Trotz des knappen Votums für „Geisterspiele“: Der Neustart der Dritten Liga steht weiter in den Sternen

Funktionäre und Fans haben vergebens gehofft, die Gipfelrunde zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten am gestrigen Donnerstag könne endlich Klarheit schaffen, wann der deutsche Profifußball wieder angepfiffen werden darf. Nichts da: Die Entscheidung fällt erst am 6. Mai, als realistische Termine für den Start in die Restsaison im Geisterspiel-Modus gelten für die Erste und die Zweite Liga nun der 22. oder der 29. Mai. Und Liga 3? Der Außerordentliche DFB-Bundestag, der darüber entscheiden soll, ist erst am 25. Mai angesetzt. Allerdings könne mit der Saisonfortsetzung auch früher schon begonnen werden, soll der DFB auf Anfrage des MDR mitgeteilt haben. Auf welcher Grundlage, ist allerdings nicht so ganz klar. Sicher ist: Es bleibt schwierig.

Die Vereinsvertreter der Dritten Liga hatten bekanntlich in einer Videokonferenz am Montag darüber abgestimmt, ob die Saison abgebrochen oder mit „Geisterspielen“ zu Ende gebracht werden sollte. Das Votum fiel denkbar knapp aus: 10:8 zugunsten einer Kickerei vor leeren Rängen, so hatte es auch der Liga-Ausschuss des DFB empfohlen. Dass kein Vereinsvertreter mit Blick aufs große Ganze abstimmte, sondern sich nur vom individuellen Interesse seines Klubs leiten ließ, visualisiert diese „kicker“-Grafik recht eindrucksvoll:

Tabelle

Die abstiegsbedrohten und die auf Aufstiegsplätzen stehenden Vereine stimmten für Abbruch – in der Hoffnung, dass die Aufsteiger dann gemäß des zuletzt gültigen  Tabellenbildes gekürt werden und auf Absteiger verzichtet wird. Die, die in dieser Saison noch Chancen haben, Aufstiegsplätze zu erklimmen, wollen weiterspielen.

VERTRÄGE KÖNNTEN ÜBER 30. JUNI HINAUS GÜLTIG BLEIBEN 

Der Abstimmung enthalten hatten sich lediglich der SV Meppen und der 1. FCK Kaiserslautern. Der FCK wollte, wie er offiziell erklärte, nur für eine Fortsetzung stimmen, wenn die Runde definitiv bis 30. Juni beendet werde. Unter anderem, weil Spielerverträge in der Regel bis zu diesem Termin datiert sind, und wie mit diesen zu verfahren sei, wenn bis in den Juli oder gar August gespielt werden müsse, sei rechtlich unklar. In der DFB-Beschlussempfehlung hieß es lediglich, der Abschluss zum 30. Juni werde „soweit möglich“ angestrebt.

Besonders pikant ist für den FCK die Personalie Lennart Grill: Sein Transfer zu Bayer Leverkusen zum 1. Juli ist bereits fix, rund zwei Millionen Euro sollen dabei fließen. Geld, dass Lautern dringend braucht, um sich seine Lizenz für die kommende Spielzeit zu sichern. 

Dieses Problem scheint lösbar, wie Recherchen des SWR andeuten. Der Sender fragte bei Rechtsexperten nach, nach deren Auffassung unter den besonderen Umständen der Corona-Pandemie die Verträge auch über den 30. Juni hinaus gültig bleiben könnten.

NEUSTART IM JUNI „AUS SPORTLICHER SICHT NICHT DURCHSETZBAR“

Könnte – „grünes Licht“ von Seiten der Politik vorausgesetzt – die Dritte Liga mit den beiden oberen am 22. Mai wieder starten, wäre der 30. Juni vielleicht sogar noch zu halten. Der DFB-Bundestag am 25. Mai müsse nicht unbedingt abgewartet werden, verweist der MDR auf eine entsprechende Anfrage beim DFB. Erst zu diesem Termin über einen Re-Start reden zu wollen, der dann vielleicht erst im Juni erfolgen könnte, hält auch Toni Wachsmuth, Sportdirektor des FSV Zwickau, für unsinnig: „Unsere Jungs sind seit Mitte März zu Hause und haben dort, außer vielleicht mit ihren Kindern, nicht gegen den Ball getreten“, erklärte Wachsmuth im TV-Talk „Sport im Osten“ und ergänzte. „Wenn wir am 25. Mai, nach zehn Wochen Pause, noch über eine Fortsetzung der Saison reden wollen, ist das aus sportlicher Sicht nicht durchsetzbar.“

Zudem herrschen in den Bundesländern nach wie vor unterschiedliche Voraussetzungen, unter denen sich die Klubs auf den Re-Start der Liga vorbereiten müssen. In Baden-Württemberg etwa, wo Lauterns Lokalrivale Mannheim beheimatet ist, ist nach wie vor nur Einzeltraining möglich, in Rheinland-Pfalz darf bereits wieder in Gruppen trainiert werden.

AUCH DER „KOMMUNALE DOPPELPASS“ KÖNNTE DFB-PLÄNE AUSHEBELN

Der DFB betont zwar, weiterzuspielen wollen, weil er sich „als Träger und Zentralvermarkter der 3. Liga bei einem freiwillig gewählten Saisonabbruch erheblichen Haftungs- und Schadenersatzrisiken gegenüber Drittparteien“ aussetze – es könnte aber auch genau umgekehrt laufen: Eine Fortsetzung könnte von Abbruchs-Befürwortern ebenso beanstandet werden – mit Verweis darauf, dass keine fairen  Voraussetzungen für einen sportlichen Wettbewerb gegeben seien.

Ebenso ist ein „kommunaler Doppelpass“ zu befürchten, wie abermals der „kicker“ recherchiert hat.  Denn auch die Städte und Gemeinden, in denen die Drittligavereine beheimatet sind, könnten „Geisterspiele“ untersagen. Bei einer Umfrage des Fußballfachblatts äußerte sich das Gros der befragten Kommunen zwar dahingehend, dass sie sich über den Willen der höheren Entscheidungsebene – also Land oder Bund – nicht hinwegsetzen wollen, fünf Städte aber positionierten sich recht klar gegen einen Neustart der Liga: Jena, Magdeburg, Münster, Zwickau, Halle. Deren Vereine sind allesamt abstiegsbedroht – und ebenfalls Abbruchs-Befürworter. Glaubt da irgendjemand an Zufall?

NICHT VERGESSEN: AUCH FANS SIND GEGEN GEISTERSPIELE

Abermals kann man es drehen und wenden, wie man will: Ein Saisonabbruch wäre – zumindest für das Gros der Drittligavereine – nicht nur wirtschaftlich das geringere Übel, sondern würde unterm Strich auch weniger Ärger und nicht immerfort neue Fragezeichen verursachen. Mal ganz abgesehen davon, dass sich auch nahezu alle Fanorganisationen gegen „Geisterspiele“ ausgesprochen haben.

Ein Saisonabbruch würde wenigstens klare Verhältnisse und Planungssicherheit schaffen – und die Möglichkeit bieten, die nächste, eigentlich viel spannendere Frage in den Fokus zu rücken: Wie will die Dritte Liga in die kommende Spielzeit starten – wenn zumindest auch die Hinrunde 2020/21 ohne Publikum geplant werden muss?

Text: Eric Scherer

Foto: Frank Fife/AFP/Getty Image