„SO WOLLTE ICH NICHT ABTRETEN“

Dennoch spielt Lautern spielt in Brehmes Balkongesprächen nur eine untergeordnete Rolle. In Folge 3 parliert er ein wenig über seine zweite Zeit am Betzenberg, insbesondere die Jahre unter Otto Rehhagel. Und darüber, warum er nicht schon nach dem Abstieg 1996, immerhin schon 36 damals, nicht schon die Fußballschuhe an den Nagel hängen wollte: „So wollte ich nicht abtreten, das gehört sich auch nicht, wenn man den Verein mit runtergebracht hat, sollte man auch helfen, ihn wieder hochzubringen.“ Dergleichen vernimmt der FCK-Fan natürlich gerne.

Dann aber kommt Brehme auf die Gegenwart seines Ex-Vereins zu sprechen, in der so einiges „nicht hundertprozentig verstanden“ hat. Das haben in der Tat viele nicht. Mit Gerry Ehrmann und Peter Briegel tausche er sich gelegentlich aus, und die sagten, der FCK hätte zurzeit einfach „keine gute Mannschaft, keine Typen“. Er selbst drücke dem Klub nach wie vor die Daumen, habe aber „kein gutes Gefühl.“

OJE: „WENN PETER BRIEGEL WAS MACHEN WÜRDE, WÄR’S WAS ANDERES“

Dann wird er tatsächlich gefragt, ob er sich noch einmal vorstellen könne, eine Funktion beim FCK zu übernehmen, und da sagt er: „Man soll nie nie sagen“, im Moment aber wäre er „eher vorsichtig“. Wenn aber „Peter Briegel was machen würde, wär’s was anderes“.

Und das wiederum klingt – bei allem Verständnis dafür, dass er doch einfach nur nett plaudern will – fast schon wie eine Drohung. Denn, bei allem Respekt vor dem großartigen Fußballer Andreas Brehme: In einer „Funktion“ wollen wir ihn auf dem Betzenberg nun wirklich nicht mehr sehen. 

BREHME ALS FCK-TEAMMANAGER: KEINE GUTE ZEIT

An seine Zeit als Cheftrainer nämlich – genauer: Teammanager – des FCK denken wir nur ungern zurück, um nicht zu sagen, mit Grauen. Von Oktober 2000 bis August 2002 war Andreas Brehme sportlich Verantwortlicher in Kaiserslautern, und in diesen knapp 22 Monaten wurde der Niedergang des Klubs, der im Grunde schon nach dem Gewinn der Meisterschaft 1998 eingesetzt hatte, ein gutes Stück vorangetrieben. Und gerade auch diese Spanne sollte in der Zeit der Corona-getriebenen Rückschauen nicht ausgespart werden.

Sicher, inwieweit Brehme da nun im Detail für die verfehlte Personalpolitik dieser Tage verantwortlich ist, ist im Nachhinein nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Offiziell trug er den Titel „Teammanager“, als eigentlicher Übungsleiter fungierte Reinhard Stumpf, dem alsbald der Ruf anhaftete, er würde es mit seinen intensiven Lauftrainings übertreiben und einen Spieler nach dem anderen in den Krankenstand verabschieden. Alleinverantwortlicher für Transfers dürfte Brehme aber auch nicht gewesen sein, denn auf diesem Feld engagierte sich auch der damalige  Vorstandsvorsitzende Jürgen „Atze“ Friedrich.

FEHLENTWICKLUNGEN UNTER BREHME: DJORKAEFF, WEST UND, UND, UND

Einige Fehlentwicklungen sind aber klar Brehme zuzuordnen. Etwa die um den  französischen Weltmeister Youri Djorkaeff, den Rehhagel 1999 nach Kaiserslautern geholt hatte. Unter Rehhagel hatte das bereits 31-jährige Ballgenie durchaus noch brilliert, Brehme aber vermochte mit Djorkaeffs exquisiten Qualitäten gar nichts zu anfangen und verbannte ihn alsbald auf die Bank. Unfassbar.

Heute wird die Personalie Djorkaeff immer als erste genannt, wenn es darum geht, den „Größenwahn“ zu veranschaulichen, der die FCK-Verantwortlichen damals gepackt hatte. Dabei war Taribo West etwa ein viel größerer Fehlgriff, und der geht auf Brehmes Konto. Brüstete sich der Weltmeister doch selbst damit, dass der Transfer des nigerianischen Nationalspielers allein durch seine guten Kontakte zu seinen alten Freunden in Mailand zustande gekommen war.

Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass West in dieser Phase seiner Karriere nur noch bedingt an Profifußball interessiert war und sich lieber als Laienprediger engagierte. Nach zehn Einsätzen im FCK-Dress flog er aus dem Kader. West war damals auch schon 27 Jahre alt, eine „Marktwertentwicklung“ wäre da kaum noch drin gewesen, selbst wenn er sich als Verstärkung erwiesen hätte.

AUFGEBLÄHTER KADER, KEINE AUSSICHT AUF TRANSFERGEWINNE

 Denn die Zeichen der neuen Zeit, die das sogenannte Bosman-Urteil im Grunde schon im Jahr 1995 gesetzt hatte, hatte der FCK damals noch nicht ansatzweise erkannt. Spieler, deren Vertrag auslief, durften seither ablösefrei wechseln. Wer clever war, begann damals schon, schwerpunktmäßig in Spieler zu investieren, die versprachen, bei einem Wiederverkauf höhere Ablösesummen abzuwerfen als die, die man selbst gezahlt hatte, vorzugsweise in maximal 23- bis 25-Jährige, und verhökerten diese noch vor Vertragsablauf. 

Unter Brehme aber wurde der FCK-Kader mit Spielern aufgebläht, die ebenso wie „Mittelalter“ wie „Mittelklasse“ repräsentierten, Nenad Bjelica etwa, Thomas Hengen oder Stefan Malz. Zu Beginn der Saison 2001/2002 umfasste das Profiaufgebot des FCK sage und schreibe 36 Spieler, darunter etliche, die bereits 30 Lenze oder mehr zählten: Youri Djorkaeff, Mario Basler, Ratinho, Harry Koch, Hany Ramzy, Olaf Marschall. Der Überalterung der Mannschaft, die schon unter Rehhagel eingesetzt hatte, war nichts entgegengesetzt worden. Dabei hatte der FCK im Sommer 2001 über neun Millionen Euro an Ablösesummen ausgegeben, aber nur vier Millionen eingenommen worden.

Die einzigen Spieler dieses Kaders, die eine Steigerung ihres Marktwerts versprachen, waren der Brasilianer Lincoln sowie der junge Miroslav Klose, der später dann auch tatsächlich für fünf Millionen Euro nach Bremen wechselte – und der unter Brehme, das  muss auf seiner Habenseite notiert werden, den entscheidenden Sprung nach vorn machte. Der Vier-Millionen-Einkauf Lincoln hingegen wurde – da konnte Brehme nichts mehr für – 2004 gegen den damals bereits 28-Jährigen Schalker  Joachim Seitz eingetauscht, der zwei Jahre lang nichts riss und danach ablösefrei ging. Schalke hingegen verkaufte Lincoln 2007 für fünf Millionen Euro an Galatasary Istanbul weiter.

DER SPORTLICHE NIEDERGANG ZEICHNETE SICH IMMER DEUTLICHER AB

Und sportlich?

Nachdem Brehme von Rehhagel übernommen hatte, führte er den FCK in der Saison 2000/2001 von Rang 12 auf Rang 8. Naja. Der Start in die anschließende Spielzeit verlief furios: Lautern gewann sieben Spiele in Folge. Nach diesen 21 Punkten holte Brehme in den verbleibenden 28 Partien jedoch nur noch 32 Zähler und rutschte mit seiner Mannschaft nach einer 3:4-Niederlage in Stuttgart am 34. Spieltag aus den Qualifikationsrängen für den UEFA-Cup-Pokal. Damit war der Deutsche Meister von 1998 zum zweiten Mal hintereinander in keinem internationalen Wettbewerb dabei. Der sportliche Abwärtstrend zeichnete sich immer deutlicher ab, dabei hatte das Drama ums WM-Stadion mit seinen katastrophalen wirtschaftlichen Folgen noch gar nicht begonnen.

 Im Sommer 2002 investierte Lautern abermals fünf Millionen Euro in Ablösen, ohne im Gegenzug Transfereinnahmen zu verzeichnen. Bereits am 3. Spieltag der anschließenden Saison wurde Brehme entlassen, der FCK rangierte mit nur einem Punkt auf Rang 16. Auch auf seinen anschließenden Stationen als Trainer in Unterhaching und als „Co.“ von Giovanni Trapattoni beim VfB Stuttgart verzeichnete der Weltmeister von 1990 keine Erfolge. Seit 2006 privatisiert er quasi, ist nur noch in Botschafterrollen oder bei Charity-Aktionen aktiv.

DOCH, AUCH ER EINEN NAGEL IN DEN SARG GESCHLAGEN 

Um es noch einmal klar zu sagen: Es ist ihm nicht übel zu nehmen, wenn er sich bei seinen Balkongesprächen nur an die schönen Seiten seiner großartigen Karriere erinnert. Und wir wollen auch nicht behaupten, dass Andreas Brehme DER  Totengräber des FCK wäre, auch nicht, er wäre zumindest einer derjenigen, die den FCK zu Grabe getragen haben. 

Aber: In den Sarg dieses großen Traditionsvereins, der längst gezimmert, aber zum Glück immer noch nicht ganz geschlossen ist, hat der Junge aus dem Norden, den es in den Süden zog, zumindest einen Nagel reingeschlagen. Keinen übermäßig großen, aber auch keinen von den ganz kleinen.

DIE ERINNERUNG BLEIBT: AN EINEN GROSSEN SPIELER UND PHILOSOPHEN

Drum bleibt als Fazit: Doch, ein Andreas Brehme sollte auch mal „nie“ sagen, etwa, wenn es um eine neue Aufgabe beim FCK geht. Wir möchten uns Andreas Brehme lieber als das beidfüßige Fußballgenie in Erinnerung behalten, das er war. Und natürlich als großen Philosophen. Sein Ausspruch „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“ ist in Fankreisen nach wie vor Kult. Und im übrigen keinesfalls Blödsinn, wie manche Ignoranten glauben: Nie hat ein Fußballweiser plastischer in Worte gekleidet, dass es in diesem Sport  kein Geheimnis hinter den Dingen gibt, sondern sie einfach nur sind, wie sie sind.

Ein anderes Brehme-Bonmot passt ebenfalls gut in die Gegenwart des 1. FC Kaiserslautern. Es kann Markus Merk und seinen Mitstreitern als Leitspruch dienen, wenn sie in diesen Tagen versuchen, das wirtschaftliche Gerüst des FCK für die kommende Spielzeit zu sichern, trotz der verheerenden Finanzlage, die durch Corona noch dramatischer geworden ist:

„Das Unmögliche möglich zu machen, wird ein Ding der Unmöglichkeit.“

Text: Eric Scherer

Foto: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images